Nach 30 Jahren im Wirtschafts- und Finanzbereich wollte ich mich verändern und mir eine Auszeit gönnen. Als «Bruder auf Zeit» bei den Kapuzinern widme ich mich seit ein paar Monaten nicht mehr der Gewinnmaximierung, sondern der Optimierung meines Lebensinhalts. Als Erster in der Schweiz profitiere ich vom Angebot, auf begrenzte Zeit ins Kloster einzutreten. Drei Jahre lang. Was nach 2012 kommt, ist noch offen.

Als ich meinen Freunden von meinem Entschluss erzählte, dachten sie, ich gehe ins Gefängnis. Alle luden mich noch einmal ein. Aus Angst, sie würden mich nie mehr sehen, sobald ich einen Fuss über die Schwelle des Klosters gesetzt hätte. Aber so ist das nicht. Ich will mich ja nicht völlig abmelden von der Welt, sondern sie nur aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Zudem: Auch wir Brüder haben unsere freien Tage. Zwar nicht die Samstage und Sonntage, die gelten bei uns als Werktage. Doch am Mittwoch habe ich frei. Dann besuche ich meine Freunde in Luzern oder erkunde mit dem Velo die Ostschweiz.

Die Freiheit, kein Geld verdienen zu müssen

Als Ordensbrüder legen wir drei Gelübde ab: das Leben in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit. Als arm empfinde ich mich allerdings gar nicht. Wir sind sogar privilegiert. Unser Kloster liegt im Städtchen Rapperswil direkt am Zürichsee. Das ist wunderschön! Ich habe ein Dach über dem Kopf, jeden Tag zu essen, meine Arztrechnungen werden bezahlt. Was will ich mehr? Sicher, mein Erspartes darf ich während der Klosterjahre nicht anrühren. Aber nichts zu verdienen, erlebe ich als sehr befreiend. Und mein kleines Taschengeld reicht für einen gelegentlichen Kaffee auswärts, mal ein Buch oder ein Bahnbillett. Auch mit Gehorsam habe ich keine Mühe. Früher sagte einfach der Chef, wo es langgeht. Heute sind es die Ordensregeln des heiligen Franziskus, die mir den Weg weisen. Am schwierigsten ist für mich das Leben in Keuschheit. Daran muss ich mich erst gewöhnen. Liebe und Zuneigung sind doch auch christliche Werte. Ich bin zwar Single, aber ganz ohne körperliche Nähe auszukommen ist trotzdem neu für mich. Wobei: Drei Jahre geht das bestimmt.

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Im Kloster bin ich zuständig für die Pforte. Deshalb trage ich das Ordensgewand. Bei uns entscheidet jeder selber, ob und wann er eine Kutte trägt. Ich trage sie, damit Leute, die bei uns an der Pforte klopfen, wissen, dass ich ein Bruder bin.

Wir sind ein Gästekloster und leben Tür an Tür mit unseren Gästen, die einige Tage bei uns verbringen. An der Pforte melden sich aber auch spontan Menschen. Sie kommen mit ihren Sorgen und Nöten und schütten mir ihr Herz aus. Ich habe gemerkt, dass es oft wichtiger ist, ihnen einfach nur zuzuhören, statt sie mit Ratschlägen einzudecken.

Unser Klosteralltag ist klar strukturiert. Zwei Stunden sind wir im Gebet und in der Meditation. Das ist neu für mich. Religion bedeutete mir früher nicht viel. Mit der Institution Kirche und ihren Dogmen kann ich mich noch immer nur schwer identifizieren. Wie der Vatikan mit Missbrauchsfällen umgeht, ist doch unsäglich: An der Ostermesse tut der Oberkardinal die Pädophilie innerhalb der Kirche als Geschwätz ab! Was soll man da noch sagen? Eine Aufarbeitung wäre dringend nötig. Und eine offene Diskussion über den Zölibat und den Umgang mit den Frauen ebenso. Wir Kapuziner waren übrigens schon immer ein reformfreudiger Orden. Wenn sich die Kirche je verändern soll, dann von unten. Denn die Basis leistet engagierte und gute Arbeit. Das ist für mich massgebend.

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An Gott habe ich trotzdem immer geglaubt. Und mein Tun stets kritisch hinterfragt. Meine Veloreisen durch 70 Länder öffneten mir die Augen. Bei der Stadt Luzern war ich als Wirtschaftsförderer in Teilzeit angestellt, arbeitete aber ein volles Pensum. So blieben mehrere Wochen pro Jahr für meine Reisen durch die ganze Welt. Ich radelte durch die Slums von Südafrika, durchs kriegsversehrte Bosnien, durch den Kosovo und sah die bittere Armut in Rumänien und Albanien. Das hinterliess tiefe Spuren. In der Schweiz leben wir im Schlaraffenland. Aber schauen Sie sich die Gesichter an einem Montagmorgen in einer Stadt an: Glücklich macht uns der Reichtum nicht. Ich hoffe, dass ich im Kloster zu neuen Erkenntnissen und Einsichten komme, zu einer Vertiefung meines Lebens.

Neues Marketing wegen Nachwuchssorgen

Im Moment macht mir allerdings der Mitgliederschwund beim Kapuzinerorden Sorgen. Vor 40 Jahren noch gab es in der Schweiz 900 Kapuziner. Heute sind es gerade mal noch 130. Und die Brüder sind im Durchschnitt über 70 Jahre alt. Ich will mich doch nicht in eine Institution einfügen, wo es in einigen Jahren nur noch darum geht, in den Klöstern die letzten Lichter zu löschen. Darum überlege ich mir oft, wie wir unseren Orden in eine gute Zukunft führen können.

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Denn das Ordensleben hat auch heute viel zu bieten. Das zeigte sich mir schon nach wenigen Wochen als «Bruder auf Zeit». Ich schätze das Leben in der Gemeinschaft, das Einüben des Zusammenseins, auch die handwerklichen Tätigkeiten hier. Klöster bergen einen reichen Schatz. Nur wissen das viele nicht. Das Klosterleben wird als hart und entbehrungsreich gesehen. Die Klöster kommunizieren halt auch nicht gerade vorteilhaft. Aber wenn wir Kapuziner das Marketing überdenken und die positiven Seiten des Ordenslebens in den Vordergrund stellen, dann hat das Bruder-auf-Zeit-Sein für mich auch eine langfristige Perspektive.