«Fürchte den Erfolg und meide das Streben»: Die weisshaarige Dame mustert das kleine Poster aufmerksam. Ein ernstes Männergesicht prangt neben dem «Spruch der Woche». Ein Berner Künstler liefert ihn jeden Freitag ins Haus. Die 70-Jährige mag sich jetzt nicht den Kopf zerbrechen. Lächelnd reicht sie der Kassierin ihre zwei Fünfliber, sagt «Spätzli und Suppe», bedankt sich für die beiden Bons und steigt, die Hand am Geländer, die steinerne Treppe hoch.

Junkerngasse 30, Speiseanstalt der Stadt Bern. Die Adresse ist den Einheimischen bestens bekannt. In der «Spysi» gibt es in den Wintermonaten Suppe, Brot, Wasser und für wenig Geld ein währschaftes Menü. «Eingang zur Speiseabgabe» steht auf dem Schild im ersten Stock. Daneben das Lavabo, ein Spiegel und die Strombuchse mit der Aufschrift «Rasierapparat».

Die «Spysi» hat eine bewegte Geschichte. Im zweiten Stock unterhielt bis vor kurzem der Naturalverpflegungsverband des Amtsbezirks Bern die «Passantenherberge»: offen für Saisonniers, Heimatlose, Enterbte und Gestrauchelte. Die «Speiseabgabe» im ersten Stock wird seit über hundert Jahren von einem wohltätigen Verein getragen. Dieser hat keine zahlenden Mitglieder, nur zahlende Gäste sowie Freunde und Gönner.

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«Die "Spysi"-Damen sind total lieb»
Rahel Bucher ist 19 Jahre alt. Während ihrer Ausbildung zur Dekorateurin lernte sie die «Spysi» schätzen. Fürs Essen hatte sie ganze zehn Franken pro Tag zur Verfügung. Die Sympathie wuchs – aber nicht aus der Not allein. «Die "Spysi"-Damen sind einfach total lieb», sagt die junge Frau. «Sie haben Freude an ihrer Arbeit und an den Menschen, die kommen.»

«Spysi»-Damen? So heissen die freiwilligen Mitarbeiterinnen, die ehrenamtlich die 18 Tische herrichten, die Gäste betreuen, Brot schneiden, servieren, aufdecken, abräumen. Bis zu 110 Gäste kommen täglich: Alleinstehende, Pensionierte, Arbeiter, Verwaltungsangestellte.

In der zweiten Tischreihe sitzt ein älterer Herr. Er trägt Turnschuhe, die Aktenmappe liegt auf seinen Knien. Versunken führt er den Suppenlöffel zum Mund. Nein, er mag nicht von sich erzählen. Oder wenn, dann nur unter anderem Namen. «Nennen Sie mich Hase», sagt er schliesslich. «Wie bitte?» – «Ha-se. Hase! Haaa – se!!!» Seine Pupillen bohren sich ins Gegenüber, er schweigt. Dann wird er leise, und seine Augen werden gross. «Wissen Sie, ich hätte jemand anders sein können.» Pause. Er isst. «Mehr gibts nicht zu sagen.»

Die «Spysi»-Dame füllt ihm den zweiten Suppenteller. «Ich bin uninteressant», sagt er. «Schreiben Sie: Administrativjustiz!» Vor dem dritten Teller sind dann doch noch ein paar Dinge zu erfahren. Man habe Akten gesammelt über ihn. Nach dem Fichenskandal habe er ein Dossier zugeschickt bekommen mit dem Vermerk «Querulant und Spinner». Herr Hase isst regelmässig in der «Spysi». Er wirkt müde. Die «Spysi»-Dame holt seinen leeren Teller: «Heit er gnueg?» Herr Hase packt zwei Scheiben Brot ein, «zum Zvieri».

«Ich beobachte die Leute gern hier», sagt Rahel Bucher. «So viele Gedanken gehen einem durch den Kopf, so viele Gespräche sind hier möglich. Die "Spysi" ist einfach anders.»

