«Zweimal auf den Boden klopfen bedeutet ‹Uno›», sagt Malik und setzt sich neben seine Schwester aufs Parkett. Die Mama verteilt die Spielkarten. Kürzlich hätten sie auf dem Bett gespielt, da habe niemand sein Klopfen gehört. «Und da musste ich zwei Karten vom Stapel nehmen, dabei hatte ich das ‹Uno› gar nicht vergessen.» Das sei ein bisschen blöd gewesen, sagt der Achtjährige.

Maliks Mama ist gehörlos. Sie unterhält sich mit ihren drei Kindern in Gebärdensprache. Malik, die sechsjährige Zora und die vier Jahre alte Kyra sprechen Schweizerdeutsch, mit der Mutter gebärden sie. Zora legt gerade eine Karte für die freie Farbwahl, dann formt sie die Hand zur Klaue und fährt mit ihr über die Nase Richtung Mund. Malik nickt und legt als Nächstes eine grüne Karte.

Marina Ribeaud, 40, ist Gebärdensprachlehrerin und hat gerade das erste Lehrmittel zum Erlernen der Gebärdensprache veröffentlicht. «Gebärdensprache lernen 1» zeigt nicht nur in Bildern wich­tige Gebärden, sondern erklärt auch die Grammatik der Sprache, die statt der Stimme Hände und Mimik einsetzt.

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«Ich habs nicht so mit Fremdsprachen»

So selbstverständlich, wie die Gebärden für Marina Ribeauds Kinder sind, waren sie für sie selbst früher nicht. Sie ist seit Geburt gehörlos, weil ihre Mutter während der Schwangerschaft die Röteln hatte. Als Mädchen besuchte sie die Schule für Gehörlose. «Dort verbot man uns, die Gebärdensprache zu benutzen. Taten wir es in der Pause trotzdem, wurden wir bestraft», erzählt sie mit Hilfe einer Dolmetscherin.

Hintergrund des Verbots war eine für Gehörlose verhängnisvolle Entwicklung, die bereits 1880 eingesetzt hatte. Bei einem Kongress in Mailand beschlossen die damaligen Experten, allesamt Hörende, die Gebärdensprache sei minderwertig und daher von den Schulen zu verbannen. Was für die Gehörlosen über 100 Jahre lang weitreichende Konsequenzen hatte.

«Die Gebärdensprache ist für Gehör­lose sehr wichtig», sagt Marina Ribeaud, «sie gibt uns eine Identität.» Das Uno-Spiel ist beendet, sie sitzt am Esszimmertisch. Der ist rund, damit sich immer alle an­sehen können. Die Gebärdensprache funktioniert nur mit Augenkontakt.

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Ribeauds Hände fliegen durch die Luft, sie zieht die schmalen Schultern hoch, lässt sie wieder fallen. Hebt die Augen­brauen, formt mit den Lippen einen Kreis, rümpft die Nase. Die Gebärdensprache ist eine expressive Art, sich auszudrücken. «Als Kind musste ich in der Schule Stunden um Stunden die Lautsprache üben», gebärdet sie, streicht mit vier Fingern über die offene Handfläche – das Zeichen für Schule. Dabei sei so viel Zeit verloren gegangen, die sie eigentlich lieber in Allgemeinbildung investiert hätte.

Ribeaud ärgert sich, wie schwierig es in der Schweiz für die ungefähr 10'000 Gehörlosen immer noch sei, eine höhere Bildung zu erlangen. Sie selbst machte nach der Sekundarschule eine Lehre als Offsetmonteurin. «Ich hätte sehr gern die Matur gemacht, aber die Lehrer haben mich nicht ermutigt, sondern entmutigt», gebärdet sie. «Wenn ich heute eine Weiterbildung machen möchte, muss ich jedes Mal abklären, ob ich eine Dolmetscherin mitnehmen darf.» Das sei nicht immer erwünscht.

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Mit ihrem Mann Patrick Lautenschlager und den drei Kindern lebt Ribeaud in einem grosszügigen Sechs-Zimmer-Reihenhaus an der Basler Stadtgrenze. «Wir unterhalten uns in einer Mischung aus Gebärden- und Lautsprache», sagt Lautenschlager. Seine Gebärden seien manchmal etwas holprig, dolmetschen könne er für seine Frau beispielsweise nicht. «Ich habs nicht so mit Fremdsprachen, ich fand auch Französisch schwierig», sagt er und lacht.

Das Ehepaar hat einen eigenen Verlag gegründet. Im Keller ist das Lager, im Arbeitszimmer gleich links neben dem Eingang entstehen die Bücher. Schon zwei Kinderbücher hat Ribeaud in ihrem Verlag Fingershop veröffentlicht.

