Im Winter reist Marlene Berg * nach Indien. Sechs Wochen Yoga, der Kälte entfliehen. Als sie im Hotel eincheckt, ist es weit nach Mitternacht. Sie fragt nach dem Passwort für das Internet. Auf ihrem Handy poppt eine Nachricht auf: «Dringend anrufen!»

Am Morgen hatte ihr Vater das Spital ver­lassen können. Ein Routineeingriff am Herzen. Sie hatte noch telefoniert mit dem 84-Jährigen, kurz bevor sie in Kloten die Maschine bestieg und das Smartphone ausschaltete. «Unkraut vergeht nicht», hatte sie gesagt. «Mach dir keine Sorgen», hatte er geantwortet. «Gute Reise!»

In der Lobby wählt Marlene Berg die Nummer ihres Bruders. Der Vater sei tot, sagt Samuel *. Er habe sich an die Brust gegriffen, dann sei er in seinen Armen gestorben. Marlene Berg versinkt im riesigen Fauteuil, bucht den Rückflug.

Im Einfamilienhaus im Aargau, das ihre ­Eltern vor fünfzig Jahren gebaut haben, treffen sich die Trauernden zwei Tage später. Wo hat der Vater Konten, welche Versicherungen hat er ­abgeschlossen? Das Zivilstandsamt muss informiert werden, das Strassenverkehrsamt ebenso. Und wie geht es jetzt weiter mit der Mutter?
 

«Ich komme schon allein zurecht.»

Anna Berg* (81)


Vor drei Jahren war bei der heute 81-Jährigen eine Demenzerkrankung Demenz Was man über die Krankheit weiss festgestellt worden. Ihr Mann hatte auf Abklärung gedrängt, sie fand, das bringe nichts. Führte weiter den Haushalt, putzte und kochte. Manchmal vergass sie eine Wähe im Backofen. Dann war der Mann zur Stelle. Er war Anna Bergs * Stütze im Leben, während ihre Erinnerungen daran langsam erloschen.

Tochter Marlene arbeitet in Zürich, Sohn Samuel in Baden. Die Geschwister beschliessen, abwechselnd bei der Mutter zu wohnen, für drei Wochen zunächst. «Ich komme schon allein zurecht», sagt diese.

Doch das Alleinsein gelingt nicht. Statt den Fernseher auszuschalten, zieht die Mutter der Stromschiene den Stecker und ist telefonisch nicht mehr erreichbar. Nach einem Spaziergang steht sie vor der Tür, rüttelt verzweifelt am Schloss, dessen Mechanismus ihr plötzlich ein Rätsel ist. Nachbarn finden sie. «So kann das nicht weitergehen.»

Betreuung zu Hause

Ins Heim will die Mutter nicht Pflegebedürftigkeit Kann ich Mutter zwingen, ins Heim zu ziehen? . Jemand müsse doch im Garten zum Rechten schauen, jetzt, da der Vater nicht mehr da sei. Die Bergs googeln «Heimbetreuung» und «Seco-zertifiziert», der Computer spuckt den Namen einer Firma aus, die ihr Vertrauen weckt: «Bestens beraten. Herzlich betreut». Die Geschwister füllen online einen Fragebogen aus, geben an, dass die Mutter Alzheimer hat.

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Zwei Tage später sitzt einer der Gründer der Pflegevermittlung Schweiz in der Stube des Hauses im Aargau. Er legt drei Dossiers auf den Tisch. Die Bergs entscheiden sich für Anka Ivanova*, eine 52-jährige Bulgarin mit Universitätsabschluss, wohnhaft in Österreich. «Sympathie spielte eine Rolle», sagt Marlene Berg, «und Verfügbarkeit.» Anka Ivanova kann sofort.

Marlene Berg räumt ein Zimmer im Haus, es ist ihr früheres Kinderzimmer. Sie versorgt Bücher in Kartonkisten, bezieht das Bett frisch, lüftet. Die Bilder lässt sie hängen. Dann fährt sie nach Zürich an den HB, wo sie Anka Ivanova in Empfang nehmen will. Sie schreibt ihr eine Whatsapp-Nachricht: «Ich trage einen dunkelblauen Mantel und darunter einen weissen ­Rollkragenpullover, Jeans und hellbraune Stiefeletten.» Ivanova antwortet: «Ich habe einen silbernen Koffer dabei.» Die Begrüssung auf dem Perron ist herzlich.

