Lange Zeit war das Image der Milch strahlend weiss. Das Land, wo neben Honig Milch fliesst, galt als der paradiesischste aller Orte. Das Wissen, dass Milch müde Menschen munter macht, sogen die Kindern direkt ab Mutterbrust.

Bei so viel positiver Botschaft packten einige clevere Marketingstrategen die Milch gleich in die Produktebezeichnung. Ob Milchschnitte oder Milkyway, das Wort Milch sollte den wahren Inhalt veredeln und für ein gesundes Image und ein gutes Elterngewissen sorgen. Mit grossem Erfolg, selbst wenn einige Verkaufsargumente so leichtgewichtig waren, dass sie sogar in Milch schwammen.

Erst in jüngerer Zeit verschlechterte sich das Bild des menschlichen Erstgetränks. Plötzlich machen allerlei vermeintliche Nebenwirkungen dem Milchtrinker sein Leibgetränk sauer.

Milch löst Allergien aus, macht dick und ist nach Erhitzung völlig ungesund, weiss plötzlich der Volksmund – vom alarmierend hohen Cholesteringehalt ganz zu schweigen.

Was ist nun Dichtung, was ist Werbung, was ist Wahrheit? Zeit für eine Bestandesaufnahme und eine Überprüfung gängiger Vorurteile.

Milch und Milchprodukte machen dick.
Falsch. Das Gegenteil ist der Fall: Neue Studien zeigen, dass Milch und Milchprodukte eine schlank machende Wirkung haben (ausser sehr fettige Milchprodukte wie Butter, Rahm und Doppelrahmkäse). Dafür ist unter anderem das Kalzium verantwortlich. Eine hohe Kalziumzufuhr fördert die Verbrennung und hemmt die Bildung von Körperfett. Kalzium besitzt auch die Fähigkeit, eine gewisse Menge Nahrungsfett im Darm zu binden. So kann dieses nicht in den Körper aufgenommen werden. Eine neue Studie zeigt auf, dass Milchtrinker weit besser abnehmen konnten als solche, die bloss ein Kalziumpräparat schluckten. Vor allem das ungesunde Bauchfett schmolz dank Milch optimal. Eine weitere Studie an Kindern zeigte, dass Milchtrinker einen niedrigeren Körperfettanteil haben als Nicht-Milchtrinker.

Fazit: Wer auf sein Körpergewicht achtet, streicht Milch und Milchprodukte nicht vom Speiseplan, dosiert aber Butter und Rahm etwas vorsichtig.

Milchprodukte erhöhen den Blutdruck und den Cholesterinspiegel.
Falsch. Schwedische Wissenschaftler konnten zeigen, dass Menschen mit steigendem Konsum von Milch und Milchprodukten ein niedrigeres Herz-Kreislauf-Erkrankungsrisiko haben als solche, die auf Milch und Milchprodukte verzichten. Dies obwohl Milch und Milchprodukte Cholesterin enthalten. Amerikanische Wissenschaftler fanden zudem heraus, dass eine ausreichende Kalziumzufuhr günstig auf den Blutdruck wirkt und Herz-Kreislauf-Krankheiten verhindern kann. Allerdings ist Kalzium nicht gleich Kalzium: Präparate wirken weniger gut als Kalzium, das aus der Nahrung aufgenommen wird.

Fazit: Milch und Milchprodukte helfen, das Herz-Kreislauf-System zu schützen. Sie wirken besser als Kalziumtabletten.

Milch kann Krebs vorbeugen.
Richtig. Viele Bestandteile des Milchfetts haben in Tierversuchen ein erhebliches Antikrebspotenzial gezeigt. Eine äusserst eindrückliche Wirkung gegen Krebs hat die Fettsäure CLA; es gibt klare Hinweise auf eine Hemmung der Entwicklung von Krebszellen, besonders bei Brustkrebs. CLA kommt hauptsächlich in Milch vor, in geringeren Mengen auch im Fett und im Fleisch von Wiederkäuern. Dabei lässt sich der CLA-Gehalt über die Fütterung beeinflussen: Alpenmilch enthält bis zu doppelt so viel CLA als Milch aus tieferen Lagen. Auch die im Milchfett vorkommenden Vitamine A und D sind im Zusammenhang mit Krebsbekämpfung allgemein bekannt.