Das Leben als gehörlose Mutter von drei hörenden Kindern empfindet sie als unproblematisch. Wenn die Kinder zu dritt durchs Haus toben, muss Ribeaud anders als hörende Mütter nicht ab und zu um Ruhe bitten. Überall im Haus sind Knöpfe montiert, die in jedem Zimmer einen Blitz­alarm auslösen. «Da können wir drücken, wenn wir uns wehtun», sagt Kyra, die sich neben der Mama an den Tisch gesetzt hat, «weil Marina uns ja nicht hört.» Und als die Kinder noch klein waren, habe sie ein spezielles Babyphon gehabt, erzählt Ribeaud, das das Weinen in grelle Lichtimpulse übersetzt habe. «Das hat mich auch nachts problemlos geweckt.»

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Mit sieben Monaten das erste Wort

Mit ihren Kindern kommunizierte Ribeaud von Anfang an in Gebärdensprache. Malik, Zora und Kyra konnten sich so schon früher mit ihrer Mama unterhalten als hörende Kinder. Im Alter von sieben Monaten habe Malik mit der ersten Gebärde geantwortet. Er habe den Finger auf die offene Handfläche gedrückt – das Zeichen für «Guetsli». Ihre Kinder hätten selten geweint, weil sie sich schon so früh mit ihr austauschen konnten, sagt Ribeaud. Weil Babys aber mit den Händen noch etwas tapsig sind, seien komplizierte Gebärden erst später dazugekommen.

Wie wichtig das Gehör für den Sprach­erwerb insgesamt ist, weiss kaum jemand, der nicht selbst betroffen ist. Gehörlose können sich die Welt der Sprache nicht, wie man vielleicht meint, über das geschriebene Wort erschliessen. «Ungefähr 80 Prozent des Wissens schnappt ein kleines Kind zufällig über das Gehör auf», sagt Antonia D’Orio vom Schweizerischen Gehörlosenbund. Satzstrukturen und Grammatik der Lautsprache versteht nur, wer selbst hört und spricht. Deshalb sind Gehörlose ohne eine eigene Sprache von der Bildung ausgeschlossen.

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Die Gebärdensprache ist eine vollwer­tige Sprache, mit eigener Grammatik, die sich grundlegend von der deutschen Lautsprache unterscheidet. Heute ist sie nicht mehr geächtet. Die meisten Schulen für Gehörlose vermitteln Gebärdensprache und Lautsprache Hand in Hand. Aufgrund der Sparmassnahmen werden gehörlose Kinder in einzelnen Kantonen auch in Regelklassen eingeschult. «Wir setzen uns für die Integration ein», sagt Expertin D’Orio. «Funktionieren kann das jedoch nur mit zusätzlichen Fördermassnahmen wie Gebärden-Dolmetschern.»

«Ich nehme Menschen anders wahr als Hörende», sagt Ribeaud. Als Kind habe sie häufig Angst gehabt, wenn jemand in ihrer Sicht ein böses Gesicht gehabt habe. «Die Hörenden merken das weniger, weil eine freundliche Stimme das oft ausgleicht.»

Die Hürden für eine offene Kommunikation werden auch im Gespräch deutlich. Man bleibt sich seltsam fremd, wenn man sich kaum anschaut während des Sprechens und sich nicht direkt austauschen kann. Der Blick geht von beiden Seiten automatisch immer zur Dolmetscherin Johanna Wüthrich. Doch sie ist zugleich als Person kaum anwesend. Eine Frage nach der Ausbildung Wüthrichs beantwortet Ribeaud. Sie möchte nicht, dass man der Übersetzerin persönliche Fragen stellt – denn von diesem Austausch in Lautsprache wäre sie wiederum ausgeschlossen.

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Aufgrund all dessen wünscht sich Ma­rina Ribeaud, dass die Gebärdensprache heute für alle gehörlosen Kinder so selbstverständlich wird wie für ihre – hörenden – Kinder. Malik turnt gerade am Klettergerüst zwischen den beiden Kinderzimmern herum und sagt: «Die Gebärdensprache ist meine Muttersprache.» Bei ihm in der Klasse seien einige zweisprachig. Das sei nichts Besonderes. Einer könne Kroatisch und Deutsch, er Deutsch und Gebärdensprache.

Marina Ribeaud, Sonja Rörig: «Gebärdensprache lernen 1», mit DVD, Verlag Fingershop, 68 Seiten, CHF 48, www.fingershop.ch

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