Rahel Bucher «büglet» in Bümpliz. Die Lehre im Atelier macht ihr Spass. Auch wenn die Weihnachtszeit der Schaufensterdekoration «thematisch Grenzen setzt». Für eine Buchhandlung galt es, einen Sternenhimmel zu gestalten: mit Holzplatten, Lichtketten, dunklem Samt, und «die Engel schaukeln per Ventilator».

«An die Bewohner der unteren Stadt! Die Leistgesellschaften "Nydeck" und "Postgasse" haben in Anbetracht der Geschäfts- und Arbeitsstockung, die auf einen Besorgnis erregenden Winter hindeuten, beschlossen, es sei versuchsweise eine Suppenanstalt zu errichten, in der eine nahrhafte Suppe nebst Fleisch gegen billige Bezahlung verabreicht werden soll.»

10. September 1877. Fürsorge und Arbeitslosenkasse sind noch unbekannte Grössen. Das Holz ist teuer, die Arbeitslosigkeit steigt. Zwei Quartiervereine des ärmeren unteren Stadtteils rufen im «Intelligenzblatt» der Stadt Bern zur Zeichnung von Anteilscheinen auf. In kurzer Zeit sammeln sich 5285 Franken an.

Ein Liter Suppe für zehn Rappen
Am 8. Oktober wird die Speiseanstalt eröffnet. Im ersten Betriebsjahr werden 52864 Portionen Suppe und 12'802 Portionen Fleisch gereicht. Das Küchenmaterial wird von der Militärdirektion zur Verfügung gestellt. Die Anstalt ist vom ersten Tag an ein voller Erfolg. Ein Liter Suppe kostet zehn Rappen, die Portion Fleisch zwanzig Rappen. Schon bald wird ohne Aufpreis ein Stück Brot mitgegeben.

Bunt gemischtes Völkchen
Hausi, der Kerzengiesser, und Marlis, die Sachbearbeiterin, lachen sich an. Ob er sich wirklich von ihr die Haare schneiden lassen soll? Eine «Spysi»-Dame streichelt die Schulter einer älteren Frau. «Gehts?», fragt sie. Die Essende dreht ihren Nacken, das geht nicht so leicht, aber sie lächelt. Und nickt. Die beiden Angestellten des Bundes unterhalten sich über die Schliessung von Asylunterkünften.

«Dihr heit e luschtigs Lache», sagt Julia Schwander zu Rahel. Als Julia Schwanders Mann vor 13 Jahren gestorben war, ernährte sich die Witwe zuerst nur von Fertignahrung. «Dann sagte mir der Doktor, ich müsse zu meinem Leben schauen», erzählt die Frau. «Recht hatte er», sagt Rahel.

Die «Spysi» kennt Julia Schwander seit ihrer Jugend. Hier holten die armen Kinder Randensalat und «Gschwellti». Julia Schwander war Verkäuferin in der Migros, bis sie heiratete. Damals packten die besseren Leute ihre Einkäufe noch mit Zeitungspapier ein. Sie wollten sich nicht mit einer Migros-Tüte zeigen. Rahel kann es fast nicht glauben.

Die junge Frau singt in einer Punkband. «Das Repertoire ist noch klein», sagt sie. «Wir machen alles zum "Grubenpunk".» – «So?!», sagt Julia Schwander. Dann erklärt sie, die Jungen von heute hätten keine Geheimnisse mehr. «Die Kinder wachsen ohne Osterhase, ohne Samichlaus und ohne Christkind auf.» Und sie erzählt die Geschichte von ihrem Enkelkind. Es habe gefragt, wo Grossvater denn jetzt sei. Sie habe gesagt: «Im Himmel.» Da habe das Kind geantwortet: «Gar nicht wahr. Er ist im Loch unten.» Die Betretenheit am Tisch dauert nur kurz. Julia Schwander lacht, dann lachen alle.

