«Essen Sie jeden Tag Süsses?», fragt Tom Wiest in seinem Buch «Zuckerfrei: Wie Sie Ihre Zuckersucht beenden und Ihren Körper natürlich entgiften». Ob da auch die Schokoladestückchen dazuzählen, die ich meinem Freund regelmässig aus der Kellogg’s-Packung mopse? «Haben Sie schon einmal versucht, ohne etwas Süsses auszukommen, es aber nicht durchgehalten?» Wer kann diese Frage schon mit Nein beantworten? «Haben Sie einen heimlichen Vorrat an Süssigkeiten?» Nach sieben weiteren Zucker-Psychoanalyse-Fragen ist sich Autor Wiest sicher, dass ich nicht zuckersüchtig Zucker Die süsse Gier , aber ein echtes Schleckmäulchen bin. So weit, so gut. Oder auch nicht.

Denn Zucker ist böse, der Teufel. Zucker macht dick. Zucker macht krank Zucker Der süsse Killer . Zucker macht so abhängig wie Kokain. Zucker macht aggressiv. Zucker fördert das Wachstum von Darmtumoren. Scrollt man durch die Medienbeiträge der letzten Monate, vergeht einem beinahe die Lust auf Süsses.
 

Fakt ist, Schweizer verputzen durchschnittlich insgesamt 110 Gramm Zucker pro Tag. Das entspricht 27,5 Würfelzuckern, sechs Bananen oder zwei Dritteln einer Packung Gummibärchen.

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Schätzung des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen
 

Damit sind wir etwa im europäischen Schnitt. «Wie hoch der tatsächliche Zuckerkonsum ist, ist schwer zu berechnen, weshalb die Zahlen je nach Quelle variieren. Alle aber weisen auf einen zu hohen Konsum hin», erklärt Esther Jost, Leiterin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung SGE. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deutlich weniger: 50 Gramm zugesetzten Zucker pro Tag. Also noch knapp eine Tafel Milchschokolade, fünf Deziliter Coca-Cola oder einen Drittel einer Gummibärchen-Packung. Es bestehen sogar Bestrebungen, diese Empfehlung zu halbieren. Dann heisst es endgültig: adios Zucker!

Versteckte Zuckerbomben

Das sag ich mir ebenfalls und beschliesse, dem weissen Teufelszeug für einen Monat abzuschwören. Schliesslich soll dadurch nicht nur die Gesundheit verbessert und das Gewicht reduziert Abnehmen Wie man wirklich Gewicht verliert , sondern auch die Konzentration gesteigert, die Energie erhöht und das Hautbild verjüngt werden. So schwierig kann es nicht sein, denke ich. Immerhin kann ich die Anzahl Fertigprodukte, die ich je in den Ofen geschoben habe, an zwei Händen abzählen, die als Zuckerbomben entlarvten Ernährung So finden Sie versteckten Zucker Frühstückscerealien und Fruchtjoghurts mochte ich nie wirklich, und auch auf Süssgetränke kann ich verzichten. So simpel ist es dann aber doch nicht.

Schliesslich enthalten auch die meisten Kohlenhydrate Zucker. Bei industriell verarbeiteten Kohlenhydraten wie etwa Weissmehl und Pasta dauere es zwar etwas länger, bis der darin enthaltene Traubenzucker im Körper freigesetzt werde, dann aber sei die Wirkung ähnlich schädlich, erklärt Michael Ristow, Ernährungsmediziner und Leiter des Instituts für Translationale Medizin der ETH Zürich. Und auch wenn Frucht- und Traubenzucker in Form von Obst, Gemüse und Honig unschuldig wirken, sind sie es letztlich nicht.

Unterschied zwischen Fruchtzucker und Raffineriezucker

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Welchen Unterschied macht es, ob man Fruchtzucker oder normalen Zucker isst? Dr. Claudia Twerenbold räumt mit medizinischen Mythen auf.

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Der Start ist hart

Drei Wochen vergehen. Ich habe ganz viel gelesen und ganz wenig umgesetzt. Jeden Tag gabs eine Ausrede. Das Abendessen beim Italiener, keine Zeit zum Kochen, zu viel Zeit, um zu viel zu essen, Versuchungen überall und immer. Weit weg von meinen Lieblingssüssigkeiten, dem vollen Kühlschrank und der Tagesroutine fällt es mir bestimmt leichter, mir neue Essgewohnheiten anzueignen, denke ich und verschiebe mein Vorhaben auf die bevorstehenden Ferien. Tatsächlich seien es vor allem Reizsituationen und Gewohnheiten, die es so schwer machen, eine Ernährungsveränderung durchzuziehen Ernährungsumstellung So setzen Sie Vorsätze endlich um , weiss Esther Jost von der SGE aus jahrelanger Beratungserfahrung. Von strikten Verboten hält sie indes wenig. «Massvoller Genuss ist keine Stärke des Menschen. Sich an Verbote zu halten, ist aber noch schwieriger», erklärt sie. Dennoch könne es helfen, den ersten Schritt mit einer Radikalveränderung anzugehen, um dann zu überprüfen, was sich in den Alltag integrieren lässt.

