Plötzlich diese Ruhe. Nichts als üppige Vegetation. Palmen, Bambushaine, Kastanienbäume, Magnolien, Kamelien und Oleander. Überall, wo Platz war für ein zufällig hingewehtes Samenkorn, blüht es. Zu Füssen liegt der Lago Maggiore, von dem ein laues Lüftchen den Berg hinaufzieht. Dieses Paradies hat Peter Oppliger auf dem Monte Verità, dem Berg der Wahrheit, hoch über Ascona gefunden. Fast ehrfürchtig durchschreitet er die kleine, sanft abfallende Waldlichtung, auf der etwa 1000 kleine Büsche in Reih und Glied stehen. Ein ungewohntes Bild inmitten dieser wild wachsenden Natur. «Das ist die Teeplantage», erläutert Peter Oppliger. Vor vier Jahren hat der heute 68-Jährige den Grundstein dazu mit einer Miniplantage auf der Insel Brissago gelegt. «Ich wollte zuerst testen, ob sich das hiesige Klima für den Teeanbau überhaupt eignet.» Bald wurde klar: Die Bedingungen sind ideal. So folgte postwendend die Expansion auf den Monte Verità.

Die Stammpflanze des Tees heisst Camellia sinensis - eine spezielle Kameliensorte, erklärt Oppliger. Sie wächst normalerweise nur in subtropischen Zonen Asiens, Russlands und Afrikas. Die spitzen Blätter des immergrünen Strauchs werden von April bis Oktober gepflückt. Und was nur Teeliebhaber wissen: Aus der Pflanze macht man sowohl Schwarz- als auch Grüntee. «Der Unterschied liegt nicht an verschiedenen Blättern, sondern in der Verarbeitung. Vor dem Trocknen wird Schwarztee fermentiert, Grüntee nicht», so Oppliger. Mit dem Aufbrechen der Blätter und der Oxidation würden dem Schwarztee wertvolle Inhaltsstoffe entzogen. Einzig das Koffein bleibe enthalten.

Mehr als 400 wertvolle Inhaltsstoffe
Inzwischen sind wir im Laboratorium angelangt, das sich im Teehaus Loreley befindet. Beim Betreten bimmelt leise ein Glöckchen. Der im japanischen Stil ausgestattete Raum verbreitet ein Gefühl innerer Ruhe. Hier finden regelmässig japanische Teezeremonien statt, und eine kleine Ausstellung erklärt Geschichte sowie Anbau und Verarbeitung von Tee.

Nun ist der gelernte Drogist Oppliger so richtig in seinem Element. Er eilt ins Freie, kehrt mit frisch gepflückten Teeblättern zurück, legt sie in ein Sieb und hält es kurz über den Dampf kochenden Wassers: «Nur in Japan werden die Blätter gedämpft, in China hingegen meist in grossen Woks erhitzt», erklärt er. «Auf ausgedehnten Reisen durch Indien bin ich mit der Pflanze des Schwarz- und Grüntees in Kontakt gekommen. Für mich ist es eine der faszinierendsten Heilpflanzen.»

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In Asien ist Tee als gesundheitsfördernder Kräuteraufguss schon seit 5000 Jahren bekannt. Mittlerweile gehört Grüntee zu den wissenschaftlich bestuntersuchten Getränken der Welt. Forscher entdeckten in den getrockneten Blättern über 400 verschiedene Inhaltsstoffe. Das Getränk soll Entzündungen hemmen, gegen Karies vorbeugen, den Cholesterinspiegel senken und die Schädlichkeit von Nikotin und Teeröl mindern. Bei Peter Oppliger tönt es etwas vorsichtiger: «Er steigert das Lernvermögen, wirkt antidepressiv, durchblutungsfördernd, antirheumatisch, beugt Arteriosklerose vor, ist reich an Spurenelementen.» Wie Rotwein enthalte nämlich auch Grüntee sogenannte Katechine.

