Wenn Rolf Erb am 23. Januar 2012 vor die Richter des Bezirksgerichts Winterthur tritt, werden diese entscheiden müssen, ob sie es mit dem Schuldigen im grössten Wirtschaftsprozess nach dem Swissair-Fall zu tun haben oder mit einem Unternehmer, der einfach vom Pech verfolgt war. Ist Erb Täter, der absichtlich seine Gläubiger schädigte? Oder ist er Opfer ­einer Vorverurteilung durch die Medien?

Bis zu einem Urteilsspruch gilt Rolf Erb als unschuldig. Doch wie kam es, dass sich eine Familie, die noch 2002 mit einem Vermögen von über einer Milliarde zu den reichsten der Schweiz gehörte, vor einem Gericht verantworten muss, weil sie ein Milliardenloch hinterlassen hat? Die Suche nach einer Antwort beginnt in den Anfängen des Erb-Imperiums. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war die von Hugo Erb 1920 eröffnete Autoreparaturwerkstätte im Industriequartier Winterthur-Töss ein kleiner Handwerksbetrieb. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte Hugo Erb junior Ambitionen. 1951 eröffnete er seine erste Ga­rage, sicherte sich die Mercedes-Vertretung und konnte dank den Mitteln seiner Frau einen florierenden Autohandel aufbauen.

Hugo Erb hatte einen guten Riecher, als er auf Autos setzte. Anfänglich lief das Geschäft zwar harzig, doch in den sechziger Jahren ging in der Schweiz der Autoboom los, und Erb konnte sich seinen langgehegten Traum erfüllen: eine Kette von Garagen vom Genfer- bis zum Bodensee. Er übernahm immer mehr Markenvertretungen, neben Mercedes bald auch Fiat, dann Opel, General Motors und schliesslich in den Siebzigern Mitsubishi und Suzuki.

Der Import von Autos war in dieser Zeit wie eine Lizenz zum Gelddrucken. Mit den Gewinnen expandierte Erb in andere ­Bereiche. Er baute ein Immobilien-Portefeuille auf und schuf mit der Uniwood Holding 1983 ein Standbein in der Bau- und Holzbranche. Mit dem Kauf des traditionsreichen Kaffeehandelskonzerns Volcafé ­erreichte er 1989 den unternehmerischen Olymp. In den achtziger Jahren wurde so aus dem Autohandelsgeschäft ein Mischkonzern mit 82 Einzelgesellschaften. Im Jahr 2002 generierte die Erb-Gruppe einen Umsatz von rund 4,5 Milliarden Franken, beschäftigte fast 5000 Leute und war auf ­allen Kontinenten präsent. Was immer ­Hugo Erb in dieser Zeit anfasste: Es verwandelte sich in Gold.

Autohändler wird zum Devisenspekulanten

Die Dynastie wohnte nun standesgemäss: Hugo Erb in der Villa eines Brauereiunternehmers in Winterthur, Sohn Christian in einem Landhaus in Rüdlingen mit 14'000 Quadratmetern Umschwung und Rolf Erb, der ältere Sohn, auf Schloss Eugensberg oberhalb des Bodensees. Dieses hatte die Hugo Erb AG 1990 den Schwestern vom Diakonieverband Ländli in Oberägeri abgekauft; der Erwerb und der spätere Umbau kosteten 46 Millionen Franken. Das Schloss mit 45 Zimmern, zu dem 64 Hektaren Umschwung, ein landwirtschaftlicher Guts­betrieb sowie zwei Dutzend weitere Gebäude gehören, wurde zum Treffpunkt für Prominenz aus nah und fern. Zu Rolf Erbs 50. Geburtstag waren 2001 Christoph Blocher, Klaus J. Jacobs oder der frühere UBS-Chef Mathis Cabiallavetta geladen. Die Erbs standen damals auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs – nur zwei Jahre später sollte der jähe Absturz folgen.

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In den achtziger Jahren hatten die Erbs Bekanntschaft mit dem deutschen Financier Rainer C. Kahrmann gemacht, zu dem besonders Rolf Erb ein enges Verhältnis entwickelte. 1988 kaufte die Familie Erb durch die Vermittlung Kahrmanns die EBC (Schweiz) AG sowie weitere Finanzinsti­tute. Damit erhielt sie grössere Mittel für Devisentransaktionen und den Zugang zum Londoner Finanzmarkt. In den neunziger Jahren wurden Devisenspekulationen zu einer Hauptbeschäftigung der drei Erbs, die zusammen bald Devisenumsätze wie eine mittelgrosse Bank machten. Laut ­einem Gutachten der Wirtschaftsprüfer Balmer-Etienne, aus dem der «Sonntags-Blick» zitierte, sollen die Erbs 1995 Verluste von 335 Millionen Franken erlitten haben. Auch im Jahr vor dem Zusammenbruch der Gruppe gab es Verluste. In guten Jahren machte sie hingegen dreistellige Millionengewinne. Die EBC, wo Kahrmann in den siebziger Jahren gearbeitet hatte, war ein undurchsichtiges Gebilde, die Revi­sionsstelle in London kritisierte während Jahren die Finanzberichte.