«Andauernd denke ich ans Essen, bin gereizter und energieloser als sonst. Entgiftungssymptome!»

 

Während sich das Rührei mit Champignons, Spinat und der Aussicht über Sydneys Bondi Beach noch nicht wie ein grosser Verzicht anfühlt, werde ich schon wenig später herausgefordert. Frozen Yoghurt. Glace aus Joghurt mit Früchten. Klingt in Ordnung. Doch die Nährwerttabelle Nutri-Score Die Nährwert-Ampel setzt sich durch meldet einen Viertel Zucker. Mist. Dann eben ein Apfel. Ebenfalls Fehlanzeige. Auch der hat über zehn Prozent Zucker. Warum nur habe ich so ein Experiment auf meine Ferien verschoben? Ich Idiotin. 24 Stunden ohne verbotene Lebensmittel sind geschafft. Doch auch am nächsten Morgen bleibt es schwierig. Mitten im Restaurant befürchte ich, mich gleich übergeben zu müssen, wenn ich mir nicht sofort ein Croissant in den Mund stecke – eine häufige Nebenwirkung des Zuckerentzugs. Doch so leicht geb ich mich nicht geschlagen. Für solche Notfälle habe ich eine Banane eingepackt. Diese hat zwar 17 Prozent Zucker, ist aber immer noch besser, als komplett einzuknicken.

Zucker ist nicht der einzige Bösewicht einer gesunden Ernährung

«Eine Banane hat in einer ausgewogenen Ernährung Platz», beschwichtigt Ernährungsexpertin Jost. Es sei ohnehin falsch, den Zucker gänzlich zu verteufeln. «In den 30 Jahren, in denen ich diesen Beruf ausübe, hat man immer wieder neue Lebensmittel zum Feindbild erklärt Ernährungstrends Welchen Theorien kann man noch glauben? .» Doch Ernährung sei viel zu komplex, um einen einzigen Bösewicht zu definieren.

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Auch deshalb beobachte sie skeptisch, wie etwa auf Social Media teilweise auf «sektiererische Art» für Ernährungsformen geworben werde, bei denen komplett auf ein oder mehrere Nahrungsmittel verzichtet wird. «Wir empfehlen immer noch die gute, alte Lebensmittelpyramide Ernährung Gewichtskontrolle mit der Lebensmittelpyramide . Sie ist vielleicht nicht so trendig oder hip, dass Leute sie auf Instagram posten, aber sie ist wissenschaftlich fundiert und plädiert für eine gesunde Balance statt eines strengen Regimes.»

«Je weniger Zucker, desto besser»

Auch Michael Ristow setzt hinter viele Ernährungstrends wie Superfoods Superfoods Was taugen Quinoa, Açai und Co.? oder Nahrungsergänzungsmittel wissenschaftlich gesehen mindestens ein Fragezeichen. Anders beim Zucker. «Da gilt klar: je weniger, desto besser.»

Es gibt etliche wissenschaftliche Belege dafür, dass Menschen, die weniger Zucker und schnell verwertbare Kohlenhydrate essen, seltener mit Übergewicht und hohem Cholesterinspiegel zu kämpfen haben. Entsprechend ist auch die Zahl der damit verbundenen Folgeerkrankungen wie Diabetes Diabetes-Test Wie hoch ist Ihr Risiko, zuckerkrank zu werden? und koronare Herzerkrankungen deutlich geringer.

«Erst jetzt wird mir aber bewusst, wie häufig ich mir etwas nebenbei gegönnt habe.»

 

Nachgewiesen wurde das etwa in Mexiko, wo zuckerhaltige Lebensmittel zusätzlich besteuert wurden und sich der Konsum deshalb reduziert hat. «Das Durchschnittsgewicht, vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ist in der Folge markant gesunken», so Ristow. Der Zusammenhang zwischen Zucker und Übergewicht sei klar belegt. Anders sieht es bei fettreichen Lebensmitteln aus. In den USA und weiten Teilen Europas wurde der Fettkonsum in den letzten 50 Jahren zwar drastisch reduziert, die Anzahl übergewichtiger Menschen ist im gleichen Zeitraum jedoch explodiert.

