Die Traverse nach Sonogno beginnt in Faido, in der Valle Leventina, durch die der Fluss fliesst, der dem Kanton seinen Namen gab: der Ticino. Die Leventina lebt vor allem vom Transitverkehr der Gotthardstrasse und vom Bau der Neat. Dem Tal geht es gut. Je weiter südlich, desto besser.

Bereits in Chironico, einem kleinen Häuserhaufen am Südwesthang des Tals und kaum einen Kilometer von der Nord-Süd-Achse entfernt, ist aber ein erhebliches soziales Gefälle sichtbar. Finstere Häuser und leere Gassen prägen das Bild. Von hier führt ein steiler Weg ins Val Chironico, vorbei an verlassenen Weilern und Alpen in Richtung Passo di Piatto. Es ist eine Wanderung durch eine wild wuchernde, blühende Landschaft - ein Vorgeschmack auf ein anderes, herbes Tessin.

Niedergang in den Höhen
Kurz vor dem ersten Etappenziel, dem Bergsee Laghetto, kommt Nebel auf. Er schleicht langsam talabwärts und wird dichter, je weiter man aufsteigt. Dann, auf der Alpe del Laghetto, liegt ein totes, stark verwestes Schaf im hohen Gras. Nun wird die Stimmung gespenstisch. Ausgerechnet hier verliert sich auch der zuvor gut markierte Wanderweg. Offenbar ist er schon lange nicht mehr begangen worden.

Nur mit viel Mühe ist im Dunst der Maultierpfad zu finden. Er führt über einen schmalen Sattel und einen brutalen Abstieg nach Sonogno im Val Verzasca. Der Passo di Piatto war einst ein wichtiger Übergang. Er verband zwei Tessiner Täler und zwei Tessiner Kulturen: die von den Walsern geprägte am Gotthard und die romanische in der Verzasca. Heute führt der Weg vor Augen, wie ungleich sich das Tessin entwickelt: wachsender Reichtum in den Talböden, Niedergang in den Höhen.

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Das andere, herbe Tessin: Die Häuser zerfallen, die Natur gewinnt die Überhand - tief in der Valle Verzasca ist es still geworden.


Immer mehr Monti, wie die Sennereien im Tessin heissen, werden aufgegeben. Sie verfallen oder werden zu Rustici umgebaut. Mit der Aufgabe der Alpwirtschaft werden die Höhenlagen nicht mehr genutzt. Das hat Konsequenzen: Die Flächen verganden. Bereits nach zwei, drei Jahren - je nach Exposition und Lage - entsteht Buschland. Dann kommt der Wald, und der wächst rasant. Gemäss Bundesamt für Statistik wuchs die Waldfläche in der Schweiz von 2004 auf 2005 um satte 20'258 Hektaren. Das entspricht einem Wachstum von 55 Hektaren pro Tag - eine Fläche von rund 70 Fussballfeldern. Insgesamt hat die Waldausdehnung seit 150 Jahren 30 bis 50 Prozent zugenommen.

Was harmlos klingt, betrifft auch andere Bereiche. «Wachsen die Sonnenterrassen zu, wird auch die touristische Nutzung abnehmen», schrieben die renommierten Architekten Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili, Pierre de Meuron und Christian Schmid in ihrer Studie «Die Schweiz - ein städtebauliches Portrait», die 2005 erschienen ist. Sie beschreiben eine Zentralbrache, die sich um den Gotthard gebildet hat und von der Surselva ins Obergoms, von der Metropolitanregion Zürich bis zur Metropolitanregion Mailand reicht.

Die Sogwirkung der urbanen Netze, so die Autoren, habe in diesen Gebieten eine negative Dynamik ausgelöst und entziehe ihnen zunehmend Energie. Als zentrales Phänomen dieser Spirale nennen die fünf Experten die Abwanderung. Vor allem junge und initiative Leute zieht es in die urbanen Zentren. Den ländlichen Regionen fehlen mittelfristig gut ausgebildete Personen im erwerbsfähigen Alter.

