«Meine Seele und mein Körper passen nicht mehr zusammen.» Durchs Fenster scheint die Sonne auf Gisela Schmuckis Gesicht. Ein Tag Anfang März. Wir sitzen uns am Küchentisch gegenüber, bei ihr zu Hause, zwischen uns zwei Teller mit Schokoladekuchen. Und Scheu. Wir kennen uns seit fünf Minuten. Gisela Schmucki ist 45 und hat Krebs. Die Ärzte sagen, dass es für sie keine Heilung gibt. Heute und an unseren nächsten Treffen wird sie erzählen, wie es ist, zu sterben.

Sie hat ausdrucksstarke Augen, die dunkelgrau und klein werden, wenn sie traurig ist. Ihre Nase ist gross und dominiert das Gesicht. Wenn sie die Tränen unterdrückt, läuft die Nase rot an und tropft. Eingefallene Wangen. Die Haut ist fahl, trotzdem geht ein Leuchten von ihr aus. Das Haar ist nur noch ein weicher Flaum, durch den man die weisse Kopfhaut schimmern sieht. Ihr Blick ist direkt. Obwohl sie sagt, dass sie sich ohne Haare verletzlich fühlt. Obwohl sie sich im Spiegel nicht mehr anschauen kann, ohne zu erschrecken.

Im Winter 2002 machte sich der Krebs zum ersten Mal bemerkbar. Kurz nach Weihnachten, an einem Nachmittag, sie zog den Schlitten über die verschneite Waldlichtung, vor ihr tobten ihre drei Söhne im Schnee. Plötzlich begann das Stechen in ihrem Bauch. Wie Messerstiche. Einen Monat später stand die Diagnose fest. Es folgten Chemotherapien, Spitalaufenthalte, Bestrahlung, Operationen. Der Tumor blieb. Sie sagt: «Diese Krankheit ist gemein, so hinterhältig.»

Ihr jüngster Sohn heisst Jonas und ist 11. Lucas ist mit 13 der mittlere. Nicolas, der älteste, wird im Oktober 15. Gisela Schmucki hat ihnen bis zum heutigen Tag, Anfang März, noch nicht gesagt, dass sie sterben wird. Sie glaubt, dass sie es trotzdem ahnen. Der Älteste komme in der Schule nicht mehr mit, sagt sie. Der Mittlere esse nicht mehr richtig. Sie starrt auf das Tischtuch mit den Sonnenblumen. Die Sätze kommen stockend über ihre Lippen.

«Ich weiss nicht, wie ich es ihnen sagen soll. Ich ertrage die Wirklichkeit doch selbst kaum. Manchmal habe ich zu wenig Nerven für die Kinder. Dann schimpfe ich mit ihnen, lasse die Wut über meinen Zustand an ihnen aus. Die Kinder haben doch eine gute Mutter verdient. Es ist schrecklich, von meinen Kindern Abschied nehmen zu müssen. Ich bete zu Gott: Lass mich noch meine Kinder begleiten, wenigstens bis sie gross sind. Ich habe ein Bild: Nach dem Tod bin ich ein Schutzengel und schaue vom Himmel hinab auf meine Kinder.»


Wie lässt sich die Ausweglosigkeit begreifen? Wie kann man sich dem Sterben überlassen, so lange man noch verstehen und bestimmen will? Vielleicht nur, indem man gleichzeitig das andere Extrem mitdenkt, das Wunder der Heilung. Vielleicht wirkt Gisela Schmucki deshalb wie ein Bild, dessen Farben ständig changieren. An diesem Nachmittag Anfang März ist sie gleichzeitig voller Tatendrang und erschöpft, frisch und verbraucht. Sie spricht über ihr Sterben, und im selben Atemzug spricht sie von ihrer Hoffnung, ganz gesund zu werden. «Zehn Ärzte können kommen und sagen, es gibt keine Heilung. Gott hat vielleicht etwas anderes vor», sagt sie, und noch während sie spricht, kommen die Zweifel, die Lippen zittern. Manchmal habe sie das Gefühl, Gott höre sie nicht mehr. Sie schlingt die Arme um den Oberkörper, die Handflächen reiben über den Stoff der Kapuzenjacke, tasten nach den darunterliegenden Muskeln, den hervorstehenden Knochen.