1879 wurden von der «Speiseanstalt der unteren Stadt Bern» folgende Käufe getätigt: 50 Suppenteller, vier Dutzend Löffel, neun Dutzend Gabeln und ebenso viele Messer. Die geliehenen Suppentöpfe wurden von der Militärdirektion wieder zurückverlangt. Im selben Jahr wurde ein Betriebsüberschuss von Fr. 5.57 erzielt. Das Wochenmenü war einfach. Sonntag: Fleischsuppe. Montag: Erbsensuppe. Dienstag: Bohnensuppe. Mittwoch: Reissuppe. Donnerstag: Erbsensuppe. Freitag: Bohnensuppe. Samstag: Reissuppe.

«Darf ich mich hinsetzen?» Julia Schwander rückt mit dem Stuhl leicht zur Seite. Es ist eng in der Ecke; der Saal ist voll. Der Mann in der orangen Arbeitskleidung dankt. Die Oxtailsuppe dampft. Walter Steffen saniert mit seinen Kollegen die Kanalisation, die unter der «Spysi» hindurchführt. Rahel ist interessiert. Die Kanäle, erzählt er, nenne man «E-Gräben». Das «E» komme von «Ehe»; «Ehe» bedeute «teilen»; die Gräben seien seit Jahrhunderten gemeinsam genutzt worden. «Ehegräben!» Rahel lacht.

Walter Steffen ist gesprächig. Ursprünglich Bauspengler, habe er die Höhe nicht mehr ertragen. Einmal wurde es ihm übel auf dem Dach. Der Lüftungsduft der Küche sei zu stark geworden. Fast sei er abgestürzt. Dann habe er dieses Inserat gesehen: «Kanalarbeiter gesucht.» Seit 17 Jahren arbeitet er schon unter Tag.

«Lueg, d Kanalratte.» Je nachdem, wo Steffen Pause macht, erntet er besondere Aufmerksamkeit. «Manchmal stört mich das.» Aber im Grund habe er keine Probleme mit seinem Beruf. Rahel, die Dekorateurin, ist fasziniert.

Ein Kontrollgang geschieht immer zu dritt. Ein Arbeiter schreitet auf der Strasse die Leitung ab und öffnet die Schachtdeckel; die beiden andern suchen den Kanal mit einer Stirnlampe nach Defekten ab. Eine Funkverbindung gibt es nicht. Die Schachtöffnung ist der einzige Weg, mit der «Oberwelt» in Kontakt zu bleiben. «Wir sind sehr aufeinander angewiesen. Man muss aufeinander aufpassen. Man kann nie sagen: "Geh schon mal, ich komme dann schon."»

Wie das denn ablaufe, mit den geöffneten Schachtdeckeln, fragt Rahel. Alle 50 Meter dringe Licht in den Kanal, sagt Steffen. Der Kollege oben klopfe an die Stahlleiter. «Die beiden, die unten sind, rufen dann: "Wir sind da!", "Hallo!" oder "Holdrio!" – je nach Laune.» Steffen lacht. Im Kanal sei es meistens um die 15 Grad warm, «wegen der Abwässer».

Im «Spysi»-Saal hängen wenige Bilder: eine Bauernfamilie, eine Gruppe von Gelehrten, eine Landschaft im Frühling, der Stadtplan von Bern. Und eine Ehrenurkunde: «Die Fürsorge- und Gesundheitsdirektion der Stadt Bern verleiht den Sozialpreis 1996 zu gleichen Teilen an Frau Rosa Lehmann für ihre langjährige unermüdliche Tätigkeit während 38 Jahren zugunsten obdachloser Menschen in der Männerherberge und der "Spysi" sowie an die freiwilligen Mitarbeiterinnen der "Spysi" in Anerkennung für ihren vorbildlichen Einsatz zugunsten einer sozialen Institution, die aus Bern nicht wegzudenken ist. Fürsorge- und Gesundheitsdirektion der Stadt Bern, 16. Oktober 1996.»