Auch der Bundesrat geht davon aus, dass die Agglomerationen weiter wachsen und sich die Randregionen weiter entvölkern. Gemäss neuer Regionalpolitik, die 2008 in Kraft tritt, will er die Entvölkerung nicht mehr um jeden Preis aufhalten. Die verlassenen Landschaften sollen als Naturparks und Reservoirs für natürliche Ressourcen genutzt werden. Das ist eine Abkehr von einem regionalpolitischen Dogma, das ungeachtet der Kosten die Besiedelung der abgelegensten Winkel vorsah. Die neue Regionalpolitik ist höchst umstritten, muss doch ein grosser Teil der Schweiz als mögliches Brachland bezeichnet werden.

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Verlassene Gärten: Nach elf Jahren ging dem zugewanderten Landwirt auf seiner Azienda Cortaggio die Luft aus.


Die Analyse hat in den betroffenen Regionen Polemiken ausgelöst. Doch die entstehenden Brachen sind nicht nur für Einheimische eine finstere Aussicht. Die Schweiz verkauft ihren Feriengästen eine kleinstrukturierte und gepflegte, heisst: bewirtschaftete Alpenlandschaft. Wird Kulturland aufgegeben, verändert sich das Landschaftsbild stark. «Die Kulturlandschaft interessiert heute nur noch als Erholungsraum und Kulisse für die Touristenwerbung. Das Bewusstsein aber, dass wir die Kulturlandschaft einer jahrhundertelangen und nachhaltigen Bodenbewirtschaftung verdanken, ist unserer Gesellschaft innerhalb einer Generation abhandengekommen», sagt der Kulturingenieur und ehemalige Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, Hans Weiss. Der Tourismus ist stärker mit der Landwirtschaft verknüpft, als manchem volkswirtschaftlichen Strategen lieb ist.

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Die lange Tradition der Abwanderung
Eine der bekanntesten Geschichten des Tessins erzählt von Giorgio, einem Sohn armer Bergbauern aus Sonogno. Mit anderen Knaben wird er als Kaminfegerbub in die Grossstadt Mailand verkauft. Der 1941 erschienene Roman «Die Schwarzen Brüder» von Lisa Tetzner beruht auf wahren Begebenheiten; Abwanderung und die Verdingung von Kindern haben im Tessin eine lange Tradition. Zyniker sagen, das Tessin habe von zwei Wirtschaftszweigen gelebt: von der Landwirtschaft und der Migration. Die Böden der meist schmalen, nach Süden exponierten Täler sind karg und haben kaum je alle Bewohner zu ernähren vermocht. Davon zeugen die Hungeralpen, welche die legendäre Via Alta della Verzasca säumen, die man am zweiten Etappenziel bei der Alpe di Cognora kreuzt: Unterstände und Ställe an den unmöglichsten Lagen in unwirtlichen Höhen.

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Für Touristen und Rentner von der Alpennordseite ist das Tessin ein Paradies: Es ist Süden, aber nicht so weit; es ist sonnig, aber nicht so heiss; es ist Italien, aber sauber; es ist Schweiz, aber mit italienischem Flair. Das Tessin ist ein Wunschziel, eine Verheissung. Doch eigentlich ist das Tessin vor allem eines: eine überaus raue Gegend auf der Alpensüdseite. Die Fondovalli, die Talböden, machen nur wenig mehr als zehn Prozent der Fläche aus. Auf diesem Gebiet konzentrieren sich 95 Prozent aller wirtschaftlichen Tätigkeiten. Die «Città Ticino», der immer stärker zusammenwachsende Talboden, floriert, während in der Höhe das Unkraut in den Himmel schiesst. Ökonomen interpretieren die Einwaldung als Rückgang von Armut: Man kann es sich heute leisten, Böden aufzugeben.