Dieser abgemagerte Körper ekelt sie an. Er holt sie in die Realität zurück, sobald sie auf der Hoffnung wie auf einem fliegenden Teppich davonschwebt. Dank Medikamenten schmerzt er wenigstens nicht. Aber er sei kein Frauenkörper mehr, so ohne Haare, so abgemagert, mit künstlichen Ausgängen für Blase und Darm. An ihrem Körper hängen jetzt zwei Plastiksäcke. Sie fühle sich geschlechtslos. Sie vermisse die Sexualität.

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«Mein Mann sagt: Und wenn du 20 Säcke an deinem Körper hast, ich werde dich immer lieben. Mein Mann ekelt sich nicht. Ohne Haare gefalle ich ihm. Er sagt: Jetzt sieht man endlich deine schöne Kopfform. Er liebt es, über meinen Kopf zu streicheln.»

Markus Schmucki, ihren Mann, lerne ich einige Wochen später kennen. An einem Abend Ende März. Bereits am Nachmittag empfängt mich Gisela Schmucki in ihrer Wohnung. Bevor ihr Mann von der Arbeit kommt, er ist Gruppenleiter in einer Behindertenwerkstatt, bleiben uns noch zwei Stunden. Wieder sitzen wir uns am Küchentisch gegenüber. Diesmal steht eine Vase mit Rosen zwischen uns, gerade so platziert, dass ihr Gesicht über den Blüten zu schweben scheint. Vor dem Fenster Schneetreiben. Sie wirkt abweisender als beim letzten Mal, weint häufiger. Ihr rechtes Bein schmerzt. Wenn sie mit ihrem Schicksal hadere, wie heute, kämen auch die Schmerzen, sagt sie. Immer tiefer redet sie sich in ihre Verzweiflung hinein. Sie quält sich mit dem Gedanken, dass sie ihren Nächsten bereits zur Last geworden ist. Sie erzählt, wie sie die Leute manchmal schütteln und anschreien könnte: «Hallo, ich bin hier am Sterben, und ihr regt euch über Kleinigkeiten auf!» Die Situation ist bedrückend. Wie hält man den Groll auf die anderen, die Gesunden aus, ohne dass er einen innerlich zerfrisst? Die Frage lässt sie innehalten. Nur innehalten. Eine Antwort gibt sie nicht.

Dann sitzt Markus Schmucki mit uns am Tisch. Er hält die Arme verschränkt. Die Sätze kommen schnell, wie unter Druck hervorgepresst. Zunächst, um das Eis zu brechen, spricht er von praktischen Dingen, von der Belastung, wenn sie mal wieder im Spital ist und er gleichzeitig arbeiten und für die Kinder da sein muss. «Ich gerate an meine Grenzen.» Er sei aggressiver, nervöser geworden. Früher habe er immer eine Melodie vor sich hin gepfiffen. «Jetzt pfeife ich nicht mehr.» Gisela Schmucki fragt, ob sie uns allein lassen soll. Er will, dass sie bleibt, greift nach ihrer Hand.

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Er: «In der Kirche, bei Gott kann ich auftanken. Die grösste Herausforderung ist, den Mut nicht zu verlieren.»
Sie: «Manchmal habe ich das Gefühl, du schonst mich.»
Er: «Ich halte meine Angst zurück, weil ich dir nicht noch mehr aufbürden will.»
Sie: «Angst?»
Er: «Vor dem Ungewissen. Was kommt, wenn du stirbst? Was passiert mit den Kindern?»
Sie: «Du denkst daran, dass ich sterben könnte? Ich will noch nicht dorthin.»
Er: «Nein, nein, so weit denken wir noch nicht. Wir werden es uns so schön wie möglich machen.»
Sie: «Du denkst an meinen Tod? Das schockiert mich.»
Er: «Ich muss mich doch damit auseinandersetzen. Sonst wird die Trauer irgendwann so gross wie ein Berg.»

Sie weint. Er steht auf, streichelt über ihren Kopf. Bis sie lächelt. Später geht er hinaus auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Es schneit immer noch. Gisela Schmucki bringt mich zur Tür. Sie lädt mich ein, sie ins Kantonsspital St. Gallen zu begleiten, zur Sprechstunde mit ihrem Arzt Florian Strasser.

7. April, vormittags, im Büro von Florian Strasser. Er wollte mich bereits vor der Sprechstunde mit Gisela Schmucki treffen. Um mich vorzubereiten. Florian Strasser gehört zum Team des Palliativzentrums am Kantonsspital St. Gallen, er leitet die onkologische Palliativmedizin. Ziel der palliativen Medizin und Pflege ist, unheilbar kranken Menschen in der letzten Phase ihres Lebens eine umfassende Lebenshilfe zu geben. Nicht Verlängerung des Lebensrestes mit allen Mitteln. Der Patient soll seine verbleibende Zeit so gestalten können, wie er es will. Und er soll sie schmerzfrei erleben. Vielleicht will er sich wieder mit seinem Bruder versöhnen. Vielleicht will er ein letztes Mal mit dem Schiff über den Bodensee fahren. Florian Strasser nennt das «die letzten Lebenswünsche». Er sagt: «Ich befähige meine Patienten zu ihren letzten Lebenswünschen.»

