Als Pedro und Rosa an der Tankstelle eine Verschnaufpause einlegen und den Einkaufswagen abstellen, geht plötzlich der Stern von Bethlehem auf. Auf dem Dach des Hochhauses, das den Namen Balthasar trägt und wie seine beiden Nachbarn Kaspar und Melchior nach den Heiligen Drei Königen benannt ist, schaltet sich die weihnachtliche Aussenbeleuchtung ein. Hell strahlt der Glühbirnenstern von der Fassade, an den Balkonen glitzern die Leuchtgirlanden. Dann mahnt Pedro zur Eile und ergreift den Wagen. Der Weg ist weit, die Nacht dunkel und kalt.

Was sich wie eine Weihnachtsgeschichte anhört, ist ein gewöhnlicher Donnerstagabend im Advent. Pedro, der 15-jährige Schüler, und seine Schwester Rosa, 11, verteilen für ein kleines Sackgeld die Quartierzeitung «Wulchechratzer». Das Blatt erscheint einmal im Monat in einer Auflage von 7300 Exemplaren – seit 43 Jahren schon. Nun liegt es gestapelt im Einkaufswagen und kommt gratis in die Haushalte von 3027 Bern-Bethlehem.

Bethlehem: Hinter dem weihnachtlich klingenden Ort verbirgt sich ein Bezirk im Stadtteil 6 am westlichen Ende Berns. Seinen Namen verdankt er dem Deutschritter-Kloster, das im Mittelalter einen Prozessionsweg errichtete. Andere Stationen wie «Jerusalem», die im Wald lagen, gingen vergessen. Der Name «Bethlehem» indes blieb erhalten, weil er zu einem Weiler gehörte. Mit der Eingemeindung 1918 kam Bethlehem zusammen mit Bümpliz zur Stadt Bern.

Pedro kam im Alter von zwei Jahren mit seiner Mutter aus Angola in die Schweiz. «Wegen des Krieges», sagt er. Er sitzt im Jugendtreff Tscharni auf einem abgewetzten Sofa. Schon sieben Mal ist die Familie umgezogen. In Bethlehem wohnt sie seit drei Jahren, im 18. Stock der Hochhäuser Holenacker. «Es ist egal, wo man wohnt», meint Pedro, «Hauptsache, man hat überhaupt etwas.» Die andere Hauptsache, die es im Leben braucht, kommt dem Neuntklässler geschliffen über die Lippen: «Respekt! Ob einer Skater, Hiphopper, Punk oder irgendwas ist – man muss jeden respektieren.»

Leider seien in Bethlehem Neid und Streit unter Jungen sehr häufig. Manche suchten Ablenkung in einer Gang oder bei Alkohol und Drogen, schon im Alter von zwölf werde gekifft. Deshalb werde das Quartier auch «Getto» genannt, doch so schlimm sei es gar nicht: Er selber rauche und kiffe nie, spiele Fussball im SC Bümpliz – «man muss etwas aus sich machen.»

Nicht mehr Delikte als anderswo
12'600 Personen leben in Bethlehem – 4500 oder fast 36 Prozent sind Ausländer. Bei einem städtischen Durchschnitt von 21 Prozent hat Bethlehem den höchsten Ausländeranteil der ganzen Stadt. Stark vertreten sind neben Italienern und Spaniern Menschen aus der Türkei, dem Kosovo und aus Afrika.

Aus der Sicht der Stadtpolizei ist Bethlehem «ein ruhiges Quartier», wie Sprecher Franz Märki sagt. Es gebe nicht mehr Delikte als anderswo. Bezüglich Drogen, Jugendgewalt oder Graffiti seien eher der Bahnhof und die Altstadt die «Hotspots». Aber: «Wegen der Hochhäuser ist die Anonymität etwas grösser» – so würden etwa in den Tiefgaragen oft Autoteile entwendet. Auch Fälle von häuslicher Gewalt und Nachbarschaftsklagen seien in Siedlungen mit hohem Ausländeranteil häufiger als etwa im Villenviertel.

Weil sie die lebendige Atmosphäre schätzt, ist Maya Hugi bewusst nach Bethlehem gekommen. Die 50-Jährige wohnte in der Region Biel und fand vor 30 Jahren ihre erste Stelle in einer Kindertagesstätte. Heute ist sie Leiterin der Tagesstätte Brünnen-Gäbelbach in einem alten Landgut, das auf einem Hügel direkt über dem Schlund der Autobahn liegt. Im Innern der denkmalgeschützten Villa riecht es nach Gemüsewähe und Nestwärme, durchs Fenster sieht man die ersten Kinder von der Schule zum Mittagstisch stürmen.

