«Es ist noch nicht lange her, da galten 50-Jährige als «alt». Wer heute 65 ist, hat noch rund 20 gesunde Jahre vor sich – und die Lebenserwartung steigt weiter. Noch nie erreichten Menschen ein so hohes Alter. Das bringt die privaten und die staatlichen Versicherer unter Druck.

Wie viel soll für welche Leistung in welchem Pflegeheim bezahlt werden? Staat und Versicherer verlangen mehr Transparenz – doch noch existieren nur Ubergangslösungen.

Übergangslösungen bestimmen auch den Alltag in vielen Alters- und Pflegeheimen. Hier mangelt es an ausgebildetem Personal. Gleichzeitig steigt der Anteil der dementen Betagten markant. Die Betreuung wird immer aufwändiger. Und es existieren multikulturelle, organisatorische und bauliche Schwierigkeiten.

Zahlenhuberei statt Konzepte
Schweizerinnen und Schweizer haben – nebst der Bevölkerung von Schweden – die längste Lebenserwartung. Heute leben in unserem Land rund 150'000 Männer und Frauen über 80. In 40 Jahren werden es mehr als doppelt so viele sein. Sind wir vorbereitet?

Von vielen Fachleuten wird das Angebot der heutigen rund 1700 Schweizer Alters- und Pflegeheime als gut bezeichnet. Uberall bestätigt werden aber auch tief greifende Strukturprobleme.

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«Es fehlt auf Bundesebene eine umfassende Politik. Die Realität einer Gesellschaft des langen Lebens ist politisch nicht erkannt worden», sagt Martin Mezger von der Pro Senectute Schweiz.

Die Sozialplanerin Anke Brändle-Ströh doppelt nach: «Auf Bundesebene diktieren vor allem die Kosten die Verhältnisse und nicht die Bedürfnisse der Betroffenen.» Sie vermisst vom Bund ein Konzept in Altersfragen, das über reine Finanzierungsprobleme hinausgeht. «In diesen Belangen müssten klare Qualitätsstandards gesetzt werden.»

Transparenz gefordert
Gilt das «Plaudern» der Krankenschwester mit einer Bewohnerin als Pflege? Wie steht es mit dem Krankenrapport? Wie viele Personen sind damit beschäftigt?

Das Krankenversicherungsgesetz (KVG) fordert eine transparente Erfassung der Leistungen und Kosten, ein schweizweit einheitliches System gibt es aber nicht. Doch die Zeit drängt, denn das klassische Altersheim hat ausgedient. Spitexpflege und die Möglichkeiten der modernen Medizin lassen das Durchschnittsalter der Heimbewohner in die Höhe schnellen. Es beträgt zurzeit 84 Jahre – Tendenz deutlich steigend. Die Pflegebedürftigkeit ist der Hauptgrund für den Eintritt in ein Heim geworden – und die Pflege ein zentraler Bestandteil dieser Wohnform.

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Bürokratie überfordert Pflegende
Die Vielfalt der Alters- und Pflegeheime ist riesig. Ihnen ist nur eines gemeinsam: Unter ihren Dächern verbinden sich Lebensläufe mit Einsatzplänen, Organisationsfragen mit Tageswünschen, Pension und Pflege mit Kalkulation und Improvisation. Für die einen ist das Haus Arbeitsort, für die andern Wohnort. Die gemeinsame Zeit von Kundschaft und Dienstleistenden ist einiges länger als in einem Spital.

Und trotzdem: Effizienz ist gefragt. Doppelspurigkeiten sollen vermieden werden, Prozesse beschleunigt, Kompetenzen umverteilt. «New Public Management» heisst das Stichwort. Für den Basler Hannes Stähelin, den einzigen Professor für Altersmedizin in der Deutschschweiz, ist klar: «Im Pflegebereich wird heute zu viel in die Arbeitserfassung investiert und zu wenig in die Arbeit selbst.»

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Die Firma Concret AG in Bern ist die einzige akkreditierte Zertifizierungsstelle für Krankenpflege. Sie ist aus dem Schweizerischen Berufsverband für Krankenschwestern und Krankenpfleger entstanden. «Die Verunsicherung, mit welchen Methoden die Qualität im Heimwesen ausgewiesen werden soll, ist gross», sagt Geschäftsleiterin Ruth Schweingruber. «Im Pflegebereich fehlen Kriterien, die in Zahlen messbar sind. Viele Heimleiterinnen und Heimleiter sind überfordert in der Frage, welches System sie beiziehen sollen.»