Und wenn der einzige Wunsch der ist, zu sterben? Es sei seine Pflicht, den Patienten zu informieren, dass das Sterben ein Prozess ist. Ein ständiger Wandel. Eine Berg-und-Tal-Fahrt. Bei unserem letzten Treffen erzählte mir Gisela Schmucki, wie leidenschaftlich gern sie früher geschwommen sei. Wie sinnlos ihr ein Leben ohne Schwimmen erscheine. Das geht mir durch den Kopf, während Florian Strasser erklärt, dass er zusammen mit den Patienten versuche, eine neue Realität zu formulieren, in der das Leben wieder Sinn mache. Florian Strasser spricht von den «letzten Lebenswünschen» wie von einer Chance. Eine Chance worauf? Der Arzt antwortet mit Beispielen aus seiner Erfahrung. Im Grunde gehe es darum, eine Art Frieden zu erlangen. Besser loslassen zu können. Wer eine Aufgabe gut abschliesse, könne sie mit gutem Gewissen ad acta legen. Das gelte auch für das eigene Leben.

Die Sprechstunde: Gisela Schmucki trägt eine Perücke und auf den Wangen einen Hauch Rouge. Zunächst wirkt die Situation wie eine ganz normale Sprechstunde beim Hausarzt. Florian Strasser fragt die Symptome ab. Müdigkeit? Schwindel? Appetitlosigkeit? Atemnot? Angst? Schmerzen? Hier zögert sie mit der Antwort - und plötzlich erhält das Gespräch eine existentielle Dimension.

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Strasser: «Wo tut Ihnen das Loslassen weh?»
Sie schweigt.
Strasser: «Bereitet Ihnen die Familiensituation Sorgen?»
Schmucki: «Ich genüge nicht mehr als Mutter.»
Strasser: «Können Sie das auch mit den Kindern besprechen?»
Sie beginnt zu weinen.
Strasser: «Ich will herausfinden, was in Ihnen vorgeht.»
Schmucki: «Ich möchte im Leben stehen. Und doch weiss ich...»
Strasser: «Sie haben eine begrenzte Zeit. Sie müssen sich überlegen, was Sie noch machen wollen, was Sie noch abschliessen können.»
Sie schweigt.
Strasser: «Wollen wir hier bei mir einen runden Tisch machen, zu dem wir Ihre Kinder und Ihren Mann einladen? Ein Familiengespräch?»
Schmucki: «Ja, ich glaube, das wäre eine Erleichterung.»
Strasser: «Schreiben Sie?»
Schmucki: «Ich schreibe unglaublich gern, Gedichte. Und Kindergeschichten, Schnäggligeschichten, bei denen eine kleine Schnecke die Hauptrolle spielt.»
Strasser: «Sie könnten eine Serie davon schreiben und ein Buch daraus machen. Wie eine Art Vermächtnis.»
Schmucki: «Vielleicht. Vielleicht sollte ich das machen.»

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Von der Sprechstunde bleibt ein Eindruck, ein Bild zurück: zwei Puzzleteile, die nicht ineinanderpassen. Ihre Hoffnung auf Heilung. Seine Deutlichkeit.

Am 12. Mai, Pfingstmontag, erhalte ich spätabends eine Mail: «Frau Schmucki ist zwei Wochen nach akuter Verschlechterung heute Pfingstmontag auf der Palliativstation des Kantonsspitals Flawil verstorben. Es war alles sehr schnell und heftig.» Absender ist Leila Bleichenbacher. Die Pflegefachfrau arbeitet für den palliativen Brückendienst der Krebsliga St. Gallen-Appenzell und macht regelmässig Hausbesuche bei Familie Schmucki. Sie war es auch, die mir den Kontakt zu Gisela Schmucki ermöglichte. Beim Lesen der Mail fällt mir ein, was Leila Bleichenbacher mir bei einem Treffen gesagt hatte. Es ging um das Konzept der Palliativmedizin. «Es ist wichtig, dass es die Palliativmedizin gibt, doch manchmal wirft die Realität die schönsten Konzepte über den Haufen.»

