Das Alters- und Pflegezentrum Au in Steinen SZ wird derzeit von Schatten der Vergangenheit eingeholt. Ehemalige Angestellte beklagen physische und psychische Misshandlungen der Bewohner, groben Umgang mit dem Personal und fachliche Mängel in der Pflege. Innert dreier Jahre verliessen 32 Angestellte ihre Stelle - bei insgesamt 47 Arbeitsplätzen.

Gegenüber dem Beobachter haben mehrere Ehemalige übereinstimmend über Missstände seit 2003 berichtet. Aus Angst vor Repressalien wollen sie anonym bleiben. Besonders der Pflegedienstleiter steht im Kreuzfeuer der Kritik. Rita Meier (Namen der Ex-Mitarbeiter geändert) erzählt: «Im Speisesaal sagte er über einen Bewohner, er fresse wieder wie ein Schwein.» Im Umgang mit Pflegebedürftigen konnte er sich offenbar ebenso wenig kontrollieren wie bei Meinungsverschiedenheiten mit dem Personal: «Eine Praktikantin packte er so grob am Arm, dass sie schrie, er solle sie loslassen. Er drohte ihr mit fristloser Kündigung, wenn sie nicht gehorche.»

«Zur Strafe kalt abgeduscht»
Eine Kollegin erinnert sich: «Als ich einer Patientin aufs WC half, wurde diese ganz blau im Gesicht. Ich bat ihn, mir zu helfen. Ich hatte Angst, die Frau könnte sterben. Er half nicht, sagte nur, Sterben sei halt Sterben.» Der Pflegedienstleiter habe bei körperlich trägen Bewohnern die Geduld verloren, sie ins Zimmer geschubst, eine ältere Frau gar aufs Bett geworfen, Pflegebedürftige angeflucht. Der Heimleiter habe dies geduldet. Sei er informiert worden, so habe er sich kaum interessiert.


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Im Kreuzfeuer der Kritik: das Alters- und Pflegezentrum Au im schwyzerischen Steinen


«Um einen übergewichtigen und gehbehinderten Bewohner zum Abnehmen zu zwingen, hat man ihn in der gleissenden Mittagssonne ins Freie geschickt, um eine Runde um die nahegelegene Kapelle zu gehen», berichtet eine weitere Pflegeangestellte. «Auch im Winter, ohne Handschuhe.» Derselbe Bewohner habe seinen Stuhl nicht halten können, worauf man ihm vorgeworfen habe, er mache das absichtlich. Zur Strafe habe man ihn kalt abgeduscht.

Maria Bosshardt, diplomierte Krankenschwester, spricht von klaren fachlichen Mängeln. Bewohner hätten teilweise Medikamente gegen Durchfall und gegen Verstopfung gleichzeitig bekommen. Besonders alarmierend: «Einer Diabetikerin wurde eine volle Dosis Insulin gespritzt, obwohl sie nichts zu Abend gegessen hatte. Ich empfahl, den Blutzuckerspiegel zu kontrollieren.» Der Pflegedienstleiter habe gesagt, dazu sehe er keinen Anlass. «Ich kontrollierte trotzdem und bemerkte, dass der Blutzuckerspiegel innert einer Stunde rapide gesunken war.» Die Krankenschwester ist überzeugt, dass die Frau «noch in derselben Nacht ins Koma gefallen und gestorben wäre», wenn sie nicht dafür gesorgt hätte, dass sie Nahrung zu sich nahm. Bosshardt betont, sie habe in einem Gespräch mit Mitgliedern der Betriebskommission ausdrücklich auf die Mängel in der Pflege hingewiesen.

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«Ein Klima der Angst»
Von den Vorwürfen anscheinend aufgerüttelt, haben die Betriebskommission und der Gemeinderat in der Folge eine Personalbefragung durchgeführt, die Qualität der Pflege von zwei Dorfärzten beurteilen lassen und Anfang 2007 eine Mediatorin eingesetzt. Resultat: Die Zufriedenheit der Mitarbeiter war hoch bis sehr hoch, die Dorfärzte haben der Pflege ein gutes Zeugnis ausgestellt, und die Mediatorin hat mit dem Pflegedienstleiter in einem Führungs-Coaching «Defizite» aufgearbeitet.

