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Zweiter Weltkrieg: Brisante Akten zur Schweizer Asylpolitik

Bis Sommer 1942 billigten die jüdischen Organisationen der Schweiz die Flüchtlingspolitik des Bundes – das zeigen neu zugängliche Akten. Doch der Bergier-Bericht blendet die heiklen Facetten der Zusammenarbeit aus.

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Sonntagnachmittag, kurz vor halb drei. Im noblen Carlton-Elite-Hotel an der Zürcher Bahnhofstrasse füllen sich die Sitzreihen. Aus dem ganzen Land sind 200 Delegierte, Gäste und Mitarbeiter angereist. Alle warten gespannt auf den hochrangigen Vertreter des Bundes. Er trifft pünktlich in der geschlossenen Versammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) ein.

Nach der feierlichen Eröffnung durch den Präsidenten ergreift der Redner aus Bern das Wort. Das Thema: der «Stand der Flüchtlingsfrage». Er spricht fast eine Stunde. Danach bricht die Versammlung in «lebhaften Beifall» aus, und Präsident Saly Mayer «verdankt herzlich» das Referat. Das Kalenderblatt zeigt den 26. März 1939.

Der prominente Gast der SIG-Delegiertenversammlung ist der Chef der Eidgenössischen Fremdenpolizei: Heinrich Rothmund. «Wenn ich mir erlaubt habe, in Ihrem geschlossenen Kreise zu dieser wohl für Sie alle heikelsten Frage so offen zu reden, dazu noch als ein Mann, der gerne als Antisemit verschrien wird, so geschah es, weil die tägliche Beschäftigung mit dem Emigrantenproblem mir diese Frage aufgezwungen hat», erklärt er laut dem «streng vertraulichen» Versammlungsprotokoll.

Die SIG-Delegierten Max Sandberg und Oscar Meyer dankten Rothmund ausdrücklich für die «angenehme» und «gute Zusammenarbeit». Zwar musste sich der Chef der Polizeiabteilung im EJPD auch einige Wünsche und – moderate – Kritik anhören. Doch das Verständnis für die Aufgaben der Fremdenpolizei in schwieriger Zeit war, nach den Voten zu schliessen, im Saal fast mit Händen zu greifen.

Der bisher unbekannte Auftritt Rothmunds vor den jüdischen Delegierten ist in Akten dokumentiert, die erst seit kurzem zugänglich sind: in den Protokollen der Geschäftsleitung, des Central-Comites und der Delegiertenversammlungen des SIG.

Harte Grenzkontrollen gefordert
Die SIG-Akten, die seit 1998 im Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich lagern, bergen Zündstoff. Denn aus ihnen geht hervor, dass

  • der SIG im Herbst 1938 Einreisebeschränkungen für Flüchtlinge forderte;

  • der SIG und die Fremdenpolizei in der Flüchtlingsfrage 1938 bis 1942 eng zusammenarbeiteten;

  • zwischen dem SIG-Präsidenten Saly Mayer und dem Fremdenpolizeichef Heinrich Rothmund eine persönliche Freundschaft bestand;

  • sich der SIG erst ab Sommer 1942 klar von der Flüchtlingspolitik des Bundes distanzierte.

Im kürzlich erschienenen Bergier-Bericht ist davon allerdings kaum etwas zu lesen. Dort heisst es, dass der Verband Schweizerischer Israelitischer Armenpflegen (VSIA), das Flüchtlingswerk des SIG, bei der Grenzschliessung von 1938 das Ziel gehabt habe, «alle Juden aufzunehmen, die vor der antisemitischen Verfolgung aus Österreich flohen».

Doch das ist falsch. Denn am 19. August 1938 bat der VSIA die Wiener Kultusgemeinde per Telegramm inständig, «jeden Versuch eines illegalen Ubertrittes in die Schweiz zu unterdrücken und zu verhindern». Seltsamerweise ist dieses Telegramm, das im Ludwig-Bericht und im Buch von Jacques Picard (siehe Literaturliste) erwähnt ist, heute im Bundesarchiv nicht mehr auffindbar. Belegt aber ist gemäss SIG-Akten, dass VSIA-Leiter Silvain Guggenheim «dringend von der Unterbringung von Kindern in der Schweiz ab(riet), da keine Sicherheit besteht, sie nach Abschluss des Schulbesuches im Ausland unterzubringen».

