Basel: In seiner Zelle attackiert ein Untersuchungshäftling einen Wärter. 50 Mal schlägt er den Kopf des Wehrlosen gegen die Wand, dann drückt er sein Opfer aufs Bett und würgt es. Der Betreuer überlebt den Angriff nur knapp.

Bern: Ein Untersuchungshäftling tobt und schlägt um sich. Vier Aufseher halten den Mann fest, trotzdem beisst der Häftling einen der Wärter in den Arm. Das Opfer wird sofort ins Spital eingewiesen und verarztet. Zudem muss es sich einem HIV-Test unterziehen.

Und wieder Bern: Ein Drittel der 182 Häftlinge in der Strafanstalt Thorberg streiken für besseres Essen und mehr TV-Sender. Die Rädelsführer bedrohen Streikverweigerer mit dem Tod.

In Schweizer Haftanstalten nimmt die Gewalt spürbar zu. Besonders betroffen sind die elf Untersuchungsgefängnisse, die rund 1500 Insassen Platz bieten. Erklärungen, weshalb sich die Lage zusehends verschärft, gibt es eine ganze Reihe: «Wir haben immer mehr psychisch auffällige Häftlinge mit einer sehr tiefen Hemmschwelle. Das Personal ist extrem gefordert», charakterisiert Kurt Freiermuth, Leiter des Basler Untersuchungsgefängnisses, die angespannte Situation. Viele Häftlinge stammen aus Kriegsgebieten, sind traumatisiert und dadurch oft verhaltensgestört. Und vielfach fehlt der Respekt vor den Behörden. «Sie kommen aus Ländern, in denen Behörde grundsätzlich Feind bedeutet, und diesen Feind hasst man bis aufs Blut», sagt Freiermuth und meint dabei vor allem die russischen Gefangenen.

Auch Theo Müller, stellvertretender Chef des Polizeigefängnisses Zürich, weiss aus Erfahrung, dass «die Gewaltbereitschaft generell höher geworden ist». In seiner Anstalt sind bis zu 85 Prozent der Insassen Ausländer, und sie kommen aus über 100 Ländern. Das macht die Sache noch schwieriger, denn jede ethnische Gruppe verfügt über einen eigenen Ehrenkodex, der oft auf Biegen oder Brechen durchgesetzt wird.

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Die starke Fluktuation der Insassen, der jedes Untersuchungsgefängnis ausgesetzt ist, verschärft die Lage zusätzlich. Die Häftlinge bleiben oft nur wenige Tage dort. Meist sitzen sie das erste Mal ein und müssen sich erst an die Haft gewöhnen. Sie sind unruhig, weil sie nicht wissen, was die Polizei über sie herausgefunden hat.

Wärter sind die Prügelknaben

«Diese Ungewissheit macht nervös, was wiederum die Aggressionen schürt», sagt Hans Zoss, Leiter der Berner Vollzugsanstalt Thorberg. Für Zoss liegt darin auch ein wesentlicher Grund, weshalb es auf dem Thorberg und in anderen Vollzugsanstalten in der Regel ruhiger zugeht als in der Untersuchungshaft. «Die Leute bei uns sind sozusagen schon Profis; sie haben sich ans Gefängnis gewöhnt, sind verurteilt und wissen, wann sie wieder rauskommen.»

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Zudem wird in den Vollzugsanstalten gearbeitet die Häftlinge haben einen klaren Tagesablauf. «Die guten Platzverhältnisse und das grosse Beschäftigungsangebot fangen Frust und Aggressionen auf», sagt Ueli Graf, Direktor der Anstalt Pöschwies in Regensdorf ZH.

Doch auch Graf und Zoss stellen fest, dass das Klima rauer geworden und die Hemmschwelle gesunken ist. Grund: Für sozial unauffällige Häftlinge gibt es im Schweizer Strafvollzug vermehrt Alternativen wie gemeinnützige Arbeit oder Überwachung per Computerchip. «Im Gefängnis bleiben also meistens die schwierigen Fälle», sagt Ulrich Luginbühl, Präsident der Anstaltsleiterkonferenz und Direktor des Massnahmenzentrums St. Johannsen in Le Landeron NE.

Das Personal badet die Situation aus. Denn geändert hat sich nicht nur die Klientel in den Gefängnissen, sondern auch der Wärterstatus. «Früher waren Gefängniswärter Könige. Sie durften auch mal eine Ohrfeige austeilen», erklärt Daniel Fink vom Bundesamt für Statistik, der die Entwicklung beobachtet. Heute werde dagegen versucht, Konflikte mittels Kommunikation zu lösen. Doch viele der ausländischen Inhaftierten seien es gewohnt, ihre Körperkraft nicht nur bei der Arbeit, sondern auch bei Streitigkeiten einzusetzen. Das hat Folgen für die Ausbildung des Gefängnispersonals: Neben Pädagogik und Psychologie stehen auch Selbstverteidigungskurse auf dem Stundenplan.

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Die dauernden Konflikte mit den Insassen schlagen den Angestellten zunehmend aufs Gemüt. «Wie bei anderen stark frontorientierten Berufsgattungen kann es zu Burn-out-Symptomen kommen», sagt David Zampini vom Berner Amt für Freiheitsentzug. Können einige Kantone mit gutem Lohn locken, um der Personalknappheit zu begegnen, so haben andere das Nachsehen: «Wir verlieren immer wieder Leute, weil die Nachbarkantone mehr bezahlen», sagt Kurt Freiermuth aus Basel. Einen anderen Ausweg sucht das Polizeigefängnis Zürich: Seit rund fünf Jahren werden die zivilen Betreuer auch für andere Dienste eingesetzt. «Vor dieser Massnahme hatten wir grosse Mühe mit ausgebranntem Personal», sagt Theo Müller.

Russenmafia gibt den Ton an

Doch über solche Dinge reden Gefängnisdirektoren nicht besonders gern ebenso wenig wie über die zunehmende Gewalt. «Sie wollen in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck erwecken, dass sie die Sache nicht im Griff haben», vermutet Daniel Fink vom Bundesamt für Statistik.

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Derweil ziehen bereits die nächsten Wolken auf, und die Gefängnisdirektoren blicken besorgt nach Deutschland: Dort hat sich das Gewaltproblem massiv verschärft, vor allem wegen der Häftlinge aus den ehemaligen Ostblockstaaten insbesondere aus Russland. Diese Leute seien «stark gewaltorientiert» und «verunmöglichen einen geordneten Gefängnisalltag», sagt Christoph Ullrich vom hessischen Justizministerium.

Und die Zahl der Insassen aus Russland wird auch hierzulande steigen. «Vor allem im Rotlichtmilieu nehmen die Russen zunehmend eine starke Stellung ein», beobachtet Theo Müller vom Polizeigefängnis in Zürich. Im Frühling werden sich die Schweizer Gefängnisdirektoren nicht zuletzt deshalb zu einem Seminar treffen. Thema: Gewalt im Knast.