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EsskulturEin Tee und eine Seele

Ursula Kohli hat sich ganz der japanischen Teezeremonie verschrieben. Seit 30 Jahren findet die Emmentalerin darin ihre innere Ruhe.

von aktualisiert am 15. März 2018

Der dunkle Kimono wirkt wie eine Zwangsjacke. Der dicke Stoff lässt keinen Raum für grosse Schritte. Trotzdem bewegt sich Ursula Kohli vollkommen geschmeidig: beim Hinknien, wo sich ihre Beine synchron senken, beim Aufstehen, wo sie sich erst auf eine Ferse setzt, dann den Körper in die Höhe entfaltet. «Jahrelange Übung», lächelt sie. «Ein Kimono kann ganz angenehm sein, wenn man ihn gewohnt ist.»

Seit 30 Jahren praktiziert die Emmentalerin die japanische Teezeremonie. «Ich habe aber noch lange nicht ausgelernt.» Schon als Teenager sei sie von der schlichten japanischen Ästhetik fasziniert gewesen und habe sämtliche Bücher dazu verschlungen, die sie fand. In allen las sie von der grossen kulturellen Bedeutung des Tees. Doch Details suchte sie vergeblich: «Damals konnte man ja nicht googeln.»

Als die 18-Jährige auf einem Flugblatt Werbung für ein japanisches Teeseminar im Schwarzwald entdeckte, ergriff sie sofort die Gelegenheit. Sie kratzte all ihr Geld zusammen, bezahlte das Seminar und fuhr los. Das Kurslokal erreichte sie nur dank einem freundlichen Taxifahrer rechtzeitig, der sie fast gratis fuhr. Die zehn Mark, die sie noch hatte, hätten für die Strecke nicht gereicht.

Seit jenem Wochenende ist Kohli eine Chajin – eine Person, die sich mit Geist und Seele dem Tee verschrieben hat. Die 49-Jährige erteilt heute selber Unterricht, in ihrem Garten in Aeigen steht ein Teehaus. Und ihr silbergrauer Kater hört auf den Namen Pu-Erh, nach dem fermentierten Tee.

Ursula Kohli beherrscht gegen hundert Formen der Tee- zeremonie, es gäbe noch Hunderte mehr. Eine formelle Tee- einladung dauert über vier Stunden, mit dick- und dünnflüssigem Tee, mit Reiswein, Fisch, Gemüse und Suppe. «Die meiste Zeit verbringt man im Schneidersitz oder auf den Knien. Für Ungeübte kann das schmerzhaft sein.»

Jeder Handgriff sitzt, keine Bewegung ist zu viel

Im Teeladen in der Berner Länggasse verkürzt Ursula Kohli das Ritual auf den dünnen Matchatee. Eine halbe Stunde braucht sie, um eine Schale zuzubereiten. Im kargen Teeraum im zweiten Stock herrscht andächtige Stille. Jeder Handgriff sitzt, keine Bewegung ist zu viel. Für das Reinigungsritual faltet sie ein orangefarbenes Seidentuch wie durch Zauberhand zu einem Quadrat und säubert damit symbolisch alle Geräte.

Die Blicke der Besucher bleiben auf ihr haften. Sie ist ruhig wie ein Zenmönch, elegant wie eine Tänzerin, geheimnisvoll wie ein Magier. Jedem Objekt widmet sie ihre volle Aufmerksamkeit, dem jadegrünen Matchapulver, dem Holzlöffel, dem langen Stiel der Schöpfkelle. Das Geheimnis liege in der Feinheit der Bewegungen. «Im Alltag greift man mit viel zu viel Kraft zu», sagt Kohli. «So kann man sich nicht entspannen. Weder beim Tun noch beim Zuschauen.»


Sie reinigt den Teebesen aus Bambus, löffelt Matchapulver in die Schale und giesst heisses Wasser dazu. Immer schneller schlägt sie mit dem Besen die leuchtend grüne Flüssigkeit, wirbelt Luft darunter, bis ein weicher Schaum entsteht. Er schmeckt bitter. Irgendwie nussig. Die japanische Zuckerware, die Kohli zuvor gereicht hat, süsst den ersten Schluck, der letzte erinnert an Äste und Blätter.