Harmonie, Respekt, Reinheit und Ruhe
Teetrinken ist jedoch nicht gleich Teetrinken, wie Peter Oppliger sogleich demonstriert. Nach einem genau geordneten Ablauf erfolgt die Teezeremonie: Zuerst werden alle Utensilien bereitgelegt, das Wasser wird in einem mit Holzkohle vorgewärmten Krug (Kama) erhitzt und das Teepulver mit einem Bambus-Pinsel schaumig gerührt. Anschliessend beginnt das rituelle Servieren des Tees. Es handelt sich um die exklusivste Sorte, den «Mattcha». Sogleich merkt man, dass das nichts mit dem zu tun hat, was man in einem Restaurant als Grüntee serviert bekommt. «Die Zubereitung machts aus», sagt Peter Oppliger (siehe «So wird Grüntee richtig zubereitet»).

Und natürlich kommt es auch auf die Sorte an. Weltweit sind rund 200 Grüntees auf dem Markt. Jede besitzt zwar die gleichen wertvollen Inhaltsstoffe. Aber nicht jeder Grüntee enthält gleich viel Koffein. «Bancha» zum Beispiel hat wenig Koffein und eignet sich somit für die ganze Familie. Einsteigern wiederum empfiehlt der Grüntee-Experte einen «Sencha». «Das ist der meistgetrunkene Tee in Japan.» Oppligers persönlicher Favorit ist der «Guricha», der das Wasser tiefgrün färbt.

Eine kommerzielle Teeproduktion wird es auf dem Monte Verità trotz dem ersten Anbauerfolg nie geben. «In einigen Jahren werden wir mit zwei bis drei Ernten pro Jahr rund 20 Kilo produzieren», meint Oppliger. Dieser Tee ist aber ausschliesslich für Studienzwecke, Seminarien und den Direktverbrauch auf dem Monte Verità bestimmt. Und bei alldem gilt stets das, was auch im Zentrum der Teezeremonie steht: «Die Vermittlung der vier Prinzipien Harmonie, Respekt, Reinheit und Ruhe.»

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So wird Grüntee richtig zubereitet

Wasser: Frisches, kalkarmes Wasser verwenden (allenfalls Wasserfilter benutzen). Nur so viel Wasser nehmen, wie es für vier Tassen braucht. Das kochende Wasser etwa eine Minute abkühlen lassen (auf zirka 70 Grad), bevor man die Teeblätter damit übergiesst. Sonst wird der Grüntee bitter, und wertvolle Inhaltsstoffe werden zerstört.

Grüntee: Es reichen zwei Gramm Tee (ein gestrichener Teelöffel) für vier kleine Tassen.

Ziehdauer: Eine bis zwei Minuten für ein mildes Aroma. Wirkt stark anregend. Zwei bis vier Minuten für ein kräftiges Aroma, aber eine schwächere Wirkung. Grüntee kann innerhalb von 10 bis 30 Minuten ein zweites Mal aufgegossen werden.

Geniessen: Grüntee trinkt man ohne Milch, da Milchproteine die antioxidative Wirkung des Tees mindern - und auch ohne Zucker!

Aufbewahren: Kleine Mengen in einem gut schliessenden Behälter an einem dunklen und kühlen Ort aufbewahren.

Die sieben wichtigsten Sorten

Gun Powder: Der Name stammt von den kugelförmig gerollten Blättern. Herkunft: China und Indonesien.

Genmaicha: Ist zu 50 Prozent gemischt mit gerösteten Reiskörnern. Herkunft: Japan.

Yama-no-cha: Ein Bergtee von den südlichen Hängen des Fujiyama mit feinem Aroma. Herkunft: Japan.

Bancha: Gilt als einfachste Grünteesorte Japans, enthält wenig Koffein.

Sencha: In jedem japanischen Haushalt zu finden. «First flush» ist die beste Qualität.

Gyokuro: «Schattentee», bei dem die Büsche vor der Ernte abgedeckt werden. Herkunft: Japan.

Matcha: Pulverisierter Tee. Er wird traditionell für die Teezeremonie verwendet. Herkunft: Japan.

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Weitere Infos

Öffnungszeiten Teehaus Loreley
13.30 bis 18.30 Uhr

April bis Oktober: Dienstag bis Sonntag
November bis März: Donnerstag bis Sonntag

Teezeremonie
17 Uhr

April bis Oktober: dienstags
November bis März: samstags

Anmeldung: Telefon 091 785 40 40 oder info@monteverita.org
Homepage: www.monteverita.org