Am Anfang haben ihm Selfies Schönheitsoperation Teenies legen sich für Selfies unters Messer gereicht: ein herziges Lächeln, vielleicht mal ein aufreizender Blick. Doch irgendwann wollte er mehr Haut, weniger Kleider. Bilder in Unterwäsche, Bilder ohne Unterwäsche. Ob das schlimm ist, weiss sie nicht. Schliesslich sind sie glücklich zusammen. Jetzt noch.
 

«Ich habe ein Problem! Ich habe einen Freund, der Nacktfotos von mir will! Aber mir ist das peinlich und habe Angst, dass er dann Schluss machen wird, wenn ich ihm diese Fotos nicht schicke!»
 

Diese Nachricht schickte ein 14-jähriges Mädchen an die Notrufnummer 147. Diese wurde von der Stiftung Pro Juventute ins Leben gerufen und steht Jugendlichen an 365 Tagen im Jahr für Fragen zu Themen wie Liebe, Gewalt, Schule, Sucht und Sexualität zur Verfügung. Mitarbeiter sind übers Telefon, per SMS, Chat oder E-Mail erreichbar.

«Wir registrieren zu diesem Thema zwischen 20 und 40 Kontakte pro Monat», sagt Bernhard Bürki, Leiter Kommunikation & Marketing. «Meist geht es um die Frage, was Jugendliche tun können, wenn sie freizügige Bilder verschickt haben und anschliessend realisieren, dass sie damit die Kontrolle über die Bilder abgegeben haben.» So auch im Beispiel eines 13-jährigen Berners:
 

«Ich habe gestern ein Foto von meinem Penis auf Snapchat einem Mädchen geschickt und nun hat sie es allen gezeigt und ich will nicht, dass es noch mehr sehen oder wissen. Ich bin am Anschlag und würde mich jetzt gerne selber umbringen (keine Angst ich tue es nicht). Was soll ich tun?»
 

In beiden Fällen geht es um sogenanntes Sexting. Das Wort setzt sich aus den englischen Wörtern «sex» und «texting» (SMS verschicken) zusammen. Meist bezeichnet es das Verschicken von erotischen oder sogar pornografischen Bildern und Videos über Plattformen wie Whatsapp, Facebook Datenmissbrauch Facebook: So schützen Sie Ihre privaten Daten oder Snapchat. Eine engere Definition des Begriffs versteht unter Sexting den Missbrauch solcher Mitteilungen.

Wer Nacktfotos besitzt, kann andere mobben oder erpressen

«Meist werden aufreizende Nachrichten innerhalb von Beziehungen verschickt», weiss Bürki. Ganz neu ist das Phänomen nicht. Schon früher tauschten Verliebte intime Bilder und Nachrichten aus. Schliesslich kannten sie sich gut, vertrauten sich und hatten meist eh schon viel voneinander gesehen. Im schlimmsten Fall wurde ein Bild herumgereicht, wenn die Beziehung auseinanderging. Das war zwar unangenehm, meist aber schnell wieder vergessen.

Im digitalen Zeitalter gibt es einen entscheidenden Unterschied: Erotische Nachrichten lassen sich innert kürzester Zeit an eine Vielzahl von Empfängern verbreiten. Mit einem einzigen Klick landen Fotos in Gruppenchats oder im Internet – und lassen sich nicht mehr zurückrufen. Wer Nacktfotos besitzt, hat Macht. Kann anderen das Leben schwer machen, sie mobben oder sogar erpressen. Betroffene werden blossgestellt, ausgegrenzt und haben schlimmstenfalls sogar Probleme in der Schule oder bei der Jobsuche.

Und trotzdem ist Sexting beliebt, wie eine Studie der Universitätsspitäler Lausanne und Zürich zeigt. Von 7142 Befragten im Alter von 24 bis 26 Jahren gaben 52 Prozent der Frauen und 49 Prozent der Männer an, schon einmal ein sexy Foto oder Video verschickt zu haben. Für Mädchen seien Nacktfotos oft ein Liebesbeweis, Jungs versenden sie laut Pro Juventute als Mutprobe. Empfangen haben aufreizende Nachrichten schon 56 Prozent der Frauen und 69 Prozent der Männer. Jede zehnte Empfängerin und jeder fünfte Empfänger gibt sogar an, solche Fotos anderer Personen weitergezeigt oder geteilt zu haben.

