Was mache ich da? Ich spinne wohl!» Erbaulich war der Moment nicht. Iren Müller stand im halbdunklen Fabrikraum der Spinnerei Neuthal und musterte die Decke, von der Wasser tropfte. Sechs Jahre hatte der Raum leer gestanden. Durch die Fenster drang etwas Licht, es war totenstill. Dies sollte also Iren Müllers Zuhause werden – «e grossi, gruusigi Halle». Vor knapp zwei Wochen hatte sie den Mietvertrag unterzeichnet.

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«Alte Weberei sucht neue Spinner», hatte das Inserat gelautet. Iren Müller war über Freunde auf die Liegenschaft im Zürcher Oberland gestossen. «Es war keine Liebe auf den ersten Blick», gesteht sie. Doch die 200 Quadratmeter Wohnfläche, die hohen Fenster und die ruhige Lage liessen sie nicht mehr los. Hinzu kamen finanzielle Überlegungen: «So billigen Wohnraum findet man in der Stadt nie.

Seit viereinhalb Jahren wohnt die Fotografin nun in der Spinnerei Neuthal: Sie ist allein erziehende Mutter. Nein, den Entscheid hat sie «keinen Moment bedauert»: Auf 40000 Franken belief sich die Investition für Küche, Bad und Stromleitungen – «gemessen an früheren Mieten habe ich die Summe schon lang amortisiert».

Mit 20 hatte Iren Müller als Visagistin ein halbes Jahr in New York gelebt; ihre Arbeitsräume befanden sich in Soho – es waren Lofts. «Ja, ich dachte oft, so ein Loft mit der Skyline im Fenster, das wär doch was.» Der Wunsch geriet dann in den Hintergrund. Zurück in der Schweiz, zog die Fotografin in zehn Jahren zwölf Mal um. War wieder die Zeit für einen Wechsel gekommen, legte Iren Müller die massstabgetreuen Papierschnitzel, die ihre Möbel darstellten, auf den Küchentisch und probierte eine neue Ordnung aus.

In der Spinnerei war alles anders. Ihr Hab und Gut hatte in einer Ecke Platz. Es gab schier unzählige Möglichkeiten, diesen Raum zu gestalten. Mit Hilfe eines Handwerkers hatte sie am einen Ende eine Mauer hochgezogen; dahinter richtete sie für sich und ihre Tochter je einen Schlafraum ein. Hinzu kamen eine offene Küche, ein grosses Bad – der Rest aber blieb, wie er war: Auf den 170 Quadratmetern Parkettböden, wo einst Webmaschinen standen, liegen heute vier Bastteppiche, diverse Kissen und Spielzeug. In den hohen Fenstern der Ausblick auf idyllische Weiden: Die Weite des Wohnraums setzt sich in der Landschaft fort.

Ohne Wände gehts nicht
Am Sonntagmorgen sind die Vorhänge meistens gezogen. Die sechsjährige Ann, die an diesem Tag immer früher aufsteht als ihre Mutter, scheint Schutz zu suchen in der grossen Stube. Oft spielt sie hinter dem grossen Gummibaum: «Die Geborgenheit in einem Loft ist nicht einfach da», sagt Iren Müller, «man muss sie sich schaffen.» Alle 20 Mitbewohner von Neuthal hätten für das Bett eine Nische eingerichtet. «Der Mensch braucht eine Kuschelecke. Niemand kann ohne Wände leben.»

Tagsüber hält sich das Kind selten in seinem Zimmer auf: «Meist nur dann, wenn es wütend ist. Dann schliesst Ann die Tür.» Als die Kinder aus den umliegenden Bauernhöfen das erste Mal zu Besuch kamen, standen sie erst baff im Türrahmen. Dann ging die Rennerei los. «Ohne Anzeichen einer Ermüdung rannten die Kleinen durch den Raum und wieder zurück, das ganze nochmals, und wieder von vorn.» Das Ritual wiederholte sich bei jedem Besuch. Heute hat die Hausherrin «ein Rennverbot verhängt», sagt sie lachend.

Ihr Sprachgebrauch hat sich noch nicht an die neuen Gegebenheiten angepasst. Die Fotografin sagt: «Ich gehe noch schnell ins Büro» und begibt sich in die Ecke im Süden; von dort aus bedeutet: «Ich gehe in die Küche» zehn Schritte geradeaus. Ihr Weg zur Arbeit, vom Schlafzimmer aus gerechnet, beträgt rund 15 Meter.

Iren Müllers Tätigkeit konzentriert sich heute auf Reportagefotos. Anfänglich war es nicht einfach, die Abende als Freizeit zu deklarieren: «Der Schreibtisch war ganz einfach zu nahe.» Inzwischen hat sie das Fotostudio weggeräumt und den Privatraum wesentlich vergrössert.