Am Anfang sei sie «schon etwas erschrocken» über die Wohntürme, sagt Hugi, doch dann lebte sie selber im 17. Stock des Holenackers. Gemeinschaftsräume, Sauna, Bibliothek, Wald, Wiesen: «Die Lebensqualität im Quartier ist sehr hoch.» Doch leider habe Bethlehem bei vielen einen schlechten Ruf, was unter anderem die Jugendlichen bei der Lehrstellensuche zu spüren bekommen. Dabei bietet das Quartier einiges, um den sozialen Kitt zu stärken und die Integration der Fremden zu fördern: Maya Hugi bastelt jedes Jahr Adventslaternen mit ihren Kindern, die aus christlichen, muslimischen, buddhistischen und jüdischen Familien stammen. «Ich habe sogar den Eindruck, dass Andersgläubige ihre Hochhausbalkone noch üppiger mit Beleuchtung schmücken als Christen», meint sie schmunzelnd.

Die Hochhäuser haben das Bild von Bethlehem geprägt. Als das Schweizer Fernsehen 1971 «Heute Abend in...» aus dem Gäbelbach ausstrahlte, hielt Moderator Werner Vetterli mit abschätzigen Kommentaren nicht zurück. «Kaninchenstall», «Bunker», «Betonklotz» – für viele Durchschnittsschweizer, die sich den Traum vom eigenen Häuschen im Grünen verwirklichen konnten, waren die Bethlehemer Sozialbauten ein Schreckgespenst. Und sind es bis heute geblieben.

Tatsächlich sind die Siedlungen unschweizerisch gross: Das Tscharnergut, zwischen 1958 und 1965 erbaut, verfügt über 1186 Wohnungen und fasste zu Beginn mehr als 5000 Bewohner. 3300 Mieter in 866 Wohnungen zählte die Überbauung Gäbelbach, die 1966 bis 1967 erstellt wurde. In den Jahren 1969 bis 1976 kamen die Hochhäuser im Bethlehemacker (Kaspar, Melchior, Balthasar) dazu, 1983 bis 1985 jene im Holenacker. Insgesamt leben gegen 60 Prozent aller Bethlehemer in einem Block.

Doch mit Anonymität hatte das ursprünglich wenig zu tun. Im Gegenteil: Die Erbauer wollten eine neue, soziale Lebensform entwickeln. Als in den fünfziger Jahren immer mehr Arbeiter in die Stadt kamen, mussten günstige Wohnungen her. Also drängten sich Blocks mit vorfabrizierten Elementen auf, als Norm galt die Dreizimmerwohnung. Für die Arbeiterfamilie mit bis zu drei Kindern genügte das Raumangebot. Aktivitäten, die in den eigenen vier Wänden keinen Platz fanden, wurden in Gemeinschaftsräume verlegt: in den Partykeller, die Werkstatt, den Kinderhort. Zudem blieben die Innenhöfe autofrei – für die damalige Zeit, als überall Autobahnen entstanden, ein visionäres Projekt.

Zu jener Zeit galt Bethlehem generell als «progressiv», erklärt Hans Stucki, Sekretär der Quartierkommission. Arbeiter, Ausländer, Linke drückten dem Ort ihren Stempel auf. Die Sozialdemokraten holten damals klar die meisten Sitze und sie diktierten, was auf den Stimmzettel angekreuzt wurde. Doch inzwischen sei das Quartier «bürgerlicher, konservativer geworden», so Stucki. Zum Beispiel lehnte der Kreis 6 im Jahr 2004 als einziger Kreis der Stadt die erleichterte Einbürgerung für junge Ausländer ab.

«Hier müssen sie mich raustragen»
Neben jungen Ausländern gibt es in Bethlehem viele betagte Schweizer. René Fehlmann zum Beispiel, ein 74-jähriger pensionierter Möbelschreiner und Küchenbauer, konnte kürzlich ein besonderes Jubiläum feiern: Er wohnt seit 50 Jahren im selben Reihenhaus. Beim Besuch in der Siedlung Bethlehemacker fällt die selbst gebaute Weihnachtskrippe auf, die er jedes Jahr in der Stube herrichtet. Ebenso auffällig die Pendeluhr des Jodlerklubs Länggasse, dem Fehlmann während 48 Jahren angehörte, 17 davon als Präsident. «Hier muss man mich hinaustragen», sagt der Rentner über sein Vierzimmerhaus – «aber mit den Füssen voran.»

Fehlmann zog mit seinen Eltern 1944 in die Siedlung. 1955 bot sich ihm die Chance, selber Genossenschafter zu werden und ein Häuschen zu übernehmen. Er war verheiratet und hatte «zum Glück» bereits zwei Kinder – so schreibt es die Genossenschaft bis heute vor. Sie wählt ihre Mieter sorgfältig aus: Angehörige haben Vorrang, der Ausländeranteil ist tief. Seit 1998 lebt Fehlmann mit seiner Partnerin Sylvie Besson im trauten Heim mit Garten und Biotop. «My home is my castle», sagt der Rentner. Zum Quartier meint er: «Bethlehem ist im Umbruch, verjüngt sich – und trotzdem bleiben die Kontakte zu den Leuten gut.»