Doch noch immer berichten mehrere Personen, die derzeit im Altersheim arbeiten, dass die Missstände weiterhin bestünden und sich nur wenig geändert habe. Der Umgangston, der Führungsstil, die Qualität und die Organisation der Pflege seien nach wie vor mangelhaft. Die guten Resultate der Mitarbeiterumfragen führen die Ehemaligen auf ein Klima der Angst zurück. So habe Simon Küchler, der als Präsident der Betriebskommission und Gemeinderat sowohl im Alterszentrum als auch in dessen Aufsichtsinstanz tätig ist, schon zu ihrer Zeit «Maulkörbe verteilt»: Wenn etwas an die Öffentlichkeit gelange, gebe es fristlose Kündigungen.

Die Ehemaligen beklagen zudem, sie hätten die Mediatorin nie zu Gesicht bekommen, obwohl es um Vorwürfe ging, die sie direkt betrafen. Die Dorfärzte seien den Verantwortlichen wohlgesinnt. Verzweifelt wandten sich die Ex-Mitarbeiter dieses Jahr an die regionale Presse. Im April sorgten Artikel und Leserbriefe für Wirbel in der Gemeinde.

Dem Gemeinderat wird jetzt vorgeworfen, er wolle die Probleme vertuschen. Hanspeter Keller, Unternehmer in Steinen, schiesst scharf: «Im Alters- und Pflegezentrum Au herrschen Missstände», sagt er, der ehemalige Angestellte des Heims beschäftigt. «Der Gemeinderat bestreitet dies und steht voll hinter der Altersheimkommission, die alles unter den Tisch kehrt.»

Simon Küchler und die Verantwortlichen im Pflegezentrum zeigen sich «erstaunt» über Kellers Vorwürfe.

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«Gelegentliche Verbalausbrüche»
Bei einem unangemeldeten Besuch des Beobachters vor Ort verhält sich der Heimleiter kooperativ, führt durchs Haus, öffnet Türen und bietet Pflegepersonal zu Einzelgesprächen auf. Resultat: Alle sind rundum zufrieden. Doch nachdem die Zimmertür ins Schloss gefallen ist, erzählt ein Heimbewohner mit kaputtem Rücken dem Journalisten, wie er vom Pflegedienstleiter an den Beinen aus dem Bett gezerrt worden sei. Er habe fürchterlich geschrien.

Der Pflegedienstleiter weiss von nichts: «Diese Vorwürfe höre ich zum ersten Mal.» Er ist gerade mal bereit, sich die Schilderung eines einzigen Zwischenfalls anzuhören. Beim zweiten lacht er: Er lasse sich nicht «auf solche Spiele» ein, das sei nicht seriös. Auch der Heimleiter lässt sich nichts vorwerfen: «Ich habe den Pflegedienstleiter kritisch beurteilt und nie weggeschaut, wenn es zu zwischenmenschlichen Verständnisschwierigkeiten kam.»

Gemeinderat Simon Küchler verweist auf die getroffenen Massnahmen. Man habe alle Vorwürfe widerlegen können: «Wir kehren nichts unter den Tisch.» Auch «Maulkörbe» habe er keine verteilt. Er habe lediglich gesagt, dass es im Alterszentrum «eine vertraglich eingegangene Schweigepflicht» gebe. Wer diese verletze, müsse gehen. Küchlers Beurteilung des Pflegedienstleiters erstaunt: «Wir wissen, dass er in Einzelfällen nicht gerade psychologisch geschickt reagiert hat.» Seine gelegentlichen «Verbalausbrüche» seien bekannt und aktenkundig, aber dass er Bewohner physisch grob behandle, sei ihm neu.

Die Rauchschwaden, die seit Jahren in Steinen aufsteigen, sind mittlerweile im ganzen Kanton sichtbar, wie Evelyne Reich vom Amt für Gesundheit und Soziales des Kantons Schwyz auf Anfrage bestätigt: «Ich habe Kenntnis von Steinen, doch die Aufsicht ist gesetzlich auf Gemeindeebene geregelt. Dies ändert sich per Januar 2008. Wir sind gewillt, diesen Fall im neuen Jahr speziell zu überprüfen.»

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