Fazit: Wer etwas zur Krebsvorbeugung tun will, sollte möglichst abwechslungsreich und vollwertig essen. Dazu gehören auch Milchprodukte, am besten aus Alpenregionen.

Milch aus Alpenregionen ist gesünder.
Richtig. Neue Studien zeigen, dass die Zusammensetzung des Milchfetts je nach Lage der Bauernhöfe variiert. Je höher der Betrieb liegt, desto hochwertiger ist die Zusammensetzung des Milchfetts. Verantwortlich dafür ist die grössere Pflanzenvielfalt in Berg- und Alpenregionen. Auch Biomilch schneidet besser ab als konventionell erzeugte Milch, denn die biologisch-dynamisch gehaltenen Tiere sind in der Regel häufiger draussen und fressen mehr verschiedene Pflanzen.

Fazit: Wer keine Alpmilch oder Alpmilchprodukte kaufen kann, ist mit Biomilch gut bedient. Sie ist zwar teurer, aber gesünder.

Vollmilch ist für Kinder gesünder als Milchdrink.
Teilweise richtig. Tatsächlich sind in der teilentrahmten Milch weniger fettlösliche Vitamine (A, D und E) enthalten als in der Vollmilch. Doch heute sind viele Kinder übergewichtig und sollten daher eher teilentrahmte Milchprodukte zu sich nehmen. Vollmilch empfiehlt sich, wenn ein Kind schlecht isst und eher untergewichtig ist. Auch beim Übergang vom Milchpulverschoppen zu frischer Milch sollten Kleinkinder Vollmilch trinken.

Fazit: Hauptsache, Kinder trinken genug Milch – Vollmilch oder Milchdrink. Denn sie liefert das nötige Kalzium für den Aufbau der Knochenmasse, der im Alter von 25 bis 30 Jahren abgeschlossen ist.

Wo Milch draufsteht, ist Milch drin.
Falsch. Milchschnitten und ähnliche Milchsnacks für Kinder liegen zwar im Kühlregal neben den Milchprodukten. Doch der Hinweis «30 Prozent Milch» täuscht, denn eine Schnitte oder ein Riegel enthalten umgerechnet nur gerade einen Esslöffel Milch. Der Kalziumgehalt in einem Glas Milch ist fünfmal so hoch wie in der Schnitte. Ein neunjähriges Schulkind müsste demnach täglich 17 Milchschnitten essen, um seinen Kalziumbedarf zu decken – und würde gleichzeitig damit etwa 40 Würfelzucker aufnehmen.

Fazit: Milchsnacks können Milch keineswegs ersetzen.

Bergkäse kommt aus den Bergen.
Falsch. Alpkäse und Bergkäse werden zwar korrekt bezeichnet, doch viele Konsumenten kennen den Unterschied nicht. Wer an CLA-Fettsäure reichen Käse kaufen möchte, ist mit Bergkäse nicht optimal bedient. Der echte Alpkäse wird nur im Sommer direkt in den Alpbetrieben hergestellt, meistens in reiner Handarbeit. Die frischen, würzigen und gesunden Kräuter der Alpwiesen ergeben eine besonders geschmackvolle Milch, die reich an CLA ist. Bergkäse hingegen wird während des ganzen Jahres nach einem standardisierten Verfahren in gewerblichen Dorfkäsereien im Tal produziert. Also auch im Winter, wenn die Kühe im Stall mit Heu gefüttert werden.

Fazit: Alpkäse ist gesünder und würziger als Bergkäse. Wer auf die gesundheitsfördernde Wirkung der Fettsäure CLA setzt, fährt mit Alpkäse besser.