Ob die Weite des Raums eine innere Weite schafft? «Ja, sicher, ja!»: Iren Müller zögert keine Sekunde mit der Antwort. Als Ann in den Kindergarten kam, fing die Mutter an zu meditieren. Mittlerweile gibt sie bereits ihren ersten Kurs. «Ich habe mich verändert in den vier Jahren», sagt sie. Mit der Atemnot von früher, als sie noch in engen Räumen hauste, sei es jedenfalls vorbei.

Von der Elektrofabrik zum Edelloft
Der Entschluss von Peter und Sarah Niederhäuser kam spontan. «Loft zu verkaufen», lautete das Inserat im Internet. Die Baupläne waren über den Bildschirm abrufbar. Nach zwei Wochen besichtigten die beiden das Modell des Projekts. Noch am selben Abend unterschrieben sie den Vertrag. «Weisst du, was wir jetzt gemacht haben?», fragte Sarah Niederhäuser ihren Mann. Man beschloss, das Thema vorerst auf Eis zu legen.

Das Paar wohnt seit dem letzten April in einem der begehrtesten Lofts von Zürich, im Stadtteil mit dem grössten Wachstumspotenzial, gebaut in die Mauern einer ehemaligen Elektrofabrik. Die Eile der Bewerber erwies sich als angezeigt. Die Objekte hätten sich gut zwei Mal verkaufen lassen. «Es herrscht eine Faszination, an einem Ort zu wohnen, wo früher körperlich gearbeitet wurde», sagt Peter Niederhäuser.

Doch er weiss, dass sein neues Zuhause nicht mehr viel gemeinsam hat mit den Lagerräumen, die in den zwanziger Jahren in den USA von Künstlern und Minderbemittelten bezogen wurden. «Wir wohnen in einem Edelloft», sagt er. Die Objektpreise betrugen zwischen 500000 und eineinhalb Millionen Franken. In den 20 Wohneinheiten leben knapp ein halbes Dutzend Kinder. Die meisten Nachbarn sind Doppelverdiener ohne Nachwuchs.

Wohnen in einem «offenen Buch»

Quadratische Grundfläche, drei Fensterfronten, die Limmat vor dem Haus: «Der Kauf bedeutete eine enorme Herausforderung», sagt Niederhäuser. Er war in seiner früheren Wohngemeinde Bauvorstand; gemeinsam mit einem Architekten hatte er bereits ein Mehrfamilienhaus realisiert. «Meine Frau und ich haben einen Plan für unsern Loft entworfen. Dann noch einen. Dann den dritten. Und waren ohne viel Begeisterung zu einem Resultat gekommen.» Die nächste Ernüchterung liess nicht auf sich warten. Eine befreundete Innenarchitektin liess das Paar «mit viel diplomatischem Geschick» wissen: Die entstandenen Pläne seien «Schrott».

«Als Planer waren wir völlig überfordert, mit dieser Freiheit umzugehen», sagt Sarah Niederhäuser: «Wir haben die Räume sozusagen an die Aussenwände geklebt.» Ganz anders die Innenarchitektin: «Die Fachfrau hat den Raum erobert.» Das Resultat überzeugt: In der Mitte des Raums befindet sich ein Kubus mit Nasszelle, in dem das Bad, die Waschküche und ein Teil der Küche enthalten sind. Sämtliche Wände der Innenräume sind zurückversetzt: Sie berühren die Aussenwände nie, eine elegante Bahn aus Glas liegt dazwischen. Dasselbe Muster gilt nach oben: Decke und Zimmerwände sind mit einem transparenten Zwischenstück verbunden. «Gewöhnungsbedürftig war vor allem der permanente Lichteinfall», meint Niederhäuser: «Auch in der Dämmerung dringt immer etwas Aussenlicht in den Raum.»

Eine Front ist in Richtung Uferweg ausgerichtet: «Unser Zuhause ist sozusagen ein offenes Buch.» Sarah Niederhäuser war über diese Tatsache erst beunruhigt. Doch die Spaziergänger haben sich inzwischen an den Einblick gewöhnt. «Die Voyeure werden heute mit ÐBig Brotherð ruhiggestellt», lacht Niederhäuser.

«Wir haben beide sehr strenge Jobs», sagt Sarah Niederhäuser, «und deshalb sind wir sehr gern zu Hause.» Das berufliche Umfeld von Peter Niederhäuser – er ist im Bankbereich tätig – handelt zwar von käuflichen Dingen; «ich freue mich aber genauso an der Kultur». Niederhäuser bezeichnet sich als Geniesser: Er schätzt seine Sonntagmorgen zusammen mit Freunden bei Billard, mit Champagner und Zigarre. Und seine Frau geniesst genau diese Zeit allein: «Die Rückzugsmöglichkeiten in einem Loft sind eingeschränkt. Umso grösser ist ihr Gewicht. Ich höre Musik. Oder schaue ganz einfach aufs Wasser.»