Teezeremonie mit Ursula Kohli
Bei der Teezeremonie: Jedem Objekt widmet Ursula Kohli ihre volle Aufmerksamkeit.
Quelle: Maurice K. Grünig

Die Gäste sollen einfach geniessen

Die Gäste im Teeraum wissen nicht, dass in Japan lautes Schlürfen zum guten Ton gehört. Oder dass sie vor dem Trinken die Teeschale zweimal um 90 Grad hätten drehen sollen. So hätte die Vorderseite der Schale wieder zur Gastgeberin gezeigt – eine höfliche Geste, auf die Kohli absichtlich nicht hingewiesen hat. «Gäste sollten auf sich fokussiert sein und die Zeremonie geniessen», sagt sie. «Mit Hinweisen versteifen sie sich nur.»

Die Regeln einer japanischen Teezeremonie sind schier unendlich. Welche Schale Kohli wählt, wie sie die Teedose öffnet, wie sie die Schöpfkelle ablegt, welche Sätze sie wann sagt – alles genau festgelegt. «Das kann pedantisch wirken.» Aber die Regeln helfen, damit sie den Kopf frei habe.

Wie sich eine Geigerin erst dann auf den Fluss der Musik konzentrieren kann, wenn sie jeden Ton kennt, ist auch bei der Teezeremonie Übung zentral. Nur so könne man für die Gäste ganz präsent sein, sagt Kohli. «Manche meditieren, um sich zu erden. Ich erhole mich mit der Teezeremonie.» Der Teeraum sei für sie eine Insel im Alltag – eine Möglichkeit, eine innere Ruhe kennenzulernen oder wieder zu finden, die heute nicht mehr selbstverständlich sei.

Die Hingabe an den Tee hat die Bernerin auch in Japan gelernt. Ein Jahr lang hat sie an einer Teeschule in Kioto studiert. Jeden Morgen drei bis vier Stunden Theorie, jeden Nachmittag Praxis. Auch Geschichte stand auf dem Stundenplan. So lernte sie zum Beispiel, wie die buddhistischen Mönche das Matchapulver im 8. Jahrhundert von China nach Japan brachten, um länger meditieren zu können. «Die Schule war hart, aber extrem lehrreich», erinnert sich Ursula Kohli.

Ihre wichtigste Erkenntnis? «Dass die Teezeremonie viel grösser ist und weiter geht, als ich je gedacht hätte.»

Ein weiblicher Grossmeister wäre undenkbar

Mühe habe sie manchmal mit der extremen Hierarchie in Japan gehabt. «Man hatte zu ge- horchen. Wenn gesagt wurde, dass wir um 7.30 Uhr im Kimono vor der Tür stehen mussten, machten wir das. Selbst wenn wir dann eine Stunde auf das Auto warten mussten.» Auch das traditionelle patriarchalische Denken befremdete sie. weiblicher Grossmeister wäre undenkbar.

Immer wieder kehrt die Emmentalerin nach Japan zurück, auch um sich weiterzubilden. Und stellt fest, dass die Bedeutung der Teezeremonie schwindet. «Die jungen Leute orientieren sich immer stärker an der westlichen Welt – Konsum statt Kultur.» Aber noch sei die Zeremonie jedem Japaner bekannt. Sie ist Grundlagenfach in der Schule.

Die Gäste im Berner Teeraum haben ausgetrunken, Ruhe kehrt ein. Mit präzisen Griffen reinigt Ursula Kohli sämtliche Utensilien, giesst Wasser in die Schalen, faltet das Tuch immer wieder zum magischen Quadrat. Dann trägt sie alles einzeln nach hinten, verneigt und bedankt sich. Sie lässt die Gäste mit einem ungewöhnlichen Gefühl zurück: ein gelüfteter Kopf, ein ruhig schlagendes Herz.