Diese Hilfsbereitschaft, die Sie offenbar selber für ungesund halten, ist Ihnen nicht angeboren. Sie haben sie nicht geerbt, sondern in der frühen Interaktion mit den Eltern erworben. Weiter unten werde ich mehr dazu sagen. Was man einmal gelernt hat, kann man aber auch wieder verlernen. In einer Psychotherapie können Sie sich den Gefühlen wieder annähern, die mit dieser für Sie belastenden Rolle verbunden sind. Dabei ist es durchaus möglich, dass ganz frühe Erfahrungen wieder auftauchen.

Wenn das alte Muster etwas aufgeweicht ist, können Sie eine neue Strategie entwickeln, wie Sie in Zukunft mit dem Thema Helfen umgehen wollen. Natürlich wäre es schön, wenn Sie eine gewisse Hilfsbereitschaft behalten könnten, denn es ist eine positive soziale Eigenschaft. Aber eben nur so viel davon, dass Sie sich nicht überfordern und ausgenützt fühlen – ein unneurotisches Helfen, das aus dem Überfluss heraus wächst und nicht zwanghaft geleistet werden muss.

Menschen wie Sie, die so viel helfen wollen, bis sie sich selber vernachlässigen, sind gar nicht so selten. Besonders anfällig sind Angehörige «helfender Berufe» wie Erzieher, Ärzte, Sozialarbeiter, Krankenschwestern, Psychotherapeuten, Geistliche und Lehrer. Aber auch ausserhalb des Berufs übernehmen viele Leute – traditionellerweise oft Frauen – solche Aufgaben. Sie kümmern sich um betagte Eltern oder um pflegebedürftige Mitglieder der Familie.

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Dieser Einsatz wird moralisch zu Recht hoch bewertet. Es zeigt sich darin Altruismus und Liebe zum Nächsten. Dass Menschen immer wieder nach dieser Einstellung handeln, macht unsere Gesellschaft erst menschlich. Trotzdem soll man den Nächsten bekanntlich lieben wie sich selbst – nicht stärker als sich selbst. Und das gelingt vielen nicht.

Obwohl Helfende in der Regel über ein äusserst fein entwickeltes Einfühlungsvermögen verfügen, kennen manche sich selber und ihre eigensten Bedürfnisse nicht. Wenn sie sich selber etwas zuliebe tun sollten, fällt ihnen oft nicht einmal etwas ein, was ihnen selber Freude macht. Einige spüren wie Sie, dass ihnen etwas fehlt, dass sie immer nur geben und wenig bekommen. Oder sie bemerken einfach eine seltsame Leere und Depression gerade dann, wenn sie Zeit für sich selber hätten.

Die Psychotherapeutin Alice Miller ist vor Jahren in ihrem Bestseller «Das Drama des begabten Kindes» der Lebensgeschichte der typischen Helferpersönlichkeit nachgegangen: Weil ein Kind nur überleben kann, wenn es die Liebe der Eltern gewinnt, haben sich diese Kinder ganz an die Bedürfnisse der oft schwierigen Eltern angepasst. Und zwar so vollständig, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse verleugnen mussten. In der Regel galten sie als besonders liebe oder tüchtige Kinder. Diese Haltung haben sie als Erwachsene beibehalten.

Es ist ein langwieriger, schmerzhafter Weg, bis Helfer das enttäuschte, betrogene Kind in sich selber wieder entdecken können, bis sie Mitleid mit sich selbst empfinden und sich helfen lassen können. Die Vorstellung, dass ein guter Helfer besonders gesund oder besonders stark sein müsse, ist falsch. Er muss seine Schwächen kennen und seinerseits bereit sein, Hilfe zu akzeptieren.

Für helfende Berufe gibt es dafür Supervisionsgruppen, in denen geleitet Konflikte aufgearbeitet werden, die eine Folge der helfenden Arbeit sind. Aber auch nichtprofessionelle Helfer brauchen immer wieder jemanden, bei dem sie schwach sein dürfen und auftanken können.

Buchtipp

Alice Miller: «Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst»; Suhrkamp-Verlag, 2009, 176 Seiten, Fr. 15.90