«Es herrscht ein guter Geist in unserer Nachbarschaft», sagt Peter Niederhäuser, «es handelt sich klar um einen Glücksfall.» Unter demselben Dach leben unter anderem Kunsthistoriker, Unternehmer, Banker, Psychiater. Der Zusammenhalt wurde durch gemeinsame Probleme gefestigt: Der Totalunternehmer war der Komplexität seiner Aufgabe nicht gewachsen. Die weiteren Verantwortlichen planten in der Meinung, dass sich die einzelnen Lofts nur wenig voneinander unterscheiden sollten; den Käufern hingegen war vertraglich ein individueller Ausbau zugesichert. Mangelhafte Bauqualität und ungenügendes Baumanagement verzögerten die Realisierung. Wegen der zusätzlichen Kosten haben 13 der 20 Parteien einen Anwalt beigezogen.

Freiheit auf 250 Quadratmetern
Keine anwaltschaftliche Hilfe war in der Genossenschaft um die ehemalige Textilfabrik Alpinit in Sarmenstorf AG nötig. Die Nachfrage wuchs zwar nur zögerlich; viele Interessenten, die die leer stehenden Fabrikräume besichtigten, konnten sich darin keine Gemütlichkeit ausmalen und zogen sich zurück. Dreieinhalb Jahre war ungewiss, ob das Projekt «Wohnen und Arbeiten in der Fabrik» zustande kommen würde. Als dann einige Räume eingerichtet waren, wendete sich das Blatt: Die Genossenschaft wuchs im Nu auf 33 Parteien. Die Liegenschaft ist heute ausgemietet.

Seit September 1999 wohnen die Künstlerin Rita Merten und der Sozialpädagoge Ueli Merten mit ihren Söhnen Matthias, 19, und Manuel, 15, im Flügel 5B. «Die Diskussionen, wie die Wohnung eingerichtet werden sollte, dauerten oft nächtelang», sagt Ueli Merten. Er ergänzt lachend: «Ein echt basisdemokratischer Vorgang.» «Ich wollte nicht, dass der ganze Raum für alle Eintretenden sogleich offen dalag», sagt seine Frau. «Mich hätte dies kaum gestört», entgegnet ihr Mann. Die Familie fand schliesslich einen klassischen Kompromiss: Gleich nach dem Eingang wurde eine Vitrine aufgestellt. Das durchsichtige Möbel setzt Grenzen – und gibt gleichzeitig den Raum frei.

Manuel, oft krank und abhängig von spezieller Aufmerksamkeit, war wesentlich am Umzugsentscheid beteiligt: «Mein Atelier und die Wohnung befinden sich unter demselben Dach», sagt die Künstlerin. «Das ist ideal für mich. Ich kann arbeiten – und zu Manuel sehen, wenn er da ist.»

Zwei Stockwerke, 250 Quadratmeter Grundfläche, über vier Meter hohe Räume: Die Mertens haben den oberen Boden mit Leichtbautrennwänden versetzt. Unbeschränkte Offenheit erträgt die familiäre Situation nicht. Am Umbau halfen die beiden Söhne mit – ob es sich nun ums Wändestreichen oder Bodenverlegen handelte. Eigenleistungen werden in der Genossenschaft als Kapital gutgeschrieben.

Rita Mertens Leidenschaft gilt der Malerei und textilen Bildern. In der Alpinit aber gönnte sie sich mit 47 zum ersten Mal ein eigenes Atelier. «Damit hat das Ganze einen Teil des Spielerischen verloren», sagt sie. «Die Miete für meinen Arbeitsraum hat etwas Verbindliches.»

«Anfänglich hatte ich fast ein schlechtes Gewissen, so viel Raum zu beanspruchen», so Rita Merten. Und ihr Mann: «Ich bin mir bewusst, dass dies ein Luxus ist.» Wohnen ist für die Mertens wichtiger als für andere Eltern: «Der Ausgang hat für uns nicht den gleichen Stellenwert. Wir können Manuel nicht so leicht allein lassen.»

In der Alpinit wohnen Künstler, Sozialarbeiter und Computerfachleute, «offene Menschen, die Individualisten geblieben sind», sagt Ueli Merten, der als Dozent für Sozialpädagogik in Brugg tätig ist. Den Entschluss, in einen Loft zu ziehen, hatte die Familie lang für sich behalten. Als der Entscheid öffentlich wurde, «hagelte es gut gemeinte Warnungen: «Wisst ihr überhaupt, worauf ihr euch einlässt?», hiess es. «Man hielt uns für grössenwahnsinnig», sagt Ueli Merten. Mit Wahnsinn hat die Lebensart für ihn nichts zu tun: «Es geht darum, einen neuen Mittelpunkt zu finden.»

Fast 20 Jahre hatten Mertens zwei Dörfer weiter gewohnt: Die Familie war beliebt, der Vater sass zehn Jahre im Gemeinderat. «Ein schönes Haus, bescheidener Luxus: Wir haben vieles erreicht», sagt Rita Merten. «Aber wir hatten keine Lust, unsere Gewohnheiten noch 30 Jahre lang weiter zu pflegen.» Ueli Merten: «Der Umzug war in vieler Hinsicht ein Neuanfang.»