«Wir sind die Guten in diesem Markt»

Die Pflegevermittlung Schweiz wurde vor einem Jahr mit dem Ziel gegründet, es besser zu machen. Keine Ausbeutung, keine «moderne Sklaverei», wie sie Zeitungen dubiosen Firmen vorwerfen. «Wir sind die Guten in diesem Markt, nicht die Abzocker», schreibt Co-Geschäftsleiter Marcel Pelletier in einem Mail an den Beobachter. Ihre Firma sei oft die einzige Option, wolle man nicht einen Anbieter aus dem Ausland nutzen, der illegale und in der Schweiz weder gemeldete noch versicherte Arbeitskräfte Ausländische Pflegebetreuung Wer billig betreuen lässt, riskiert hohe Bussen vermittle.

In den allgemeinen Geschäftsbedingungen der Pflegevermittlung Schweiz heisst es: «Die Arbeitsaufnahme eines durch die Pflegevermittlung Schweiz vorgeschlagenen Arbeitnehmenden gilt als erfolgreiche Vermittlung und begründet eine Honorarverpflichtung für die erfolgte Vermittlungsdienstleistung.» Zu den Leistungen gehören unter anderem die Vorselektion geeigneter Kandidaten, die Beurteilung der beruf­lichen und persönlichen Fähigkeiten und die Durchführung von Eignungstests. Kosten: 20 Prozent des ersten Bruttojahresgehalts der Heimpflegerin.

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An einem Mittwoch tritt Anka Ivanova ihre Stelle im Aargau an. Samuel Berg führt die Heimbetreuerin in den Haushalt ein, bleibt eine Nacht. Die nächsten Tage schauen die Enkelinnen ­vorbei. Man eröffnet eine Whatsapp-Gruppe: «Betreuung Anna».
 

Die irren Nachrichten prasseln im Minutentakt herein. 46 Stück insgesamt, alle von der Pflegerin.


Am Samstag piepst Marlene Bergs Handy. Die Designerin befindet sich in ihrem Atelier in Zürich, kümmert sich endlich um das Liegengebliebene der letzten Wochen. Die Nachrichten, die im Minutentakt hereinprasseln, stammen alle von Anka Ivanova.

Sie habe von ihrem Meister geträumt, schreibt sie, «er war lebendig … aber grau im ­Gesicht». Marlene Berg ist irritiert, reagiert aber verständnisvoll. Sie tippt: «Ich hoffe, du machst dir keine Sorgen um ihn.» Ihr Meister, textet Ivanova zurück, sei der persönliche Trainer von Gaddafi gewesen, dann habe man ihm den Pass abgenommen und er habe fliehen müssen. Es folgen bulgarische Youtube-Videos und hinterher weitere Whatsapp-Nachrichten – 46 Stück insgesamt. Um 12.02 Uhr: «Er ist Aikido Meister, weltberuemt.» 12.02: «Das habe ich auch gemacht.» 12.03: «Leider blitzartig. Gestorben.» 12.03: «Herz.»

«Es ging einfach nicht», erzählt Marlene Berg. Sie schrieb: «Sorry, ich kann nicht mehr, ich habe Kunden.» Aber es hörte nicht auf. Am Sonntag schickt Ivanova ein Foto von der Mutter im Garten. Mit Smiley. «Lorbeersirup habe ich gekocht», schreibt die Bulgarin, «er löscht Husten.» Später beklagt sich Ivanova über die Mutter. Sie renne ständig im Haus herum. Sie schaue böse, wenn sie die Böden putze. «Wen habt ihr mir da ins Haus gebracht?», fragt die Mutter.

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Illustration: Alte Frau im Garten

In ein Heim wollte die Mutter nicht. Jemand müsse doch zum Garten schauen.