Ausstieg der Aussteiger
Das Bild bei der Ankunft in Sonogno ist zwiespältig. Es ist ein lebendiges, intaktes Tessiner Bergdorf, geprägt von charakteristischen romanischen Steinhäusern und einem stolzen Kirchturm. Vor einigen Jahren baute die Gemeinde am Dorfeingang einen neuen, gebührenpflichtigen Parkplatz, der Platz für 200 Autos bietet. Wer in der Hochsaison um zehn Uhr anreist, findet ihn leer vor; ab elf Uhr ist er gut besetzt - um wenig später wieder verwaist zu sein. An schönen Tagen in der Hochsaison bringen Tagestouristen etwas Leben ins Tal. Ansonsten ist es still geworden im hintersten Dorf in der Valle Verzasca.

Wer nach Süden weiterwandert, entdeckt in der wuchernden Landschaft vereinzelt Steinhäuser und Trockenmauern. Sie zeugen von den extremen Mühen, die die Menschen einst erbringen mussten, um dieses Land bewohnbar und urbar zu machen. Kaum irgendwo sonst wird so deutlich, was passiert, wenn die Bauern kapitulieren und das Land der Natur überlassen: Dann wird die Idylle schnell zur bedrohlichen Kulisse. Sie wird Urwald.

Laut dem Biodiversitätsmonitoring (BDM) des Bundesamts für Umwelt hat die Fläche der naturüberlassenen Wälder an der Alpensüdflanke von 1985 bis 1995 um rund fünf Prozent zugenommen. Für die Periode 1995 bis 2005 liegen die Zahlen laut Adrian Zangger von der BDM-Koordinationsstelle noch nicht vor. Er erwartet aber, dass diese Entwicklung mindestens so rasant weiterging und weitergehen wird. Rund ein Viertel der Südschweiz gilt als naturbelassene Waldfläche. Bereits Mitte der neunziger Jahre war die Hälfte der Kantonsfläche mit Wald bestockt. Das dürfte die Biologen freuen, könnte man meinen. Doch dem ist nicht so. «Die Entwicklung könnte schon bald kritische Ausmasse annehmen», sagt Zangger. Lückige Wälder und Übergangsbereiche zwischen Offenland und Wald beherbergten oft spezielle Lebensgemeinschaften. «Wenn die Zunahme von Waldwildnis auf Kosten von Trockenweiden oder lichten Wäldern geht, wird sich dies negativ auf die Biodiversität auswirken.»

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Verdrängungskampf: Die Verwaldung bedroht die Arten- und Pflanzenvielfalt im Grasland.


«Da die Pflanzenvielfalt im Grasland zwei- bis dreimal so hoch ist wie im Wald sowie Pflanzen und Tiere der offenen Kulturlandschaft gefährdeter sind als Waldarten, wirken sich die Verbuschung und die Verwaldung nachteilig auf die Artenvielfalt aus», sagt Jürg Stöcklin, Botanikprofessor an der Universität Basel. Hinzu komme, dass die meisten Flächen, die sich der Wald zurückhole, von ihrer Biodiversität her sehr wertvoll seien. 80 Prozent der blumenreichen landwirtschaftlichen Flächen liegen in höheren Lagen und im Sömmerungsgebiet, wo die Waldzunahme besonders hoch ist. «Mit der weiträumigen Zunahme des Waldes steht die weltweit bekannte Kulturlandschaft des Alpenraums auf dem Spiel», so Stöcklin.

Auch den Aussteigern aus dem Norden, die nach und nach die Lücken füllten, die sich nach der Abwanderung der Einheimischen aufgetan haben, geht langsam die Luft aus. Es sind heute fast ausschliesslich Deutsche und Deutschschweizer, die noch das erwirtschaften, was auch zum Tessin gehört: Sie stellen Formaggini her, betreiben Grotti, sie bestellen den kargen Boden. Wie etwa Hermann Seibold. 1995 bezog er mit seiner Familie die Azienda Cortaggio, eine Gärtnerei und Obstplantage in Gerra, vier Kilometer südlich von Sonogno. Er produzierte vor allem Beeren und Tomaten, zeitweise 100 Sorten.