Auch die Behauptung der Bergier-Kommission, «dass der SIG sich nie für die Sperrung der Einreise aussprach», muss aufgrund der Akten korrigiert werden. Im Dezember 1938 zum Beispiel verlangte der Israelitische Gemeindebund von den Schweizer Behörden «mehr Widerstand gegenüber Deutschland bezüglich der illegalen Einreise». Er forderte das «Abstoppen einer weiteren unkontrollierten Einreise». Und im Februar 1939 klagte Saly Mayer: «Wir konnten die Behörden nicht daran hindern, Flüchtlinge einzulassen.»

Ähnlich komplex war die Haltung der Schweizer Juden zur Einführung des J-Stempels in Deutschland – eine Massnahme, der der Bundesrat bekanntlich gegen den Willen Rothmunds zugestimmt hatte.

Unmittelbar nach der Bekanntgabe der Vereinbarung traf sich der Polizeichef mit SIG-Präsident Saly Mayer und VSIA-Leiter Silvain Guggenheim, um die Folgen des Bundesratsbeschlusses zu erörtern. Der Beschluss habe in jüdischen Kreisen «grosse Erregung und Enttäuschung» hervorgerufen, erklärte Mayer. Die internationale Judenschaft verstehe nicht, «dass es sich um eine deutsche Massnahme» handle, die einen Unterschied zwischen Ariern und Nichtariern einführe.

Doch die schweizerischen Juden «sorgen, soweit es in ihrer Macht steht, dafür, dass die Massnahme im Ausland verstanden wird». So hielt es Rothmund in einer Gesprächsnotiz vom 15. Oktober fest. In der SIG-Geschäftsleitung selbst war man sich einig, «dass etwas geschehen musste, um einer zweiten Invasion (von Flüchtlingen) analog der vom August 1938 entgegenzutreten».

Alfred Goetschel, Präsident der jüdischen Gemeinde Basel, die im Herbst 1938 besonders stark von der Flüchtlingswelle betroffen war, fand gar, «dass der Beschluss (bezüglich Visumszwang für deutsche Juden) zu spät erlassen wurde, nachdem von deutscher Seite die Ausreise scharf kontrolliert wird».

Juden mussten Flüchtigen helfen
Die aus heutiger Sicht widersprüchliche Haltung von Repräsentanten jüdischer Organisationen ist in den Zeitumständen begründet. Die Fremdenpolizei hatte – in Ubereinstimmung mit den Teilnehmerstaaten der Evian-Konferenz – den einheimischen Juden die Aufgabe übertragen, für die ab Sommer 1938 eintreffenden Flüchtlinge zu sorgen. SIG und VSIA übernahmen diese Betreuung freiwillig, wenn auch nicht klaglos. Die Betreuung der 3000 Flüchtlinge brachte die 19000 in der Schweiz ansässigen Jüdinnen und Juden zeitweise an den Rand der finanziellen und personellen Kräfte.

Der Historiker Jacques Picard spricht von einer behördlichen «Nötigung». Doch der Genfer Pierre Bigar, späterer Leiter des VSIA, sprach sich klar für die freiwillige Ubernahme der Flüchtlingsbetreuung aus. Grund: «Es würde sofort Antisemitismus entstehen, wenn der Bund die Flüchtlingshilfe übernehmen müsste.»

Wie die Behörden betrachtete der Israelitische Gemeindebund die Schweiz nämlich als «Transitland»: Die Flüchtlinge sollten zur Weiterreise in andere sichere Länder – Palästina und die USA – veranlasst werden. Gegen ein Verbleiben im Land führte der SIG neben finanziellen und arbeitsmarktlichen Bedenken auch aussenpolitische Gründe sowie die erwähnte Gefahr des Antisemitismus ins Feld. Diese Argumentation unterschied sich nur wenig von jener Berns.

Eine ähnliche Position vertrat auch die Schweizerische Zentralstelle für Flüchtlingshilfe, der die 16 wichtigsten Hilfswerke inklusive VSIA angeschlossen waren. Nach damaliger Auffassung waren die Emigranten zwar in ihrer ökonomischen Existenz, aber (noch) nicht an Leib und Leben bedroht. Denn im Jahr 1938 wollten die Nazis die «Judenfrage» noch durch forcierte Ausreise lösen und nicht – wie ab 1941 – durch physische Vernichtung.

