Betrauern Sie einerseits, was verloren gegangen ist, bauen Sie aber anderseits ein neues Zentrum für Ihr Leben auf und bemühen Sie sich schliesslich um neue, lockere Formen des Kontaktes mit der Tochter.

Wichtig ist zu erkennen, dass die Ab­lösung junger Menschen von den Eltern eine entwicklungspsychologische Not­wendigkeit ist. Im Mutterleib erleben wir paradiesische Geborgenheit und im ersten Lebensjahr eine symbiotische Verschmelzung, als Kind werden wir umsorgt, behütet, und die Eltern tragen die Verantwortung für uns. Und schliesslich dürfen oder müssen wir erwachsen werden, zu selbstverantwortlichen Individuen. Wer diesen Schritt nicht machen kann, quält sich als neurotischer, abhängiger Mensch durchs Leben. Er wird unfähig sein, reife Partnerbeziehungen einzugehen, und er wird ­seinen Kindern auf ihrem Weg zur Selbständigkeit wenig helfen können.

Schmerz gehört dazu

Im Grunde beginnt die ­Ablösung mit der Durchtrennung der Nabelschnur. Weitere wich­tige Schritte sind das Gehenlernen – und das Trotzalter, in dem es um die Erprobung eines unabhängigen Willens geht. In der Pubertät erlebt das Thema eine Neuauflage. Meist wird die neu erwachte Sexualität, die Liebe, zum Auslöser. Sie fordert einen Entwicklungsschritt. Man kann nicht mehr Kind bleiben. Ein Ablösungsprozess zwischen Eltern und Kindern wird notwendig.

Ein Stück Trauer, Schmerz und Wut gehören immer dazu. Denn eine schöne Zeit mit viel Nähe, Spass und Freude geht zu Ende. Die Erinnerungen bleiben, aber sowohl Eltern als auch Junge müssen etwas loslassen. Je wackeliger das Fundament, je unsicherer Eltern und Kinder sind, desto extremere Formen nimmt das Ablösungsdrama an. Oder was noch schlimmer ist: Die emotionale Loslösung findet gar nicht statt.

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Es geht natürlich nicht darum, dass man sich nicht mehr gernhaben darf, sondern um Abgrenzung und um das Finden und Ausdrücken der eigenen Identität. Das ist für beide Seiten ein Thema. Für die Jungen ganz offensichtlich, weil sie jetzt ihre individuelle Persönlichkeit immer stärker entwickeln. Eltern können dabei helfen, wenn sie keine fixen Vorstellungen und Erwartungen haben, sondern freudig und offen die Andersartigkeit ihrer bald erwachsenen Kinder begrüssen und diese als Bereicherung empfinden.

Aber auch das Selbstverständnis der Eltern wird erschüttert. Was jahrzehntelang eine zentrale und sinnstiftende Aufgabe war – die Betreuung der Kinder –, ist nun definitiv nicht mehr notwendig. Es muss so sein, aber schmerzhaft ist es allemal. Man darf es den Kindern auch mal sagen, dass einem die zunehmende Distanz schwerfällt, aber natürlich soll man ihnen keine Schuldgefühle machen. Die Eltern sind der Bogen, die Kinder der Pfeil: Der Pfeil fliegt weg, und der Bogen bleibt hier. Die Zurückgebliebenen müssen oder dürfen sich aber neu einrichten.

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Was Eltern hilft

  • Erinnern Sie sich der schönen Momente und spüren Sie die Dankbarkeit dafür.
  • Nehmen Sie den Verlust ernst, akzep­tieren Sie ihn als lebensnotwendig, aber lassen Sie Trauer zu.
  • Orientieren Sie sich neu. Eine neue Tätigkeit, eine neue Aufgabe, der Kontakt zu alten oder neuen Bekannten soll zu einem neuen Zentrum Ihres Lebens werden.

Was falsch ist

  • So zu tun, als ob die Ablösung gar kein Problem wäre.
  • Zu versuchen, unter dem Vorwand von Hilfe die Bindung aus der Kindheit zu erhalten.

Buchtipp

Verena Kast: «Loslassen und sich selber finden. Die Ablösung von den Kindern»; Verlag Herder, 2007, 128 Seiten, CHF 11.90

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