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Erziehung«Warum gehorchen Kinder nicht mehr?»

Können Menschen, die in ihren Kinderjahren nicht gehorchten, später im Leben bestehen? Bild: Thinkstock Kollektion

Eine pensionierte Kindergärtnerin macht sich Sorgen um die Zukunft der Kinder. Früher hätten die Kinder besser gehorcht, sagt sie.

von Christine Harzheim

Frage: «Ich bin pensionierte Kindergärtnerin. Mir fällt auf, dass die Kinder heute weniger gut gehorchen als früher. Wie sollen sie später im Leben zurechtkommen?»

Antwort von Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin: Auch wenn das für uns noch un­gewohnt ist: Diese Kinder haben eine Chance, später im Leben zu bestehen, weil sie weniger gut gehorchen. Anpassung als alleiniges Erziehungsziel genügt nicht mehr, damit ein Kind den Anforderungen der heutigen Zeit standhalten kann.

Kinder zeigen sich heute Erwachsenen gegenüber weniger ängstlich. Sie stellen Dinge infrage und sind bereit, sich zu wehren. Wir Erwachsenen empfinden das zum Teil als anstrengend und irgendwie beunruhigend.

Aber: Bis vor etwa 40 Jahren konnte ein Heranwachsender mit der Fähigkeit und Bereitschaft, sich ein- und unterzuordnen, im Leben weit kommen. Die Welt war überschaubar, der Bewegungsradius beschränkt.

Über Werte, Normen und Lebensentwürfe herrschte Einigkeit, die Erwartungen waren klar. Vieles war vorgegeben, wenig wählbar. Wenn man sich anpasste, gehörte man dazu und fand einen Platz in der Arbeitswelt, in der Kirchgemeinde, im Fussballverein. Wenn man heute 18 Jahre alt und mündig wird, braucht es weit mehr als Anpassung, um ein glück­liches und erfolgreiches Leben zu führen.

Eine wirksame Kontrolle ist eine Illusion

Alles scheint möglich, alles scheint zugänglich. Man kann rund um die Uhr konsumieren, Kontakt haben, sich informieren, sich innerhalb und ausserhalb geografischer, realer und virtueller sowie moralischer Grenzen bewegen. Schon mit zwölf und dem ersten Smartphone steht die Welt in all ihren posi­tiven und problematischen Facetten zur Verfügung. Grenzen verschwinden, wirksame Kontrolle ist – trotz bemühten Eltern – eine Illusion. Sobald das Kind eigene Schritte hinausmacht, wird das Angebot unüberschaubar.

Was nützt denn nun die Fähigkeit, sich anzupassen? An was? An wen? Warum?

Die meisten Jugendlichen befinden sich in einem Überangebot – von allem. Gab es einst zwei bis drei TV-Sender, sind es heute einige hundert. Wo früher das Testbild den Sendeschluss markierte, kann man sich heute pausenlos berieseln lassen. Auf dem Internetportal Youtube werden pro Tag mehr als vier Milliarden Videos angesehen. Jede Minute werden 60 Stunden Videos hochgeladen.

Was man also wirklich braucht, um sich nicht in der Wirklichkeit des neuen Jahrtausends zu verlieren, ist die Fähigkeit, sich zu entscheiden. Abgrenzung statt Anpassung. Entscheide zu treffen, die für die eigene Person, das eigene Umfeld und schliesslich für die Gesellschaft auf Dauer zuträglich sind.

Ein Kind muss vor allem wissen, wer es ist

Viele Jugendliche sind schon überfordert angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, einen Beruf zu wählen. Dazu kommen Freizeitvarianten, die virtuelle Parallelwelt, weltanschauliche Ausrichtungen, Gruppenzugehörigkeit und Lebenswandel.

Wenn Erziehung vorab auf Gehorsam und Anpassung setzt, wird die nötige Entscheidungsfähigkeit nicht ausgebildet. Um mich entscheiden und abgrenzen zu können, muss ich vor allem wissen, wer ich bin.

Was tut mir gut, was nicht? Wie reagiere ich worauf? Was will ich? Wo sind meine Grenzen? Nur wer diese persönliche Basis als sichere Referenz in sich trägt, wird standhalten, sich schützen und sein Leben gut gestalten können.

Was befähigt Kinder, sich in der heutigen Welt zu behaupten? «Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach» – dieser Satz von Karl Valentin bringt eine wesentliche Erkenntnis auf den Punkt. Kinder lernen «am Modell». Wie wir denken, handeln, mit uns und miteinander umgehen und uns in der Welt bewegen, ist ihnen Vorbild. Es inspiriert, lässt sie nachahmen und ausprobieren. Hier werden eigene Erfahrungen möglich.

Ebenso wichtig, wie authentische Vor­bilder zu haben (übrigens auch im Hadern und Fehlermachen), ist es für Kinder, eigene Schlüsse aus den Erfahrungen ziehen zu dürfen. Erwachsene können ihre Sicht der Dinge benennen, müssen aber Raum dafür lassen, dass das Kind anders erlebt und bewertet. Hier ist ein Nebeneinander auf Augenhöhe wichtig, damit Sicherheit in Bezug auf das eigene Selbst entstehen und wachsen kann.

Buchtipp

Jesper Juul: «Dein kompetentes Kind. Auf dem Weg zu einer neuen Wertgrundlage für die ganze Familie»; Verlag Rowohlt, 2009, 288 Seiten, Fr. 14.90

Veröffentlicht am 2015 M10 27