Nicht alle sehen das so. Ausgestossen fühlt sich in Bethlehem vor allem eine Bevölkerungsgruppe: die Arbeitslosen. 7,1 Prozent der Einwohner, so viele wie sonst nirgends in Bern, sind ohne Job – im städtischen Schnitt sind es 4,4 Prozent. Noch drastischer ist es bei den Jugendlichen: 15 Prozent oder jeder siebte im Alter zwischen 20 und 24 muss stempeln gehen, ein grosser Teil davon sind Ausländer.

Wer keine Arbeit hat, braucht günstigen Wohnraum, was Bethlehem reichlich hat: Eine Einzimmerwohnung gibt es für 370 Franken, eine Vierzimmerwohnung für 670 Franken. Geschätzt wird dieses Angebot von Schweizer Senioren wie von Migrantenfamilien. Und wenn man sich am Weihnachtsmarkt oder in den Snackcafés umschaut, fällt auf, dass auch Sozialhilfebezüger, IV-Rentner und Drogensüchtige dankbar sind für das günstige Obdach. Diese Mischung «kann natürlich Konfliktpotenzial bieten», sagt Otto Wenger vom Quartierzentrum Tscharni, der ältesten Sozialeinrichtung Bethlehems, «aber sie macht auch viel Positives möglich.»

Wohnten 1970 noch 4600 Leute im Tscharnergut, sind es heute noch halb so viele – derart stark ist der Platzbedarf pro Kopf gewachsen. Zugleich stiegen die Anteile der Ausländer und Senioren markant, jener der Kinder sank. Doch statt die Siedlung zur «bidonville» nach französischem Muster verkommen zu lassen, würde man sich rasch auf die veränderten Bedürfnisse einstellen, sagt Wenger. «Früher hatten wir im grossen Saal im Untergeschoss eine Disco, die bis zu 800 Teenies anlockte. Dann gab es immer mehr professionelle Lokale, wo die Jungen hingingen. Und so nutzen wir den Raum heute einmal im Monat für Seniorentanz.»

Betagte, Migranten, Arbeitslose: Bethlehems Bevölkerung ist nicht gerade privilegiert. Solches prägt die öffentliche Wahrnehmung: «Auswärtige haben eher ein schlechtes Bild von Bethlehem, während Einheimische gern dort leben», resümiert Hans Stucki.

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«Nichts Vergleichbares in Europa»
Dieses Image radikal zu verändern, das ist das Ziel des Grossprojekts Westside. Stararchitekt Daniel Libeskind realisiert über der Autobahn, die in einen Tunnel geschickt wird, ein Freizeit-, Wohn- und Einkaufszentrum. 3,5 Millionen Besucher pro Jahr sollen kommen, 2500 Personen dort wohnen, 800 dort arbeiten. Die Eröffnung ist für 2008 geplant. Zitat aus dem Werbetext: «Im Westen Berns wird eine Vision umgesetzt, die das öffentliche Leben neu definiert. In ganz Europa gibt es nichts Vergleichbares.»

Dass sich das Quartier verändert, davon ist auch Conradin Conzetti überzeugt. Seit 1976 ist er reformierter Pfarrer in Bethlehem. Das war kein Zufall, denn er wollte bewusst in einer «eher linken» Kirchgemeinde arbeiten. Heute muss die Gemeinde nicht nur gegen den schärferen politischen Wind ankämpfen, sondern auch gegen Sparmassnahmen. Daneben engagiert sich der 62-Jährige für die Grüne Freie Liste im Stadtrat. Und er wohnt seit zehn Jahren in einem Hochhaus am Neuhausweg, siebter Stock.

Der Pfarrer sitzt im Café Mondial, dem Begegnungsort der Kirche. Soeben kommt eine Gruppe gut gelaunter Seniorinnen aus dem Nebenzimmer – das wöchentliche Erzähl-Café geht zu Ende. An Heiligabend macht die Kirche seit vielen Jahren eine offene Feier für alle, die nirgends hingehen können oder wollen. Einmal, 1992, war Conzetti an Weihnachten im «echten» Bethlehem und erschrak, wie «trostlos» es dort war: «Polizei, Militär, Absperrungen; von festlichem Frieden keine Spur.» Zwar sei auch Bern-Bethlehem kein einfacher Arbeitsort, «aber gerade weil hier nicht alles so verknöchert ist, bleibt die Arbeit spannend».

Von den Bethlehemern sind nur knapp zwei Fünftel reformiert, die Mehrheit sind Andersgläubige oder Atheisten. Auch für sie wolle die Kirche da sein, sagt Conzetti, denn nur das entspreche dem Weihnachtsgedanken: «Waren Maria und Josef nicht auch Migranten, die in der Fremde eine Unterkunft suchten? Und hat sich Jesus nicht besonders um die Aussenseiter gekümmert?»

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