In der Tat: Es existieren mindestens fünf Modelle, die die vom KVG verlangte Qualitätssicherung gewährleisten sollen. Ein Heimleiter kann frei entscheiden, welches er anwenden will. Die meisten Methoden wurden von Industriebetrieben übernommen und verleihen den administrativen Abläufen ein zentrales Gewicht.

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Das Vorgehen ist unterschiedlich. Beim einen System werden ausführliche Gespräche mit allen Beteiligten im Betrieb geführt; beim anderen werden nur Fragebögen verschickt. Die einen Heime bewerten die Weiterbildung, andere nicht. Und dritte stützen sich gar auf die Selbstaussagen des Personals. Dass manch ein Heimleiter die billigste Methode wählt, um den eigenen Betrieb beurteilen zu lassen, erklärt sich von selbst – und dass das Personal nicht immer davon profitiert, wohl auch.

«Die Qualitätsinstrumente müssten eigentlich motivierend sein», sagt Franz Wyss von der Sanitätsdirektorenkonferenz. «Sehr viele Systeme bestehen aber aus reiner Bürokratie. Die erwünschten Lernprozesse können so nicht in Gang gesetzt werden.»

Zwar läuft die Pflegearbeit generell auf einem «viel höheren Qualitätsniveau» ab als noch vor 30 Jahren, sagt die Altersmedizinerin Regula Schmitt. «Damals wurden viele alte Menschen sich selber überlassen. Heute wird geistig und körperlich aktiviert.»

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Doch lohnmässig spüren das die Angestellten in den Pflegeheimen nicht. Sie werden meist schlechter bezahlt als in den Spitälern. «Das ist in keiner Weise gerechtfertigt», sagt Regula Schmitt. Vor allem in pflegeintensiven Altersheimen, wo es auch viele Todesfälle gibt, sei das Personal schnell ausgebrannt.

«Personelle Fragen stehen bei meinen Beratungen zahlenmässig an erster Stelle», bestätigt auch Barbara Egger-Jenzer, die die Ombudsstelle für Alters- und Heimfragen im Kanton Bern betreut. Sie ist zuständig für 480 Institutionen.

Es mangelt an Fachpersonal
Uber 50 Prozent des Heimpersonals in der Schweiz sind Hilfskräfte. Es handelt sich meist um Wiedereinsteigerinnen. Sie besetzen in der Regel Teilzeitstellen. Die Fluktuation ist gross. Selbstzweifel und Erschöpfungszustände plagen viele – genauso wie die gesellschaftliche Geringschätzung ihrer Tätigkeit.

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Sibylle F. ist 32 Jahre alt, allein erziehende Mutter, gelernte Damenschneiderin. Seit drei Jahren arbeitet sie in einem Alterspflegeheim im Kanton Bern. Auf ihrer Station sind 28 Bewohnerinnen; sie werden betreut von sieben Leuten – die meisten zu 40 Prozent angestellt.

Vergangene Woche hatte Sibylle F. vier Nachtschichten, am folgenden Tag Frühdienst (6.00 bis 15.00 Uhr) und am Mittwoch Hütedienst (8.00 bis 16.00 Uhr). Heute hat sie wieder Nachtschicht. Ihr Lohn beträgt 3018 Franken.

10-Stunden-Tage ohne Pause sind für Sibylle F. neuerdings normal. «Letzte Woche wurden vier Menschen aufs Mal schwer pflegebedürftig», erzählt sie. «Eine Frau begann plötzlich zu schreien; ein Bewohner begann überall hinzukoten; ein dritter irrte in den Räumen umher. Meistens läuten mehrere Glocken gleichzeitig.»

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Sibylle F. ist als Betreuerin sehr beliebt: Sie ist freundlich, pünktlich und korrekt. Doch das «wachsende Elend» ihres Arbeitsplatzes macht ihr immer mehr zu schaffen. Die unregelmässigen Arbeitszeiten zehren an ihrer Gesundheit. Aus dem Gospelchor ist sie ausgetreten, und eine wertvolle Freundschaft ging berufsbedingt in die Brüche. «Lange halte ich das nicht mehr durch», sagt Sibylle F. Sie hat begonnen, sich nach einer anderen Arbeit umzusehen.

Die Betreuer sind überlastet
«Der Stellenmarkt im Alters- und Pflegeheimbereich ist ausgetrocknet wie noch nie», sagt Urs Weyermann, Leiter der Geschäftsstelle des Schweizerischen Berufsverbands der Krankenschwestern und Krankenpfleger. «Seit Anfang 1997 haben die offenen Stellen um 150 Prozent zugenommen.»