Das Konzept und die Realität, Gisela Schmuckis Hoffnung und Florian Strassers Deutlichkeit, der Traum vom Schwimmen und zwei Plastiksäckchen am Körper - lauter Puzzleteile, die nicht ineinanderpassen. Vielleicht haben sie sich für Gisela Schmucki am Ende zu einem Bild zusammengefügt. Vielleicht nicht.

Am Samstag, 17. Mai, findet die Beerdigungsfeier statt. Die Kirche ist bis zum letzten Platz gefüllt. In der ersten Reihe sitzt Markus Schmucki. Der Rücken, der Hinterkopf sind unbeweglich. Links und rechts von ihm sitzen die Söhne. Der Geistliche erzählt, wie Markus Schmucki zwei Tage nach dem Tod seiner Frau beim Aufräumen ein Gedicht von ihr fand. Der Priester liest es vor, sein Blick lässt den Vater und die drei Kinder nicht los:

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«Ich will leben!
Ich will gesund leben!
Ich will gesund sein!
Ich will für meine Kinder da sein!
Ich will mit Markus alt werden!»

Der Rücken des Vaters krümmt sich und bebt. Dann richtet er sich auf, wird gerade wie eine Säule. Die Arme legen sich um die Schultern der Söhne.

Montag, 19. Mai: Wieder der Küchentisch bei Schmuckis. Markus Schmucki sitzt mir gegenüber, zwischen uns eine brennende Kerze und ein gerahmtes Foto: Eine Studioaufnahme von ihnen beiden als junges Paar. Gisela Schmucki hatte vor ihrer Krankheit lange, braune Locken.

Heute wirkt er entspannter als bei unserem letzten Treffen, als habe er die Kraft nicht mehr, seinen Körper anzuspannen. «Ich fühle mich allein», sagt er. Obwohl die Verwandtschaft, das Geschäft, die Kirche, obwohl alle da seien für ihn und die Buben. «I vermisse di, i vermisse di» - ständig laufe in seinem Kopf dieses Lied von Peter Reber. Sie hätten sich beim Einschlafen immer an der Hand gehalten, ihre Hand fehle ihm, er könne nur noch mit Tabletten schlafen. Dann erzählt er von ihren letzten Tagen.

Eine Woche vor ihrem Tod kam sie auf die Palliativstation in Flawil. Ihr Zustand hatte sich akut verschlechtert, sie hatte Schmerzen im Bauch, etwas mit dem Darm. Sie ass nichts mehr und erbrach sich. Nachmittags ging er sie jeweils besuchen, sass bei ihr. Drei Tage vor ihrem Tod, am Freitag vor Pfingsten, hatte sich der Zustand stabilisiert. Sie konnte nach Hause. Die Sonne schien und sie wollte nur auf dem Balkon sitzen, die Wärme geniessen. Sie ass immer noch nichts. Am Samstag musste sie wieder auf die Station. Pfingstsonntag war Muttertag. Nachmittags besuchte er sie mit den drei Buben. Später kam der Priester und gab ihr das Abendmahl. Sie war müde, starrte abwesend vor sich hin. Immer wieder verlangte sie nach Wasserglace und Wasser mit Eiswürfeln. Sie ertrug keine Bettdecke über ihrem Körper. Ihr war so heiss, obwohl ihr Körper eiskalt war.

Als am Pfingstmontag die Eltern an ihrem Bett sassen, war sie schon in einem Dämmerzustand. Sie sagte mehrmals: «Ich möchte nach Hause.» Als er an ihrem Bett sass, sagte sie nur noch: «Angst, Angst, Angst.» Immer wieder. Um sechs Uhr abends ging er nach Hause, weil er für die Kinder das Nachtessen kochen musste. Sie war allein, als sie starb.

Markus Schmucki legt beide Hände mit der Handfläche nach unten auf den Tisch. Es sieht aus, als lägen zwei schlaffe Flügel eines weissen Vogels vor uns. Er sagt:

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«Nachts gehe ich mit den Kindern hinaus, zeige ihnen die Sterne und sage: Sucht euch einen aus. Das ist das Mami, das über uns leuchtet und uns beschützt. Ich glaube fest daran, dass sie an einem schönen Ort ist. Zu Hause. Bei Gott. Ich habe ein Bild von diesem Ort: Sie steht an einem türkisblauen Meer, spürt kein Leid und keine Verzweiflung. Sie wartet auf uns. Irgendwann kommen wir wieder zusammen.»