Viel Lob für die Fremdenpolizei
Nach Kriegsausbruch intensivierte sich die Zusammenarbeit zwischen den jüdischen Verbänden und den Behörden noch. «Mit dem Justiz- und Polizeidepartement stehen wir beinahe täglich in Fühlung», erklärte VSIA-Leiter Guggenheim im Mai 1941. Und der Zürcher Delegierte Max Sandberg wies im April 1942 Angriffe gegen die Fremdenpolizei zurück, «die von Leuten in der Presse erfolgen, welche keinen Begriff davon haben, was diese Amtsstelle schon an Entgegenkommen bewiesen hat».

Auch das Verhältnis zum Bundesrat war weit weniger getrübt als oft dargestellt. Als Aussenminister Giuseppe Motta im Januar 1940 im Amt verstarb, würdigte ihn die SIG-Delegiertenversammlung mit einer Schweigeminute. Saly Mayer beklagte, man habe durch den Tod von Bundesrat Motta «einen wahren Freund der jüdischen Sache verloren». Dabei war Motta der Hauptverantwortliche für den Abschluss des J-Stempel-Abkommens gewesen.

Die Wertschätzung war gegenseitig und kaum gespielt, wie die reichlich vorhandenen Quellen sowohl im Bundesarchiv wie auch im ETH-Archiv zeigen. Nach seinem Rücktritt als SIG-Präsident dankte Saly Mayer im Mai 1943 Rothmund in einem Brief für die zehnjährige «harmonische» Zusammenarbeit, die nur «Gutes, Schönes und Liebes» bewirken wollte.

Ab 1942 ging es ums Uberleben
Das gute Einvernehmen änderte sich schlagartig, als die im Sommer 1942 eintreffenden Flüchtlinge über die schrecklichen Judendeportationen berichteten. Am 11. August hörte Mayer erschüttert die Schilderung des französischen Arztes Josef Weill über Details der Judenverschleppung. «Auch habe man über die Lage der Juden im Osten geradezu furchtbare Nachrichten erhalten.» Saly Mayer bat Rothmund sofort um eine Unterredung, um die Grenzen zu öffnen. Doch dieser zeigte sich angesichts einer «ähnlichen Flüchtlingswelle wie im Jahr 1938» unnachgiebig.

Am 20. August 1942 trat Polizeichef Heinrich Rothmund zum zweiten Mal in einer geheimen SIG-Sitzung auf. Doch diesmal war die Stimmung höchst erregt – nicht feierlich wie vier Jahre früher. Rothmund erntete heftigen Widerspruch, als er den Rückweisungsbeschluss vom 13. August erläuterte.

Es gebe Gerüchte, hielten ihm Teilnehmer entgegen, «die so grauenhaft sind, dass man ihnen kaum Glauben schenken möchte, obwohl man selbst das Grauenhafteste nicht mehr als unmöglich bezeichnen kann». Einhellig verlangten die Central-Comite-Mitglieder, umgehend mit der Politik der Abweisungen und Ausschaffungen aufzuhören.

Jetzt galt es, nacktes Leben zu retten. Und es gab im SIG niemanden mehr, der die offizielle Flüchtlingspolitik verteidigt hätte. Fast über Nacht hatte die Stimmung im Israelitischen Gemeindebund umgeschlagen. Ab Herbst 1942 stand der SIG in klarer Opposition zur Flüchtlingspolitik des Bundes.

Doch der Bergier-Bericht verliert kaum ein Wort über den brisanten Wandel der SIG-Politik. Jacques Picard, Mitglied der Historiker-Kommission, erklärt diese Lücke mit dem Hinweis, der Bericht habe eben «einen anderen Fokus gehabt, nämlich die Positionen der Behörden mit den Stimmen von Helfern, Rettern und Flüchtlingen zu kontrastieren». Zudem seien interne Diskussionen und reale Handlungen «zwei paar Stiefel». In den realen Entscheiden des SIG gebe es «keine Unterstützung flüchtlingsfeindlicher Haltungen», wie sie die Behörden praktiziert hätten. Eine Interpretation, die angesichts der neu geöffneten Akten ins Wanken gerät.


Literatur

  • Carl Ludwig: «Die Flüchtlingspolitik der Schweiz in den Jahren 1933 bis 1955.» Bern 1957

  • Bergier-Kommission: «Die Schweiz und die Flüchtlinge zur Zeit des Nationalsozialismus.» Bern 1999

  • Jacques Picard: «Die Schweiz und die Juden 1933–1945.» Zürich 1994

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Veröffentlicht am 10. August 2000