Dass man sich dadurch strafbar macht, wissen vermutlich die Wenigsten.

Sind Nackt-Selfies einer 15-Jährigen Kinderpornografie?

Zwischen zwei Minderjährigen, die beide älter als 16 Jahre sind, ist einvernehmliches Sexting grundsätzlich erlaubt, solange straf- und datenschutzrechtliche Vorgaben eingehalten werden, also private Bilder beispielsweise nicht ungefragt weiterverbreitet werden. «Damit akzeptiert die Gesetzgebung, dass Sexting schon fast zur Normalität geworden ist. Jugendliche sind neugierig, wollen die eigene Sexualität und diejenige Gleichaltriger erkunden», sagt Anita Zbinden, Jugendanwältin bei der Jugendanwaltschaft des Kantons Bern. Komplizierter wird es allerdings, wenn jüngere Mädchen und Jungen die erotischen Nachrichten verschicken oder empfangen. Explizit erotische Bilder fallen da nämlich schnell in die Kategorie Kinderpornografie.

«Bei Kinderpornografie denkt man sofort an einen Erwachsenen, der ein Kind missbraucht und sich dabei filmt», sagt Micha Nydegger, Lehrbeauftragter für Strafrecht an der Universität Luzern. «Dabei kann sie durchaus auch freiwillig und ohne Beteiligung von Erwachsenen entstehen.» Da die Fotos aber dennoch in die falschen Hände geraten können, müssen Jugendliche durch das Gesetz vor Missbrauch und Pädophilie geschützt werden.
 

Laut Gesetz sind folgende Handlungen strafbar:

  • Nacktfotos machen
    Selbst wenn Jugendliche unter 16 Jahren Nacktfotos von sich selber machen, fällt das unter die Herstellung von Kinderpornografie.
  • Nacktfotos besitzen
    Nacktbilder von Personen unter 16 Jahren dürfen nicht gespeichert werden, da dies als Besitz von Kinderpornografie gilt. Ist die abgebildete Person älter, kann der Besitz trotzdem problematisch sein, wenn sie nichts von der Verbreitung weiss.
  • Nacktfotos versenden
    Das Versenden von Nacktbildern ist verboten, wenn die abgebildete Person jünger als 16 Jahre ist. Das betrifft auch Fotos, die Jugendliche selber aufnehmen und verschicken. Auch dürfen keine Bilder versandt werden, wenn die abgebildete Person nichts davon weiss und keiner Verteilung zugestimmt hat.

Mit welchem Strafmass ist bei Sexting zu rechnen?

Wer bei einem dieser Vergehen erwischt wird, muss zumindest theoretisch mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen. Erwachsene, die Kinderpornografie herstellen, konsumieren oder verschicken, können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bestraft werden oder müssen eine Geldstrafe bezahlen. Bei Minderjährigen ist das Strafmass milder.
 

Folgende Strafen sind laut Anita Zbinden bei Jugendlichen möglich:

  • Verweis
    Ein sogenannter Verweis hat die Funktion einer Verwarnung, ähnlich wie die gelbe Karte beim Fussball.
  • Persönliche Leistung
    Der Betroffene muss zum Beispiel Sozialstunden leisten oder Kurse zu Medienkompetenz, Sozialkompetenz oder Sexualität besuchen.
  • Busse bis 2000 Franken
    «In meinem Berufsalltag habe ich allerdings nie erlebt, dass eine so hohe Busse angeordnet wird», sagt Zbinden. Jugendliche können diese schliesslich kaum zahlen und wenn die Eltern den Betrag übernehmen, bleibt ein Lerneffekt aus.»
  • Freiheitsentzug bis zu einem Jahr
    Ein Freiheitsentzug ist laut Zbinden grundsätzlich möglich, aber in einer Konstellation, bei der keine anderen Delikte zur Diskussion stehen, unwahrscheinlich.

Auch bei einem milden Strafmass müssen sich Jugendliche einem Verfahren unterziehen. Das sei belastend und könne eine stigmatisierende Wirkung haben, so Nydegger.