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Doch den Zucker einfach wegzulassen, damit ist es nicht getan. «Es kommt darauf an, wodurch er ersetzt wird. Erhöht sich dadurch etwa der Konsum von rotem Fleisch, ist es ein Nullsummenspiel», so Ristow. Und selbst die besagte Banane ist für den Wissenschaftler kein eindeutiger Fall. «Obst und Gemüse schützen nachweislich vor verschiedenen Erkrankungen. Aufgrund des niedrigeren Zuckergehalts ist Gemüse jedoch deutlich gesünder», so Ristow.

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Kein einziges Schoggitäfeli mehr

Zucker hin oder her: Mir geht es nach der Banane besser. Doch der Kampf geht weiter. Bei jedem Essen immer dasselbe Spiel: Zuckergehalt checken und im Zweifelsfall – vor allem in Restaurants – Salat und ein Stück Fleisch bestellen. Die Übelkeit vergeht nach drei, vier Tagen, hungrig bin ich selten. Die Hauptmahlzeiten fühlen sich nur mässig nach Verzicht an. Schliesslich habe ich mich auch vor dem Experiment schon bewusst ernährt. Auch wenn ein kleines Stückchen Brot zum Salat, gelegentlich eine Portion Pasta, ein paar Trauben zwischendurch und natürlich das obligate Stück Schoggi (oder zwei oder drei) dazugehört haben.

Erst jetzt wird mir aber bewusst, wie häufig ich mir diese «Ausnahmen» gegönnt habe. Und meinem Körper ebenfalls. Er rebelliert. Andauernd denke ich ans Essen, bin gereizter und energieloser als sonst. Zusammen mit Müdigkeit und Kopfschmerzen sind das zu Beginn einer Entgiftung offenbar klassische Symptome, wie ich aus Wiests Zuckerfrei-Buch erfahre. Doch was tut man nicht alles für die Gesundheit und den anstehenden Redaktionsschluss.

beim Selbstversuch ohne Zucker auszkommen geht die Beobachter-Autorin an ihre Grenzen

Kein Orangensaft, keine Fruchtspiesse mit lauwarmer Schoggi: Nach anderthalb Wochen zeigte Autorin Nicole Krättli der Zuckerfrei-Ernährung den Mittelfinger.

Quelle: Andrea Artz
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Notfallgerichte müssen her

Also entwickle ich Strategien. Beim grossen Hunger gibt es eine Scheibe Pumpernickel mit Avocado. Wenn ich zu faul bin, neue Rezepte zu suchen, habe ich mir zwei, drei einfache, zuckerarme und dennoch feine Notfallgerichte zurechtgelegt. Beispielsweise mit Kräutern gefüllte und mit wenig Käse überbackene Portobello-Pilze. Bald gebe ich es zudem auf, jeden Tag kreativ sein zu wollen. Es frisst schlicht zu viel Zeit. Nachdem ich die in der Instagram-Zuckerfrei-Gemeinde vielfach angepriesenen Kakao-Kokosnuss-Bällchen versucht und beinahe wieder ausgespuckt habe, wird mir klar, dass ich von zuckerfreien Desserts ähnlich viel halte wie von veganen Hotdogs Fleischlos glücklich 9 Alternativen zu Fleisch . Gar nichts! Lieber nippe ich hie und da an einem selbst gemachten Mango-Lassi, um die Lust auf Süsses zu stoppen.

Manchmal zeige ich der Zuckerfrei-Ernährung aber auch gepflegt den Mittelfinger. Das erste Mal nach anderthalb Wochen, als eine Freundin aus Down Under ein Frühstück aus Rührei, Speck, selbst gebackenem Brot, Ananas, Aprikosen, Erdbeeren und Orangensaft auftischt. Oder als ich auf dem Wochenmarkt an meinem Lieblingsstand vorbeilaufe, der Fruchtspiesse mit ganz viel lauwarmer Schokolade anbietet.

Geschafft! Oder halt fast

Nach vier Wochen ist das Teufelsexperiment vorbei. Ich habe es nicht geschafft, komplett auf Zucker zu verzichten. Manchmal habe ich ein wenig, selten ein wenig mehr über die Stränge geschlagen. Schokolade finde ich immer noch fein, und von den angepriesenen lebensverändernden Effekten spüre ich wenig.

Tatsächlich hat mir der Test aber geholfen, mir der Zuckermengen in vermeintlich gesunden Lebensmitteln bewusster zu werden und zu merken, wie oft ich sie mir gedankenlos in den Mund stecke. Selbst wenn ich Süsses esse, sind die Mengen jetzt deutlich kleiner. Letztlich ist es mit dieser Erkenntnis ein bisschen wie mit der Lebensmittelpyramide: nicht besonders sexy, keinen Post auf Instagram wert, aber eben nachhaltiger als eine extreme Ernährungsform Abnehmen Das Wundermittel gibt es nicht .

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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