Entscheidend für das Schicksal des Erb-Imperiums wurde aber die deutsche Firma Concordia Bau und Boden AG (CBB), an der sich die Erbs via EBC beteiligten. Die 1850 gegründete CBB war einst ein grundsolides Bergbauunternehmen, gab in den sechziger Jahren den Bergbau auf, diversifizierte in die Chemie und investierte später in Immobilien. Insbesondere kaufte sie massiv Immobilien im Osten Deutschlands und verfügte schliesslich über einen Bestand von 600'000 Quadratmetern, wozu neben Wohn- und Geschäftshäusern auch Hotels gehörten. Doch der vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl prognosti­zierte Aufschwung nach der Wende blieb aus. Bis 1995 war die CBB in eine «bestandesgefährdende Lage» geraten, wie die Revisionsgesellschaft KPMG schrieb.

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Obwohl die Firma gemäss KPMG-Revisionsbericht 1995 faktisch pleite war, kauften die Erbs Mitte des folgenden Jahres 31 Prozent der CBB und stockten diesen Anteil bis 2003 auf 90 Prozent auf. Zwar hatte die CBB eine solide Substanz, aber ein Liquiditätsproblem, weil die Mieten wegen des Ausbleibens des Aufschwungs stark gesunken waren. Der Hauptgrund für die desolate Lage der CBB waren aber Leerstände von teilweise bis zu 80 Prozent.

Die Prozesse im Fall Erb

Vor dem Bezirksgericht Winterthur ­findet ab dem 23. Januar 2012 der Straf­prozess gegen Rolf Erb statt. ­Anklagepunkte sind:

  • gewerbsmässiger Betrug zum ­Nachteil diverser Banken;
  • Urkundenfälschung;
  • gewerbsmässiger Betrug zum ­Nachteil der Mitsubishi Corporation;
  • Gläubigerschädigung durch ­Ver­mögensverminderung.

Vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen sind zwei Zivilprozesse hängig. Dabei geht es um die Rückübertragung von Schloss Eugensberg, weiteren Liegenschaften sowie Wertschriften und Bankguthaben von Rolf Erb respektive seiner Partnerin und seinen Kindern an die Hugo Erb AG.

Vor zwei Gerichten sind sogenannte Kollokationsprozesse hängig, bei denen es um die Anerkennung von Forderungen geht. Weiter finden Vergleichs­verhandlungen zwischen dem Ver­treter der Unifina und der CBB statt. Sämtliche Verfahren dürften sich über Jahre hinziehen.

Eine Bank nach der anderen springt ab

Im Normalfall wäre eine solche Firma einfach in Konkurs gegangen. Doch die CBB konnte sich über Wasser halten, weil sie mit den nötigen finanziellen Mitteln aus Winterthur versorgt wurde. Die Erbs hatten 1996 eine auf 25 Jahre befristete «Patronatserklärung» unterzeichnet, in der sie sich verpflichteten, sämtliche Verluste der CBB zu decken. Zwei- bis dreistellige Mil­lionenbeträge flossen so jedes Jahr von Winterthur nach Köln; bis Oktober 2003 summierten sich diese Beträge auf rund 900 Millionen Franken.

Niemand ausser dem engeren Kreis der Familie Erb wusste von diesen Zahlungen. Um die immer grösser werdenden Löcher zu stopfen, mussten die Liegenschaften bis unters Dach mit Hypotheken belastet werden. Und bei immer mehr Banken nahm die Erb-Gruppe Kredite auf. Ende 2002 hatte sie bei 80 Banken Kredite von insgesamt 1,5 Milliarden Franken beansprucht.

Mit fast 400 Millionen Franken war die UBS der grösste Gläubiger, gefolgt von der Credit Suisse mit rund 270 Millionen. Rechtzeitig die Bremse zog die Zürcher Kantonalbank (ZKB), die einst mit 400 Mil­lionen Franken bei den Erbs engagiert war. 1998 wechselte Erb-Finanzchef Hans Vögeli zur ZKB, wo er später CEO wurde. Vier Wochen später kündigte die ZKB für Hugo Erb völlig überraschend eine Kreditlimite von 30 Millionen Franken und baute sukzessive ihr Engagement auf wenige Millionen ab. Die ZKB hat stets bestritten, dass der Wechsel Vögelis etwas mit dieser Kredit­reduktion zu tun hatte.

