Niemand kommt zufällig nach Guarda. Das Dorf mit den rund 160 Einwohnern liegt weitab auf einem Fels über dem Inn im Unterengadin, der Durchgangsverkehr unten in der Talsenke ist nicht einmal als fernes Rauschen zu hören. Menschenleer liegen die verschneiten Gassen da. Die alten Engadinerhäuser mit ihren dicken Steinmauern scheinen für die Ewigkeit gebaut. Wie eine Gruppe bulliger Männer, die sich jedem Neuankömmling in den Weg stellen. Kein modernes Gebäude weit und breit. Ein Freilichtmuseum.

So muss es hier schon in den vierziger Jahren ausgesehen haben, als Alois Carigiet das Dorf als Vorbild für seine Illustrationen des «Schellenursli» nahm. Im Kinderbuch der Autorin Selina Chönz aus Guarda geht es um den Chalandamarz-Brauch, bei dem die Buben den Winter mit lautem Glockengeläut vertreiben. Wer die grösste Schelle hat, marschiert ganz vorne mit. Weil Ursli auch einmal der Erste sein will, kämpft er sich allein durch den tiefen Schnee zur Alphütte seiner Eltern, um die grosse Kuhglocke zu holen. Carigiets Schlussbild zum Happy End: Ursli führt den Chalandamarz-Umzug durchs Dorf, Rücken krumm unter dem Gewicht der Glocke, Wangen vor Stolz gerötet.

Ursli, der Dorfheld. Wie an einen Rettungsring klammern sich die Hiesigen an die Bilderbuchfigur. Als könnte er das Dorf vor dem Vergessen, vor dem Aussterben bewahren. Einmal im Jahr, während des Chalandamarz-Umzugs Anfang März, wird Ursli lebendig, und mit ihm die Hoffnung. Stirbt der Brauch, stirbt auch die Hoffnung. «Wir müssen den Brauch um jeden Preis bewahren», sagt René Bonorand, der für die Organisation der Chalandamarz zuständig ist. Auch wenn längst die Kinder fehlen. «Wir haben Familien aus dem Unterland gefragt, Touristen, die Guarda gut kennen und vielleicht zu Chalandamarz mit ihren Kindern hochkommen.» René Bonorand, 37, Spross einer alteingesessenen Familie, Vater dreier Kinder, Besitzer einer kleinen Schreinerei, spricht eine Stunde lang von Chalandamarz. Von der Zukunft des Dorfs. Und meint letztlich doch nur die Wiederbelebung der Vergangenheit.

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Die Front geht mitten durchs Dorf

Chalandamarz macht in Guarda sichtbar, woran viele Bergdörfer in den Randregionen leiden: Entvölkerung, Arbeitsplatzverlust, Geburtenrückgang. Eine Abwärtsspirale, ein Strudel, der Post, Volg-Lädeli, Kindergarten, Schule, Restaurants, Handwerksbetriebe mit sich reisst. Die Schule hat Guarda bereits verloren. Die wenigen Kinder werden nun im benachbarten Ardez unterrichtet. Von 50 landwirtschaftlichen Betrieben nach dem Zweiten Weltkrieg sind elf übriggeblieben, die meisten nur noch im Nebenerwerb. Den Dorfladen gibt es noch, geführt von Clara und Christian Mayer. «Der Kampf ums Überleben ist enorm hart», sagt sie. Wie hart, wird einem erst bewusst, wenn man weiterfragt. «Zur Situation im Dorf äussere ich mich nicht, ich möchte es mir mit niemandem verscherzen.» Ein Riss in der Postkartenidylle.

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Guarda – das ist auch Kriegsschauplatz, hier wird mit harten Bandagen um konkurrierende Zukunftsvisionen gekämpft. Maria Morell wirkt angeschlagen. Zwischen den Lachfältchen haben sich Sorge und Kummer eingenistet. Die 60-jährige Gemeindepräsidentin ist eigentlich eine tapfere Kriegerin, eine, die nicht schnell aufgibt. Als sie mit ihren Kühen vor einigen Jahren vor dem Aus stand – die Ställe entsprachen nicht mehr den Normen, ein Umbau wäre zu teuer gewesen –, sattelte sie kurzerhand auf Ziegen um. Aber diesmal verlässt sie fast der Mut, diesmal geht es nicht nur um ihr persönliches Überleben, sondern um das des ganzen Dorfs, kurz: um den Tourismus von morgen.