Quelle: Andreas Gefe

«Meine Mutter flucht nie»

Am Montagabend reist Anka Ivanova wieder ab. Die Bergs geben ihr den Lohn für sechs Tage Arbeit, melden dem Migrationsamt die Auf­lösung des Vertrags Rücktritt vom Vertrag Ich habs mir anders überlegt! . Die Pflegevermittlung Schweiz bietet an, für Ersatz zu sorgen. Aber die Mutter will nicht mehr. «Nie mehr», sagt sie. Die Mutter habe viel geflucht, erzählt Marlene Berg, «und meine Mutter flucht nie.»

In einer Seniorenresidenz im Nachbardorf wird schliesslich ein Zimmer frei. Dort wohnt die Mutter jetzt. Manchmal ist sie glasklar, dann ­wieder nicht. Die Mutter sagt: «Ich will in mein Haus, in den Garten zum Kirschbaum.» Alles andere als eine 24-Stunden-Betreuung wäre fahrlässig, sagen die Betreuenden.

Mutter und Tochter weinen viel. Aus Annas Handtäschchen hängen Fäden. «Jetzt kaufe ich ihr ein neues», sagt Marlene Berg. «Das kannst du nicht», sagt der Bruder, «ihr Handtäschchen erkennt sie noch.»

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Plötzlich eine Rechnung über 3000 Franken

Bald kommt eine Rechnung per E-Mail, Absender ist die Pflegevermittlung Schweiz. 3387.15 Franken für Honorar und Gebühren, der Mindestansatz. «Freundliche Grüsse.» Marlene Berg hätte eigentlich ein Entschuldigungsschreiben erwartet. Für sie und ihren ­Bruder ist klar: Die Firma hat die versprochene Leistung nicht erbracht, die vermittelte Person sei der Aufgabe zu keinem Zeitpunkt gewachsen gewesen. Es startet ein Mailverkehr, der Ton wird schärfer. Die Vermittler bieten eine Reduktion der Rechnung um die Hälfte. Die Bergs sind ­bereit, maximal 360 Franken zu bezahlen, um die Kosten zu decken. Dem Frieden zuliebe. Die Pflegevermittlung Schweiz leitet eine Betreibung ein, die Familie erhebt Rechtsvorschlag Betreibungen Wie Sie das Schlimmste verhindern .

Gegenüber dem Beobachter sagt Co-Geschäftsleiter Marian Birkholz von der Pflege­vermittlung Schweiz: «Das Verhalten von Anka Ivanova, dieser eigentliche Whatsapp-Terror, war völlig inakzeptabel, sie hatte einen psychischen Ausraster.» Er sei schockiert gewesen, als er davon erfuhr. Die Bulgarin werde nicht mehr vermittelt, man habe ihren Namen auf einer schwarzen Liste notiert. Gleichzeitig erhebt ­Birkholz Vorwürfe an die Familie. Angehörige hätten einen grossen Einfluss auf das Gelingen der Betreuung. «Hier gab es massive Versäumnisse.» So hätten die Bergs von Anfang an einen ungewöhnlich hohen zeitlichen Druck auf­gesetzt. «Die Familie wollte die mit einer Anstellung von Personal verbundene Verantwortung zu keinem Zeitpunkt übernehmen.»

Im Garten zu Besuch

Als ihr Mann starb, verlor Anna Berg den Boden unter den Füssen. Ihre Krankheit schreite seither schneller voran, erzählt die Tochter. Sie habe ihr ein Kassettengerät in die Seniorenresidenz bringen wollen, damit sie Hörbücher abspielen könne. Doch das sei zu kompliziert, hätten die Pfleger gesagt, es stresse die Mutter unnötig.

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Ab und zu holt der Bruder die Mutter mit dem Auto ab. Dann fahren sie zum Haus im Aargau, das nun leer steht. Die Heizung läuft längst nicht mehr. An einem Frühlingstag pflückt die Mutter ein paar Blumen im Garten. Sie benetzt in der Küche einen Streifen Papier, wickelt ihn um die Stiele. Dann sagt sie: «Es ist kalt geworden hier drinnen. Lass uns zurückgehen.»


* Name geändert

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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