«Die 14-jährige Tochter aus der ersten Ehe meines Mannes wohnt aus erzieherischen Gründen für ein Jahr bei uns. Als sie bei ihrer Mutter lebte, hatte sie Pubertätsprobleme. Leider unternimmt sie in der Freizeit nichts mit ihren Kolleginnen und Kollegen, sondern sitzt fast immer vor dem Computer. Kaum zu Hause, gehts ab ins Netz bis zum Nachtessen und danach gleich weiter. Sonst ist sie selbstständig und erledigt ihre Pflichten. Trotzdem finde ich «Chatten» nicht gerade eine tolle Freizeitbeschäftigung. Was können Sie mir raten?»

Nicole G.

Koni Rohner, Psychologe FSP:


Es gibt kaum allgemein gültige Ratschläge zum richtigen Verhalten, aber ich kann mich gut in Ihr Erziehungsproblem einfühlen. Grundsätzlich sind moderne Medien nicht schädlich, sondern eröffnen ein weites Feld neuer Möglichkeiten. Nach einer anfänglichen Euphorie werden diese Medien in der Regel sowohl von Erwachsenen wie auch von Kindern in vernünftigem Mass genutzt; schliesslich gibt es im Leben noch andere spannende Dinge.

Meiner Ansicht nach eignen sich Verbote für Kinder oder Vorwürfe an die Adresse online-süchtiger Erwachsener nicht dazu, tief greifende Veränderungen zu bewirken. Sie führen zu einer Unterdrückung des Verhaltens, zu trotzigen Gegenreaktionen, zu Heimlichkeiten aber nicht zu einer Weiterentwicklung der Persönlichkeit.

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Konkret würde ich deshalb immer wieder mit der Stieftochter das Gespräch über ihre Aktivitäten am Computer suchen. Versuchen Sie zu verstehen, was für die junge Frau daran so faszinierend ist und warum es für sie weniger attraktiv ist, mit Freunden oder Freundinnen etwas zu unternehmen. Eine solche Einfühlung, die nicht wertet, ist ein kraftvolles Mittel, um Konflikte ans Tageslicht zu bringen und zu lösen. Wenn sich jemand ernsthaft für eine andere Person interessiert und sie zu verstehen versucht, beginnt diese selber über ihr Verhalten nachzudenken und ändert dieses, wenn es unfruchtbar ist.

Suchen Sie also nicht nach Medienerziehungsrezepten, sondern stützen Sie sich auf Ihre Gefühle und Ihren Verstand. Selbstverständlich dürfen Sie dem Mädchen auch sagen, was Sie beunruhigt und welches Ihre persönliche, vielleicht veraltete Meinung ist.

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Nicht nur Eltern und Erzieher suchen in Zusammenhang mit dem Internet nach Massstäben und Hilfestellungen. Auch Ehefrauen berichten mir von ihrem Ärger darüber, dass der Partner zu Hause mehr Zeit am Bildschirm verbringt als mit ihnen. Irgendwo habe ich den zynischen Spruch gelesen: «Wir berühren die Computermaus häufiger als unseren Lebenspartner.» Sowohl Computerfachleute als auch Psychologen warnen vor einer regelrechten Internetsucht.

Angeblich soll es in der Schweiz bereits 50000 online-süchtige Netzsurfer und -surferinnen geben. Ich bin kein Freund der modernen Tendenz, jedem auffälligen Verhalten sofort eine Etikette aufzukleben schon gar nicht, wenn es sich um eine Krankheitsetikette handelt. Von einer Sucht kann nur dann die Rede sein, wenn das Verhalten schädlich ist und die Suche nach Befriedigung kein Ende hat.

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Online-süchtig ist zum Beispiel, wer sich gesundheitlich oder finanziell massiv schadet und seine Sozialbeziehungen zerstört. Vielleicht hat die süchtige Person auch selber das Gefühl, abhängig und unfrei zu sein, und merkt, dass sie in einer Art Teufelskreis gefangen ist und immer mehr Zeit im Internet verliert. Das wäre dann der Moment, in dem Hilfe von aussen nötig wird. Die Offene Tür Zürich organisiert bereits Selbsthilfegruppen für online-süchtige Personen.

Süchte entstehen allerdings nicht zufällig; sie befallen auch nicht einfach willensschwache Leute. Anfällig für Süchte sind Menschen, die etwas suchen, Menschen, denen etwas fehlt. Eine Sucht ist letztlich eine Suche am falschen Ort. Die eigentliche Ursache für Mangelgefühle sind immer Ungleichgewichte in der Seele oder zwischen inneren Bedürfnissen und den Gegebenheiten der Umwelt. Wenn die Wurzel des Mangels gefunden werden kann, verliert das Suchtmittel seine zerstörerische Kraft.

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«Chatten» kann durchaus eine konstruktive Freizeitbeschäftigung sein. Ich kenne Menschen mit Sozialängsten, die gerade auf diesem Weg langsam wieder den Kontakt zu anderen Menschen gefunden haben. Und ich weiss auch von glückbringenden, stabilen Partnerschaften, die auf diesem Weg entstanden sind.

Kontaktadresse

Offene Tür Zürich

Beethovenstrasse 45, 8002 Zürich

Telefon 01/202 30 00

Literaturtipp

Kimberly S. Young: «Caught in the Net, Suchtgefahr Internet.»

Kösel-Verlag, München 1999, Fr. 34.80