So wurde die Lage für die Erb-Gruppe, die seit 2001 aus den Holdinggesellschaften Unifina Holding AG (Finanzen und Dienstleistungen), Herfina AG (Autohandel), Uniwood Holding AG (Holzindustrie), Uniinvest AG (Beteiligungen und Investments) und Hugo Erb AG (CBB-Beteiligung, Immobilien, EBC-Beteiligung) bestand, immer kritischer. Hellhörig wurden die kreditgebenden Banken Ende Juli 2003: Rolf Erb schrieb ihnen, man wolle in den nächsten zwölf Monaten «keine ausserplanmässigen Kreditreduzierungen von Seiten der Kreditgeber akzeptieren».

Einem Dominospiel gleich kündigte darauf eine Bank nach der anderen ihre Kredite. Die UBS stellte im August 2003 fest, dass die Verschuldung zu hoch war, und monierte in einem internen Dokument, die Erb-Gruppe verwende Darlehen «nicht ausschliesslich innerhalb der vereinbarten Gesellschaften». Rolf und Christian Erb übernahmen nun persönlich Bürgschaften und Schuldverpflichtungen, die sich am Schluss auf einen Milliardenbetrag summierten. Im Juli 2004 meldete Rolf Erb ­Privatkonkurs an. Heute sieht er sich mit Forderungen von über drei Milliarden Franken konfrontiert.

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Quelle: Kilian J. Kessler/Ex Press

Gesunde Geschäftsteile werden verkauft

Die Erb-Gruppe war nach Auskunft von Kaderleuten in dieser Phase mehr oder ­weniger führungslos, war doch Seniorchef Hugo Erb im Juli 2003 gestorben. Externe Unternehmensberater versuchten zusammen mit internen Fachleuten, einen Sanierungsplan zu erarbeiten. Doch der Klotz CBB drohte das ganze Unternehmen in den Abgrund zu reissen. Im Oktober 2003 willigten die Erb-Brüder unter Druck ein, Hans Ziegler als Sanierer einzustellen. Dieser trat seinen Job am 24. Oktober an; zwei Tage später rückte die Revisionsfirma BDO Visura mit zwei Teams an, um sich einen Überblick zu verschaffen. Doch die vorhandenen Unterlagen seien mangelhaft, viele Transaktionen hätten sich nicht rekonstruieren lassen, liess BDO-Visura-CEO Rudolf Häfeli verlauten. Die Buchprüfer fanden Beteiligungen an Gesellschaften in Milliardenhöhe, die praktisch wertlos waren. Nach zwei Wochen stellten die Revisoren fest, dass der Gang zum Konkursrichter wohl unvermeidlich war.

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Die Gerüchteküche brodelte schon eine Weile, doch der Schock war dennoch gross, als am 5. Dezember 2003 Hans Ziegler vor 120 Medienvertretern bekanntgab, dass in den vergangenen Jahren 2,5 Milliarden Franken aus den gesunden Erb-Firmen «nicht werthaltig abgeflossen» seien. Ein grosser Teil war zur CBB abgezweigt worden. Noch am Tag, als Ziegler den Untergang der Erb-Gruppe bekanntgab, wurde der erste Sachwalter eingesetzt, der das Autogeschäft möglichst bald abwickeln musste, weil es mit jedem Tag mehr an Wert verlor. Bereits an Weihnachten jenes Jahres war der Deal unter Dach und Fach; Käuferin war die belgische Alcopa-Gruppe.

In den folgenden Jahren wurden die ­gesunden Unternehmensteile der Gruppe verkauft: Volcafé ging an die britische ED&F-Man-Gruppe, EgoKiefer und Piatti Küchen gingen an die AFG von Edgar ­Oehler. Weil die meisten Tochterfirmen gesund waren und weiterarbeiten konnten, fielen dem Zusammenbruch nur wenige Arbeitsplätze zum Opfer. Geschädigte sind vor allem die Banken, aber auch die öffentliche Hand, die auf Steuerforderungen in zweistelliger Millionenhöhe sitzt.