Die Front zieht sich mitten durchs Dorf. Es gibt die Ungeduldigen, die endlich mit grosser Kelle anrichten wollen. Und die Zauderer, die gar einen Wandel im Schritttempo noch zu schnell finden. Maria Morell gehört zu Letzteren. «Wir müssen das, was wir haben, vor Veränderungen schützen, nur so haben wir eine Zukunft», sagt sie. Und meint vor allem die Natur. Diese sei Guardas grösstes Potential. Über die Ungeduldigen sagt Maria Morell: «Es gibt eine Gruppe im Dorf, der ist die Natur egal, sie sind nur am Profit interessiert.» Diese Gruppe schüchtere andere, noch unentschlossene Dorfbewohner ein. «Wer anderer Meinung ist, hat Angst, sich zu exponieren.» Als Gemeindepräsidentin hat sie keine Wahl, muss sich hinstellen und ihre Meinung offen kundtun. «Ich stehe unter massivem Druck. Je kleiner ein Dorf, umso persönlicher sind die Auseinandersetzungen. Statt Sachlichkeit gibt es Anfeindungen und heimliche Intrigen.» Dann möchte Maria Morell plötzlich nicht mehr weitersprechen. Sie verbirgt ihr Gesicht hinter den Händen und schüttelt den Kopf, wie jemand, der am liebsten unsichtbar wäre.

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Ein Spaziergang durchs Dorf, den Schneesturm im Nacken. Die Dunkelheit saugt das spärliche Licht der Laternen auf, bevor es den Boden erreicht. Nur das Licht aus dem Laden von Regula Verdet lässt sich nicht so schnell verschlucken. Im Innern liegen die Produkte aus der eigenen Weberei zum Verkauf. Regula Verdet, aus dem Unterland zugezogen. Klein, Lockenschopf, ein ironisches Zucken in den Mundwinkeln. Sie spricht das aus, worüber Maria Morell lieber schwieg. Es geht bei der zermürbenden Dorffehde um eine neue Schlittelbahn. Mitten durch ein Wildeinstandsgebiet, eine Ruhezone für Wildtiere, soll sie führen, verlangen die Ungeduldigen. Man müsse den Gästen doch etwas bieten. Die Zauderer sind dagegen. Nun sind Mails im Umlauf, die Stimmung machen gegen die Zauderer, gegen Maria Morell.

Nicht die Abwärtsspirale, sondern die Selbstzerfleischung ist der ärgste Feind von Guarda. Wie soll Zukunft in einem Umfeld aus Missgunst entstehen? Das Amt für Wirtschaft und Tourismus des Kantons Graubünden lancierte vor einiger Zeit das Projekt «Potentialarme Räume Graubünden». Fazit des Zwischenberichts: Die Gemeinden unternehmen viel, aber immer noch zu wenig. Der Kooperationswille fehle. «Dass Einzelkämpfertum und Neid noch immer oft dominieren, ist auch dem Umstand zuzuschreiben, dass der Leidensdruck noch nicht gross genug ist.» Guarda hätte eigentlich gute Überlebenschancen. Immerhin blieben in den letzten Jahren einige junge Paare im Dorf. Gründeten Familien, statt abzuwandern. Ein Glück. Aber auch eine trügerische Sicherheit, auf der es sich die Guardaner wie auf einem weichen Kissen gemütlich machen.