«Die Situation ist beunruhigend», sagt auch Erika Hostettler von der Schweizerischen Fachstelle für die Ausbildung Betagtenbetreuung. «Es fehlt oft an ausgebildeten Leuten in unmittelbarer Umgebung des Heimbewohners.»

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«Die Belastung für die Betreuer ist enorm gestiegen», sagt Monika Knecht, Zentralpräsidentin des schweizerischen Berufsverbands für Geriatrie, Rehabilitation und Langzeitpflege. «Die Arbeit mit den Betagten wird immer anspruchsvoller.»

Im September 1999 gingen in Bern rund 15'000 Menschen auf die Strasse, um gegen die Sparmassnahmen des Kantons in sozialen Belangen zu protestieren. Davon betroffen waren auch Alters- und Pflegeheime. Zwei Monate später verabschiedete der Regierungsrat ein weiteres Sparpaket.

Das Pflegeheim Muri-Gümligen zum Beispiel musste für die Jahre 1999 und 2000 satte 700'000 Franken einsparen. Die Hälfte dieses Betrags ging zu Lasten der Stellenpläne. Das Arbeitstempo im Haus habe seither «deutlich zugenommen», sagt Heimleiter Hans Graf. «Konnten wir früher spazieren, heisst es heute joggen.» Der Kontakt mit den Alten werde dadurch aber nicht beeinträchtigt. Hans Graf möchte bei seinem Bild bleiben: «Auch beim Joggen kann man miteinander reden. Es kommt halt auf das Training an.»

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Viele Heimleiter sind unqualifiziert
Und wie steht es mit dem «Training» der Heimleitung? Denn fehlt der Führung das Gespür, haben in der Regel alle darunter zu leiden. Der Heimleiterberuf ist erst seit fünf Jahren als Biga-Beruf anerkannt. Bis zu jenem Zeitpunkt existierten die unterschiedlichsten Diplome vereinzelter Schulen – sowie die Ausbildungen der beiden grossen Heimverbände.

Doch noch heute ist eine spezifische Ausbildung keineswegs Voraussetzung dafür, um ein Pflegeheim führen zu können. Theoretisch kann jeder, auch mit minimalsten Voraussetzungen, ein Heim eröffnen. Was es braucht, ist qualifiziertes Personal, einen Bedürfnisnachweis und die baulichen Voraussetzungen am Haus. Zwar sind die Vorgaben in den letzten Jahren in einigen Kantonen strenger geworden. Doch es gibt «eine ganze Reihe von zu wenig qualifizierten Heimleitern», sagt Franz Wyss, Zentralsekretär der Schweizerischen Sanitätsdirektorenkonferenz.

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Der Heimverband Schweiz, der als Dachorganisation rund 700 Alters- und Pflegeheime umfasst, und der Verband christlicher Institutionen (VCI) bieten heute mehrjährige Diplomausbildungsprogramme für Heimleiterinnen und Heimleiter an. Eine von ihren Geldgebern unabhängige Organisation der Heimleiter existiert seit zehn Jahren. Sie umfasst wenig mehr als 50 Mitglieder.

«Wir arbeiten in einem sensiblen Bereich», sagt Ueli Luder, Gründungsmitglied des unabhängigen Heimleiterverbands. «Vor allem in ländlichen Gegenden nehmen sich sehr viele Trägerschaften das Recht heraus, unqualifizierte Kommentare abzugeben. Daraus ergeben sich oft Diskussionen, die mit dem ursprünglichen Problem rein nichts mehr zu tun haben.»

Die Zusammensetzung einer Trägerschaft hängt von den jeweiligen politischen und finanziellen Gegebenheiten ab: Ein spezifisches Anforderungsprofil gibt es nicht – so wenig wie gesetzliche Bestimmungen. Es ist bekannt, dass sich viele Trägerschaften ungebührend in das Tagesgeschäft der Pflegeheime einmischen, manchmal bis hin zum Zeitpunkt der Kaffeepausen.

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Zwischen 1994 und 1997 liess der Nationalfonds eine Vergleichsstudie durchführen. 463 Heime mit insgesamt 16'000 Plätzen in den Kantonen Bern, Genf, Waadt und Wallis wurden schriftlich befragt; dazu kamen intensive Gespräche in 30 weiteren Heimen. Fazit: Das durchschnittliche Alter der Pflegebedürftigen beträgt 83 Jahre; nur knapp ein Drittel ist noch in der Lage, das Heim ohne fremde Hilfe zu verlassen. 50 Prozent der Bewohnerinnen sind 84 Jahre alt oder älter. Und nahezu die Hälfte der Insassen hat wegen Behinderungen Kommunikationsprobleme; ein Viertel zeigt deutliche Zeichen von Angst- und Depressionszuständen. Jährlich verlässt im Durchschnitt rund ein Drittel das Heim – im Todesfall oder zur Hospitalisierung. 75 Prozent aller Heimbewohner sind Frauen. Und was das Personal besonders beschäftigt: Der Anteil an verwirrten Personen wächst.