Wenige Monate nach dem Kollaps nahm die Staatsanwaltschaft Zürich ihre Ermittlungen auf. Jetzt, über acht Jahre später, muss sich Rolf Erb, der Ver­waltungsratspräsident einer grossen Zahl der Erb-Unternehmen war und sich als Konzernleitungspräsident bezeichnete, vor dem Winterthurer Bezirksgericht verantworten. Ihm werden gewerbsmässiger Betrug, Urkundenfälschung und Gläubigerschädigung vorgeworfen (siehe Kasten oben «Die Prozesse im Fall Erb»). Er soll mit falschen Bilanzen bei Banken Kredite erhalten haben.

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Gemäss Anklageschrift waren die Erb-Holdinggesellschaften schon Jahre vor dem Zusammenbruch überschuldet und hätten Konkurs anmelden müssen. Die Anklage geht – wie der Unifina-Liquidator in seinem Rechenschaftsbericht schreibt – von einem Deliktbetrag in dreistelliger ­Millionenhöhe aus. Ebenfalls wird Rolf Erb vorgeworfen, Vermögenswerte zu Lasten der Gläubiger auf seine Kinder und seine Lebenspartnerin übertragen zu haben. Dazu gehört etwa Schloss Eugensberg, das er im Februar 2003 zum Wert von 50 Millionen Franken schuldenfrei an seine Zwil­linge überschrieb. Rolf Erb bezog trotz Überschuldung – so die Anklageschrift – zwischen 1998 und 2003 einen jährlichen Lohn von 1,1 bis 1,2 Millionen Franken, «um damit seinen Lebensunterhalt und seine weiteren persönlichen Bedürfnisse zu bestreiten», wie es in der Anklageschrift heisst. Nicht angeklagt ist Christian Erb. Der nach einem Autounfall querschnitts­gelähmte jüngere Erb-Spross lebt von einer IV- und einer Suva-Rente in seiner Villa in Rüdlingen. Zum bevorstehenden Strafprozess wollten sich weder Rolf Erb noch sein Anwalt gegenüber dem Beobachter äus­sern. Eine mögliche Verteidigungsstrategie könnte darin bestehen, aufzuzeigen zu versuchen, dass die Erb-Gruppe nicht überschuldet war, bevor 2003 negative Nachrichten über die Zahlungsfähigkeit an die Öffentlichkeit gelangten – dass vielmehr erst diese Informationen den Kollaps verursacht hätten.

Gläubiger wollen fünf Milliarden Franken

Nach dem Strafprozess stehen noch zwei Zivilprozesse an. Dabei geht es um Schloss Eugensberg, wo Rolf Erb noch immer mit seiner Familie lebt. Er hatte das Schloss kurz vor dem Crash von der Hugo Erb AG für 27 Millionen gekauft, ohne zu bezahlen, es daraufhin an seine Zwillinge überschrieben, aber zur Nutzniessung behalten. Die Gläubiger wollen nun die Rückübertragung des Schlosses in die Konkursmasse erreichen. Daneben verlangen sie weitere Liegenschaften, Wertschriften und Bankguthaben.

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Gläubiger haben Forderungen von über fünf Milliarden Franken eingereicht; der effektive Verlust ist indes wesentlich tiefer, weil bei solchen Verfahren immer höhere Forderungen angemeldet werden. Die Gläubiger der Holdinggesellschaften werden sich mit Abschlagszahlungen begnügen müssen: Forderungen von Erst- und Zweitklassgläubigern können meist voll gedeckt werden, während die Drittklassgläubiger – und das sind die weitaus meisten, vor allem Banken – schlecht wegkommen. Bei der Unifina kann mit 5,7 Prozent Nachlassdividende gerechnet werden, bei der Uniinvest sind es gut sechs Prozent Konkursdividende. Ebenfalls nur minimale Dividenden im einstelligen Prozentbereich wird es bei der Herfina und der Hugo Erb AG geben. Bei der Hugo Erb AG hängt die Dividende davon ab, ob Schloss Eugensberg und andere Liegenschaften vom Gericht zur Konkursmasse geschlagen werden oder nicht. Bei der Uniwood kommen die Gläubiger am besten weg: Sie können mit 42 Prozent Konkursdividende rechnen.

Nach dem Fall Swissair ist der Fall Erb der grösste Wirtschaftsprozess der Schweiz. Das Aktenmaterial ist enorm: Hunderte von Aktenordnern, unzählige elektronische Datenträger, etliche Gutachten von externen Wirtschaftsprüfern hat die Staatsanwaltschaft zusammengetragen. Wie bei allen Wirtschaftsprozessen wird der Knackpunkt fürs Gericht darin liegen, zu beweisen, dass Rolf Erb mit deliktischem Vorsatz gehandelt hat. Denn pleitegehen allein ist noch kein Verbrechen.