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Es gab eine Zeit, da die Dorfbewohner am selben Strick zogen. Ende der achtziger Jahre. Guarda war ganz unten angekommen, kein einziges Kind kam mehr zur Welt. Die Stiftung Pro Guarda wurde ins Leben gerufen, die mit Spendengeldern leerstehende Häuser kaufte und sie preisgünstig an Familien aus dem Unterland verkaufte. Viele kamen damals, Regula Verdet war nur eine von ihnen. Von 146 im Jahr 1987 stieg die Einwohnerzahl bis 1993 auf 204, obwohl es in diesem Zeitraum nur zwei Geburten gab. Die Zuzüger brachten neue Ideen und Schwung mit. Sie machten aus Guarda das, wofür es noch heute in den Augen vieler Touristen steht: eine Pilgerstätte für Liebhaber des Kunsthandwerks. Niedliche kleine Werkstätten und Läden für Seidenmalerei, Skulpturen, Keramik oder Webwaren säumten die Gassen. Es gab ein Puppentheater, sommers regelmässig Markt. Doch die Guardaner liessen den Schwung ungenutzt verpuffen. Der Markt steht kurz vor dem Aus. Die Kinder der Zuzüger, längst erwachsen, sind ins Unterland zurückgekehrt, weil sie hier oben nie richtig angekommen waren oder keine Arbeit fanden. Verschiedene Läden sind zugegangen, neue nicht dazugekommen. Regula Verdet möchte keinen Pessimismus aufkommen lassen: «Es kann immer etwas Unerwartetes passieren.» Dennoch: «Die Zukunft der Läden ist ungewiss. Die Konsequenzen dieser Entwicklung für den Tourismus sind den meisten hier gar nicht bewusst.» Vielleicht brauchen die Guardaner ja ein böses Erwachen, jemanden, der ihnen das Kissen mit einem Ruck unter dem Kopf wegzieht.

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Ein kleines Erdbeben, das die Guardaner endlich wachrüttelt – davon träumt Benno Meisser. Er nennt die Hiesigen «Ureinheimische». Die Assoziationen, die in diesem Wort mitschwingen – engstirnig, hinterwäldlerisch –, sind mitgemeint. Das merkt man an der Ungeduld, mit der er das Wort ausspricht. «Die Ureinheimischen sind zu selbstbezogen, nicht zukunftsorientiert. Kein Wunder, bei den hohen Bergen merkt man nicht, dass sich die Welt dahinter verändert. Seit Jahrzehnten politisieren sie im selben Trott, es geht nicht richtig vorwärts.» Meisser, Besitzer des gleichnamigen Hotels in Guarda, zählt sich selbst nicht zu den Ureinheimischen. Obwohl bereits seine Urgrosseltern das Hotel betrieben. Er sei in Davos zur Schule gegangen, seine Mutter sei aus Thalwil am Zürichsee. Es ist früher Morgen, draussen vor den grossen Hotelfenstern immer noch dichter Schneefall. Milchig-trübes Licht, das alle Konturen verwischt, ergiesst sich über das Tal. Alles am 36-jährigen Hotelier, die lässige Haltung, die modische Struwwelfrisur, der feste Händedruck, soll signalisieren: «Ich bin anders, ich bin Unternehmer.» Was der Hotelier für sich reklamiert, spricht er den Dorfbewohnern ab. «Unternehmerischer Geist fehlt hier oben absolut.»

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Nichts als Ablehnung und Spott

Benno Meisser spuckt die Sätze aus wie ein Vulkan, über die Jahre hat sich Ärger angesammelt. 1999: Meisser übersiedelt nach Guarda. An einer Gemeindeversammlung will er wissen, ob das Dorf ein Leitbild hat, eine Vision für die Zukunft. Er erntet nichts als Ablehnung und Spott. 2002: Meisser gründet den Verein Guarda Futura, der sich mit der Zukunft von Guarda beschäftigt – und nach drei Sitzungen resigniert die Fahnen wieder einholt. «Der Widerstand der Bevölkerung war zu gross.» Dasselbe in der Diskussion um eine Hotelzone, die es Meisser erlauben würde, sein Hotel zu erweitern. «Bis vor kurzem nur Widerstand.» Er überlege sich immer wieder, ob es nicht besser wäre, das Dorf zu verlassen. Nach dem Gespräch geht er hinaus, Schnee schaufeln. Bald wirkt der Hotelvorplatz mit der Mauer aus aufgetürmtem Weiss wie eine Festung.

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In einer halben Stunde fährt das Postauto hinunter ins Tal. Ein letzter Gang durchs Dorf. Die wenigen Menschen, die einem begegnen, kämpfen sich stumm, mit gesenktem Blick durch den Tiefschnee. Wie einst der Schellenursli auf dem Weg zur Alphütte.