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Demenzerkrankungen nehmen zu
Die Entwicklung ist klassisch, das Schicksal bekannt. Zuerst vergass Hedi F., dass sie gefrühstückt hatte; dann begann sie zu vergessen, dass sie soeben zu Mittag gerufen worden war. Und schliesslich wusste sie nicht mehr, was die Gabel auf dem Tisch sollte. «Immer mehr Leute kommen in ein Alter, wo Demenzerkrankungen sehr häufig sind», sagt Hannes Stähelin. Er hat in Basel den ersten Lehrstuhl der deutschen Schweiz für Altersmedizin inne. Eine professionelle Betreuung besteht für ihn darin, «die Restfähigkeiten einer betagten Person zu erkennen und zu reaktivieren. Der Verlust der Autonomie führt zu einer sehr pflegeintensiven Betreuung.»

Drei Viertel aller an Demenz erkrankten Personen werden von ihrem Partner zu Hause betreut. Nach dem Umzug in ein Heim werden die Angehörigen oft von Schuldgefühlen geplagt: «Es gehört zu den Aufgaben des Personals, sich damit auseinander zu setzen. Die Heimbetreuung ist eine anspruchsvolle Arbeit, die massiv unterbewertet wird.»

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«Kalte Effizienz» schadet
Für Hannes Stähelin ist klar: «Minimalstandards in Qualitätsfragen und Personaldotation sollten unbedingt auf Bundesebene erstellt und durchgesetzt werden können.» Nur: Ist Qualität mit Industriestandards messbar?

«Bei der Betreuung müssen auch die Lebensgeschichten berücksichtigt werden», sagt François Höpflinger. Er ist Soziologieprofessor an der Universität Zürich. «Das Wohlbefinden in einem Alters- und Pflegeheim ist stark abhängig vom Leben, das die Menschen vorher geführt haben.» Der Alters- und Familienforscher sieht daher in den Effizienzkriterien des «New Public Management» eine «beachtliche Gefahr». Höpflinger: «Das Leistungsmodell eines Akutspitals lässt sich nicht auf ein Alters- und Pflegeheim übertragen. Zur Würde eines alten Menschen gehört auch die Langsamkeit.»

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Ältere brauchen Schutz
Eine Untersuchung ergab, dass sich in den Heimen vor allem der einkommensschwächere Teil der Bevölkerung befindet: In der Mehrheit sind es Menschen, die im aktiven Leben körperlich stark in Anspruch genommen wurden; ihr Bildungsniveau und ihr sozialer Status waren nicht sehr hoch. François Höpflinger: «Es sind nicht unbedingt Menschen, die gelernt haben, sich zu wehren. Umso mehr brauchen sie unseren Schutz.»

Wird er ihnen zuteil? «Der Ruf der Schweizer Alters- und Pflegeheime ist massiv schlechter als die Wirklichkeit», glaubt Martin Mezger von der Pro Senectute Schweiz. Das bekommen auch die rund 150 Sozialbetreuerinnen und -betreuer der Institution deutlich zu spüren. Die Pro Senectute führt vor einem Heimeintritt intensive Abklärungsgespräche mit Angehörigen und Betroffenen. «Dabei bekommen wir viele Negativbilder zu spüren», sagt Martin Mezger. «Sie erschweren unnötig den Schritt, der manchmal sinnvoll, ja notwendig ist.»

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Die Menschen kommen zu kurz
Noch funktionieren die Alters- und Pflegeheime – doch wie lange noch? «Es kommen bedeutende Fragen auf uns zu», sagt Martin Mezger. Die Philosophie des «New Public Management» hilft zwar, die Kosten zu senken, Kräfte zu sparen und die Leistung zu steigern. Doch oft kommen dabei die Menschen zu kurz. Die Qualitätskonzepte klingen zwar feierlich. Und doch: Die Bewohner von Alters- und Pflegeheimen sind keine «Kunden». Die alten Menschen können oft nicht wählen – weder das Produkt «Alters- und Pflegeheim» noch das Produkt «Hygienepflege». Sie sind abhängig – und sie dürfen nicht noch mehr an den Rand gedrängt werden.