Unter gewissen Voraussetzungen kann Sexting aber auch bei unter 16-Jährigen straflos bleiben. So zum Beispiel im folgenden Fall: Eine 15-Jährige hat ein Nackt-Selfie gemacht und ihrem Freund geschickt. Damit hat sie rechtlich gesehen Kinderpornografie hergestellt und verbreitet. Nach der Trennung verbreitet der Freund das Foto weiter. Kann sie ihn nun anzeigen oder muss sie selber auch eine Verurteilung fürchten?

«Grundsätzlich ja», sagt Jugendanwältin Anita Zbinden. «Aber das Mädchen ist schon genug gestraft, und es gibt durchaus die Möglichkeit, von einem Verfahren oder einer Bestrafung abzusehen – es soll zur Polizei gehen.» Die Jugendanwaltschaft habe einen grossen Spielraum bei der Festlegung des Strafmasses beziehungsweise bei der Entscheidung, auf eine Verurteilung zu verzichten. Micha Nydegger kritisiert dies: «Diese Voraussetzungen sind schwammig. Ein Jugendanwalt erachtet sie als erfüllt, der andere nicht.» Da die betroffene Person die rechtliche Situation so kaum abschätzen könne, fordert der Lehrbeauftragte eine klare gesetzliche Regelung, unter welchen Voraussetzungen Sexting auch für Jugendliche unter 16 Jahren straflos bleibt.

Prävention dringend nötig: Eltern und Lehrer sind gefragt

Ob sich Jugendliche der rechtlichen Folgen bewusst sind, lässt sich laut Bürki von Pro Juventute nicht sagen. «Sie nehmen aber oft Risiken auf sich, obwohl sie wissen, dass bestimmte Handlungen Konsequenzen haben können.» Pro Juventute ist der Meinung, dass es dringend nötig ist, Jugendliche besser über ein verantwortungsvolles Verhalten im Internet aufzuklären. In der Verantwortung stehen nicht nur Eltern, sondern auch Lehrpersonen. «Diese sollten mit Schülern Themen wie Mobbing Mobbing So wehren Sie sich richtig oder Gruppendynamik ansprechen und eine klare Haltung erarbeiten, was okay ist und was nicht», so Bürki. Wichtig sei, dass Erwachsene Sexting ernst nehmen und nicht verurteilen – auch wenn sie es nicht verstehen können.

Sextortion: So gehen Sie bei Erpressung vor

Wird eine Person mit explizitem Bildmaterial erpresst, spricht man nicht mehr von Sexting, sondern von Sextortion Drohung per E-Mail Wie soll ich auf die Erpressung reagieren? . Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern «sex» und «extortion» (Erpressung) zusammen. Meist werden Internutzer in Chats dazu aufgefordert, erotische Bilder zu verschicken oder sich vor der Webcam auszuziehen. Mit dem kompromittierenden Material werden sie später erpresst.

Befolgen Sie diese Punkte, wenn Sie von Sextortion betroffen sind:

  • Kein Geld überweisen
    Gehen Sie nicht auf Forderungen ein und brechen Sie den Kontakt zum Erpresser ab. Meist kommt es zu weiteren Erpressungen, nachdem man gezahlt hat, oder die Fotos werden sowieso veröffentlicht.
     
  • Besitzer der Plattform kontaktieren
    Wurden Ihre Fotos auf Facebook oder auf einer Website veröffentlicht? Kontaktieren und informieren Sie den Besitzer, damit sie schnellstmöglich gelöscht werden. Vielleicht wird dadurch auch der Erpresser blockiert.
     
  • Gehen Sie zur Polizei
    Melden Sie den Erpressungsfall bei der Polizei. Denken Sie an Beweise wie Screenshots, E-Mails oder Kontaktangaben des Erpressers.

 

Da sich die Betrugsmasche seit Anfang 2019 in der Schweiz stark ausbreitet, stellt der Bund unter stop-sextortion.ch Informationen für Betroffene zur Verfügung.

SMS-Dialog: Selfie schuld

loading...

Wenn Jugendliche sich sexy Fotos schicken, kann das Konsequenzen haben.

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter