Für den Medizinstudenten Yusuf Turan, 27, war von vornherein klar: «Ich möchte heilen, nicht töten. Was das Militär anrichten kann, habe ich in meiner Heimat in Kurdistan gesehen.» Der waffenlose Dienst bei den Sanitätstruppen wurde ihm verweigert. Daraufhin stellte Turan ein Zivildienstgesuch, dem stattgegeben wurde. Jetzt begleitet er im Alters- und Pflegeheim Adullam in Basel die Bewohnerinnen und Bewohner beim Spazierengehen oder verbringt mit ihnen den Nachmittag mit Spielen. «Ich lebe in einer Zivilgesellschaft und helfe Leuten, die wirklich Hilfe nötig haben», sagt Turan.

Auch Auslandseinsätze sind möglich
Dass Zivildienst nicht gleichbedeutend sein muss mit Arbeit im Altersheim, zeigt das Beispiel von Michael Ryffel, 30. Als Absolvent der Filmklasse an der Zürcher Hochschule für Kunst und Gestaltung realisierte er während eines Zivildiensteinsatzes einen Dokumentarfilm über ein Workcamp des Service Civil International, einer Non-Profit-Organisation, die sich für die gewaltfreie Konfliktlösung einsetzt. Nun steht auch die Produktion eines offiziellen Informationsfilms über den Zivildienst zur Diskussion. Auch Yves Fitze, 22, gewann während des Zivildiensteinsatzes wertvolle Impulse für seine berufliche Ausrichtung. «Ich bin ein sozial veranlagter Mensch und interessiere mich für eine Ausbildung im Sozialbereich. Im Zivildienst erhalte ich Einblicke in dieses Berufsfeld.» Fitze absolviert zurzeit den langen, sechs Monate dauernden Einsatz bei der Gesellschaft zur Förderung geistig Behinderter in Basel.

Die Möglichkeiten sind vielfältig – die Liste der Einsatzbetriebe umfasst rund 1300 Einträge, darunter auch Adressen im Ausland. Dennoch ist die Zahl der Zivildienstgesuche im vergangenen Jahr zum zweiten Mal in Folge zurückgegangen: 1801 Gesuche sind letztes Jahr eingegangen, während es im Jahr 2003 noch 1955 waren. «Der Rückgang hängt möglicherweise mit der Änderung der Aushebungspraxis der Armee XXI zusammen», sagt Samuel Werenfels, Leiter der Vollzugsstelle für den Zivildienst. Die Jahrgänge werden nicht voll ausgeschöpft. Aber auch die generell tiefere Tauglichkeitsrate – Voraussetzung für den Zivildienst ist die Militärdiensttauglichkeit – und das Zulassungsverfahren mit der Notwendigkeit, ein schriftliches Gesuch einzureichen, könnten für die tieferen Zahlen verantwortlich sein. «Wer sich nicht gut schriftlich ausdrücken kann, zögert oft, ein Gesuch einzureichen», so Werenfels.

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«Nicht töten lernen»
Das Gesuch wurde auch Eric Crameri, 27, zum Verhängnis: Bei ihm klappte die Zulassung nicht auf Anhieb. Erst als er einen Ratgeber zu Hilfe nahm, entsprachen die Formulierungen in seinem Gesuch den Vorstellungen der Zulassungskommission: «Zwei Ergänzungen musste ich schreiben. Meine ursprüngliche Begründung, nämlich die Verabscheuung des Militärs, reichte nicht. Ich musste schreiben, dass ich nicht töten lernen will.»

Das schriftliche Gesuch ist Teil der Gewissensprüfung, die viele Zivildienstleistende in schlechter Erinnerung behalten: «Wie ist es überhaupt möglich, das Gewissen zu prüfen?», fragt sich Crameri.

Zweifel an der Tauglichkeit der Gewissensprüfung bekundet auch der Aargauer EVP-Nationalrat Heiner Studer. In einer von 25 Parlamentariern unterzeichneten Motion fordert er den Ersatz der Gewissensprüfung durch den so genannten Tatbeweis. Die Bereitschaft, eine eineinhalbmal so lange Dienstzeit auf sich zu nehmen, würde ausreichen, um die Unvereinbarkeit des Militärdienstes mit dem eigenen Gewissen zu beweisen. Doch die Erfolgsaussichten der Motion sind gering: Der Bundesrat hat den Vorstoss abgelehnt. Der Gewissenskonflikt sei «am zuverlässigsten im Rahmen eines Zulassungsverfahrens zu entscheiden, bei dem die persönliche Darlegung des Gewissenskonflikts und das Gespräch unter Anwesenden über diesen Gewissenskonflikt im Zentrum stehen», heisst es in der Stellungnahme.

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Adressen

Zentralstelle Zivildienst
Uttigenstrasse 19, 3600 Thun
Telefon 033 228 19 99
www.zivil-dienst.ch

Beratungsstelle für Militärverweigerung und Zivildienst (bfmz)
Stationsstrasse 32, 8036 Zürich
Telefon 044 450 37 37
www.zivildienst.ch

Gemeinschaft Schweizer
Zivildienstleistender, Sekretariat
Postfach 3263, 8021 Zürich
Telefon 079 217 25 20
www.civil.ch