Zur Vorbeugung von Allergien ist Mandel- oder Sojamilch besser für Babys als Kuhmilch.
Falsch. Sojanahrungen werden nicht mehr zur Prävention einer Kuhmilchallergie verwendet. Denn auch Sojaeiweissallergien sind häufig und mindestens so lästig, da in unzähligen Lebensmitteln Sojabestandteile enthalten sind. Auch Mandelmilch, Reismilch oder eine andere Getreidemilch sind kein Ersatz. Sie enthalten zu wenig hochwertiges Eiweiss, Kalzium, Jod, Eisen und Vitamine. Dies kann zu Wachstumsstörungen und anderen schweren Mangelerscheinungen führen.

Fazit: Babys mit einem erhöhten Allergierisiko sollten so lange wie möglich gestillt werden. Wer nicht stillt, wählt ein adaptiertes Milchpräparat für Säuglinge.

UHT-Milch ist total ungesund.
Falsch. UHT-Milch wird stärker erhitzt als pasteurisierte Milch und ist deshalb deutlich länger und ohne Kühlung haltbar. Im Vitamingehalt unterscheidet sie sich nur unwesentlich von pasteurisierter Milch. Rohmilch sollte aus Hygienegründen hitzebehandelt werden, damit keine krank machenden Bakterien überleben. Geschieht das aber auf dem eigenen Küchenherd, führt das zu viel stärkeren Veränderungen als bei der Pasteurisierung.

Fazit: Besser UHT-Milch trinken als gar keine Milch. Pasteurisierte Milch ist aber gesünder und billiger als UHT-Milch.

Obwohl Asiaten kaum Milch trinken, leiden sie seltener unter Osteoporose als Mitteleuropäer.
Falsch. Auch in Asien ist Osteoporose ein gewaltiges gesundheitliches Problem. Ältere chinesische und taiwanesische Frauen haben eine verminderte Knochendichte; die Rate an Knochenbrüchen steht in direktem Zusammenhang mit dem niedrigen Kalziumkonsum. Asiaten essen zudem oft zu wenig Eiweiss, was sich ebenfalls negativ auf ihre Knochengesundheit auswirkt.

Fazit: Milch und Milchprodukte sind wichtige Kalziumlieferanten. Sie helfen, Osteoporose vorzubeugen.

Milch führt zu Verschleimungen.
Falsch. Weder chronische Erkältungen noch Verschleimungen können auf den Milchkonsum zurückgeführt werden. Australische Wissenschaftler liessen Testpersonen Kuhmilch und Sojamilch trinken. Das schleimige Gefühl auf den Atemwegen trat bei beiden Getränken auf – auch nach dem Trinken von Fruchtsäften. Eine weitere Studie zeigte, dass Erkältungen bei Milchtrinkern weder stärker sind noch länger dauern als bei solchen, die auf Milchprodukte verzichteten.

Fazit: Wissenschaftlich gibt es keinen Grund, bei Erkältungen auf Milch zu verzichten.

Oft sind Tee oder Wasser aber angenehmer als Milch oder Fruchtsäfte. «Heidi»-Milch hilft den Bergbauern.
Falsch. Wer meint, mit den «Heidi»-Produkten der Migros die Berglandwirtschaft zu unterstützen, täuscht sich. Zwar sind die Produkte teurer als solche ohne «Heidi»-Schriftzug, doch die Produzenten bekommen keinen Rappen mehr für ihre Milch. Ihr Bauernbetrieb muss auch nicht im Berg- oder Alpenraum stehen, denn die behördlich definierten Berggebietszonen entsprechen nicht dem Bild, das sich die Schweizer normalerweise vom «Berg» machen. «Heidi»-Milch stammt zudem weder von biologisch noch besonders tiergerecht gehaltenen Tieren.

Fazit: Das Label «Heidi» ist nicht mehr als ein marketingtechnischer Schachzug.

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