Rosa Lehmann war bis 1994 die Hausmutter der «Spysi» – das «Herzstück», wie viele sagen. Sie betreute sowohl die Passantenherberge als auch die Verpflegungsstätte im Haus. «Wir haben die Kleider gewaschen, die Hosen gekürzt und nie etwas verlangt.» Die gelernte Schneiderin nähte Küchenlappen und -schürzen, Leintücher – und, wenn es sein musste, auch Hemden. Im Winter waren hier rund 30 Leute einquartiert, im Sommer 15.

Als Rosa Lehmann einmal mit einer Freundin im Café sass und diese sie fragte: «Wie viele Männer hast du jetzt?», sagte die Hausmutter: «18.» Dem Kellner sei fast das Tablett aus der Hand gefallen.

«I ha mengs erläbt», sagt Rosa Lehmann. «Aber s isch schön gsii.» An Weihnachten strickten die Frauen des Quartiervereins jeweils Wollsocken. «In diesen Tagen wurde es immer lauter. Alle fingen an zu spinnen. Manchmal kam es auch zu Schlägereien.»

Dann erzählt Rosa Lehmann von Mänu, der gegen 60 war: «es prings Mannli, e ganz e Stille». Bedrückt sei er einmal von einem Besuch bei Verwandten zurückgekommen. «Sie hei mi plaget», habe er gesagt, und: «Jetz bin i wider dihei.» Am andern Morgen sei er tot im Bett gelegen.

Die Zeiten, als bloss Hilfsbedürftige die «Spysi» besuchten, sind längst vorbei. Der Geruch der Rossknechte hat sich schon lang verflüchtigt; Arbeitslose sind hier kaum noch anzutreffen. Der Koch bringt es auf den Punkt: «Wer heute die "Spysi" wirklich benötigt, traut sich kaum mehr hierher. Das Publikum ist bunt.» Was nicht heisst, dass der Wille zu helfen verloren gegangen ist. Als 1997 sechs Häuser an der Junkerngasse abbrannten, öffnete die «Spysi» mitten in der Nacht die Türen und bot den Opfern Kakao und Brot an.

117 Leute in anderthalb Stunden
13 Uhr 20. Als letzter Gast sitzt in der Ecke ein Vater mit seinem Kind. Er zeichnet ein Labyrinth auf die Serviette. Auf der Theke stehen Salatschälchen und Desserts. Emmy Grundbacher, «Spysi»-Dame und Rentnerin wie die meisten ihrer Mithelferinnen, legt ein Kärtchen in den Küchenlift. «Bitte, unser Essen», steht drauf, und: «Ein Dessert, zwei Kugeln.»

Drei «Spysi»-Damen haben diesen Mittag 117 Leute bedient – in anderthalb Stunden. Sie sitzen jetzt am runden Tisch. «De Brechbüel isch da gsii, hend er gseh?» – «Ja. Was isch los gsii?» – «De isch sicher bald Nünzgi.» – «I han ne gfragt, ob er chrank sig gsii. Er hed gseit: "Nei, nur si Kasse sei chrank gsii."» – «I ha nume zwö älteri Herre gha, susch sis alles Jungi gsii.» – «Ja, hütt heds viel Jungi ghaa», sagt eine andere. Emmy Grundbacher schöpft Bohnen.

Auf der Abrechnung der «Spysi»-Damen wird heute stehen: 117 Essen, 20 Franken TG. «TG» heisst Taschengeld. Wenn die Saison vorbei ist, wird die Mittwochgruppe mit diesem Geld eine kleine Reise machen. Dieses Jahr waren die Damen in Montreux, «in diesem berühmten Tea-Room, gleich neben dem "Hotel Palace"». Martha Müller bestellte dort den besten Kuchen. Carameltorte mit Schäumchen. Sie strahlt.

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