Die Azienda sei ein toller Betrieb, sagt Seibold, die Valle Verzasca ein wunderbares Umfeld. Aber eben auch ein unglaublich hartes: die Kleinräumigkeit der Landschaft, die fast nur Handarbeit zulässt, die Höhenlage, die die Pflanzen sehr spät reifen lässt, und die weiten Wege auf oft schlechten Strassen haben Seibold in die Knie gezwungen. Nach elf Jahren hat er die Gärtnerei vor einem Jahr abgeben müssen. Im Tessin ist der Ausstieg der Aussteiger im Gang. Demographen und Geographen sind sich sicher, dass die Entvölkerung der Alpentäler weiter voranschreitet.

Nach Angaben von Herbert Karch, Präsident der Schweizer Kleinbauernvereinigung, hat der Prozess auch mit erbrechtlichen Bedingungen zu tun: «Im Tessin wie auch in Teilen von Graubünden und dem Wallis herrscht die Realteilung vor, bei der ein Hof bei sechs Nachkommen durch sechs geteilt wird.» Das Prinzip schafft auf Dauer Parzellengrössen, die kaum zu bewirtschaften sind. Und auch die klimatischen Bedingungen sind schwierig. «Man kann niemanden zwingen, dort oben zu wirtschaften», sagt Karch; nun müsse verhindert werden, dass diese Entwicklung auf die Alpennordseite übergreift. «Nirgends ist die Zugänglichkeit und Offenheit der Landschaft so gewährleistet wie in der Schweiz. Das ist ein grosses Plus.» Eine Besiedelung, bei der nur der Talboden zugänglich ist, wie beispielsweise in Savoyen, wolle hierzulande niemand, ist Karch überzeugt. Da könnte er sich täuschen.

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Auch die Alpennordseite ist betroffen
Laut einer Umfrage der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft werden die Aufgabe der Bewirtschaftung und die Verwilderung in der Gesamtbevölkerung in etwa gleich positiv aufgenommen wie der Erhalt der Kulturlandschaft. Allerdings gibt es Unterschiede innerhalb der Bevölkerung, wie der Sozialwissenschaftler Marcel Hunziker erklärt. «Die ausseralpine Bevölkerung steht der Verwilderung massiv positiver gegenüber als die davon betroffene einheimische Bevölkerung», sagt er. In der Schweiz bestehe eine Nachfrage nach Waldwildnis. Die Frage sei, wie man aus dieser Nachfrage eine Wertschöpfung generieren könne, unter anderem in Form von Abenteuerparks.

«Die Verwaldung verursacht etliche Probleme; in der Landwirtschaft, im Weinbau, im Jagdwesen und auch im Tourismus», sagt der Tourismusdirektor des Tessins, Tiziano Gagliardi. Sein Kanton unterhalte 2000 Kilometer Wanderwege. Sollte der Wald Wege schlucken, könne dies dem Tourismus schaden. Im Moment sehe er dafür aber noch keine Gefahr, so Gagliardi.

Und während die Strategen reden, wächst der Wald munter weiter. Längst ist das Phänomen auch auf der Alpennordseite angekommen, im Wallis, Emmental und in Teilen von Graubünden. Nach Meinung der Urbanisten müssen der Rückzug aus den Kulturlandschaften und die Preisgabe erschlossener Gebiete nicht in jedem Fall als Verlust bilanziert werden. Die Landschaften könnten ja von späteren Generationen wieder erschlossen werden, wenn der Boden in den Ebenen knapp geworden ist. Die Brachen würden so zu stillen Reserven im nationalen Flächenhaushalt.

Für die Einheimischen indessen ist die Aussicht, als stille Reserve zu enden, kein Trost. Lisa Tetzners Giorgio kam Jahre später als Lehrer nach Sonogno zurück, wie das viele Tessiner Arbeitsmigranten taten; nach einem Erwerbsleben in der Fremde kehrten sie heim zu Nonna und Nonno. Das ist wohl der Unterschied zur heutigen Zeit: Wer heute abwandert, wird nicht wiederkehren - wird nicht wiederkehren können. Denn da, wo Nonna war, wird Wald sein.

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