Beobachter: Ist eine ­Ausstellung wirklich nötig, um für Zivilcourage zu werben?
Stefan Gasser: Ja. Wir haben fest­gestellt, dass die Leute Vorfälle zwar bei der Polizei melden, sind die Beamten aber vor Ort, ist kaum ­jemand bereit, Auskunft zu geben. Die Leu­te fürchten sich vor Repressionen, wenn sie aussagen, und möchten auch nicht namentlich als Zeugen in einem Strafverfahren erwähnt werden. Viele Menschen erzählen uns zudem, dass sie unsicher sind, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie mit Gewalt im öffentlichen Raum konfrontiert sind.
Thomas Kessler: Zivilcourage hat aus Sicht der Kantons- und Stadtentwicklung eine grosse Bedeutung. Wie für alle Städte ist auch für Basel die Lebensqualität ein wichtiger Standortfaktor. Wir stehen in einem globalen Wettbewerb, die hiesigen Unternehmen sind auf Fachkräfte aus dem Ausland an­gewiesen. Wichtiger noch als der Lohn ist bei der Wahl des Wohnorts, wie sicher man sich im öffentlichen Raum bewegen kann, ob der Arbeitsweg kurz ist, wie gut die Schulen und das kulturelle Angebot sind. Hier kann Basel punkten.

Beobachter: Zivilcourage ist aber doch mehr als nur Standortmarketing?
Kessler: Selbstverständlich. Sie ist Voraussetzung für eine freiheitliche Gesellschaft. Eine Gesellschaft ist immer so frei, wie sie sich engagiert, und so unfrei, wie sie Verantwortung delegiert. Basel hat eine humanistische Tradition der Offenheit. Wir sind liberal geprägt und wollen Probleme nicht einfach an die Polizei delegieren.

«Kaum jemand ist bereit, auszusagen. Die Leute fürchten sich vor Repressionen.»

Stefan Gasser, Basler Polizeileutnant

Beobachter: Was verstehen Sie unter Zivilcourage?
Kessler: Zunächst bedeutet es Bürgersinn. Dieser fängt damit an, dass man Betagten ins Tram hilft, Touristen ­Orientierungshilfe bietet oder Kindern sagt, sie sollen im Tram die Füs­se vom Sitz nehmen. Ich habe einmal beobachtet, wie ein junger Mann seine Zeitung in einen Brunnen schmiss. Ich forderte ihn auf, die Zeitung wieder heraus­zufischen. Zuerst reagierte er etwas ­widerborstig. Daraufhin intervenierte ich etwas strenger. Das nützte.

Beobachter: Das klingt banal …
Kessler: Genau das Gegenteil ist der Fall: Wegsehen ist bünzlig und feige. Und Feigheit ist der erste Schritt zur Benachteiligung Schwächerer, denn sie sind es, die in erster Linie von Zivilcourage profitieren. Eine aufgeklärte Gesellschaft funktioniert nur, wenn die Starken Verantwortung übernehmen. Bis in die siebziger Jahre war das selbstverständlich. Dann hat sich die Gesellschaft ­individualisiert.

Beobachter: Und durch die Individualisierung geht der Gemeinsinn verloren?
Kessler: Ja. Durch die Vereinzelung fehlen uns die Berührungspunkte im Alltag. Das sieht man gut, wenn man sich die Kollektivgesellschaft in Süditalien oder in der Türkei anschaut. Wird dort eine Frau im Bus angepöbelt, inter­venieren 20 Männer. Und streiten sich zwei in einer Beiz, werden sie sofort getrennt. Hier im alemannischen Raum ist man zurückhaltender. Umso mehr müssen wir die Zivilcourage fördern. Mit Bünzlitum, Pedanterie und Sozialkon­trolle hat das nichts zu tun.

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Beobachter: Ist Hinschauen bereits Zivilcourage?
Kessler: Ja, die aktive Zuschauerrolle ist sehr wichtig. Nichts machen heisst sich mit dem Täter solidarisieren. Hinschauen, stehen bleiben und Hilfe holen bedeutet handeln. Ich muss mich nicht in Gefahr bringen. Es reicht, wenn ich die Polizei informiere.
Gasser: Es bringt uns viel mehr, wenn die Leute gut beobachten, in welche Richtung ein mutmasslicher Täter verschwunden ist, wie er ausgesehen hat, oder wenn sie sonst etwas Auffälliges feststellen und sich als Zeugen zur Verfügung stellen.

«Zivilcourage hat nichts mit Bünzlitum, Pedanterie und Sozialkontrolle zu tun.»

Thomas Kessler, Basler Stadtentwickler

Beobachter: Welche weiteren Gründe gibt es für den ­herrschenden Mangel an ­Zivilcourage? Ist die antiautoritäre ­Erziehung schuld?
Kessler: Die Fehlinterpretation der antiautoritären Erziehung hat ­sicher etwas zur Erosion des Anstands beigetragen. Ich benutze das Wort Anstand bewusst. Man sollte diese guten alten Wörter wieder häufiger gebrauchen. Heute spricht man von interkul­tureller Kompetenz, von Respekt vor­ Andersgläubigen und dergleichen. Das sind alles Kunstbegriffe, die in der Wissenschaft zwar richtig sind. Im Alltag sollte man aber besser von Anstand sprechen.

Beobachter: Ist das Wort nicht ­veraltet?
Kessler: Nein, Anstand erleichtert das Leben ungemein. Wer behindert oder benachteiligt ist, profitiert. Hier in Basel sind bei schönem Wetter Tausende von Leuten am Rhein unterwegs. Ihr Sicherheitsempfinden hängt davon ab, ob es einen Konsens darüber gibt, dass man diese Situation friedlich geniessen will. Um diese Atmosphäre zu schaffen, ist Zivilcourage unabdingbar.

Beobachter: Inwiefern wurde die antiautoritäre ­Erziehung ­denn falsch ­interpretiert?
Kessler: Es ist ja nicht so, dass die anti­auto­ritäre Erziehung Gewalttäter hervorbringen wollte. Das Problem war die fehlende Konsequenz. Wenn egoistisches Verhalten zu einem persönlichen Vorteil führt und asoziales Verhalten durch ­höhere Aufmerksamkeit oder inten­si­vere Betreuung belohnt wird, dann läuft etwas schief. Die Schulen ­haben in den neunziger Jahren massiv ­unter diesem Irrtum gelitten. Aber die Fehler sind inzwischen kor­rigiert worden. Die Lehrpersonen sind heute viel konsequenter. Auch die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt, ist reifer geworden und hat gelernt, mit den Heraus­forderungen der Individualgesellschaft umzugehen.

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