Manchmal möchten sie bloss «eine ganz normale Familie» sein. Doch seit sie den heute neunjährigen Ibri und seine um ein Jahr jüngere Schwester Kujti als Pflegekinder aufgenommen hat, ist bei Familie Hess vieles anders: aufregender und manchmal schwieriger als anderswo – aber auch reicher und interessanter.

Sogar das Haus ist grösser geworden. Als nämlich vor etwa drei Jahren endlich sicher war, dass die beiden Kinder bleiben dürfen, haben Kurt und Renata Hess mit viel Eigenleistung zwei Zimmer an ihr Heim angebaut. Seither hat es auch räumlich genug Platz für alle: für die beiden Pflegekinder und die drei eigenen Kinder Petra, Florian und Martina.

Den Platz in den Herzen der Pflegeeltern und der neuen Geschwister haben sich Ibri und Kujti schon früher erobert. Als erster Ibri, der als Zweijähriger schon einmal eine Zeitlang bei der Familie Hess lebte. Nach einer leider misslungenen Rückkehr zu den leiblichen Eltern wurde Familie Hess erneut angefragt.

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«Den Ibri? Ja, den nehmen wir wieder», sagten auch die eigenen Kinder. Und da es einleuchtend ist, Geschwister nicht zu trennen, stimmten auch alle der Aufnahme von Ibris Schwester Kujti zu. «Ich kann mir unsere Familie ohne die beiden Kleinen schon gar nicht mehr vorstellen», sagt Petra, mit 17 Jahren das älteste der Hess-Kinder.

Überforderte Eltern
Kinder, die nicht bei den leiblichen Eltern aufwachsen können, in Pflegefamilien zu plazieren ist ein altbewährtes Rezept – allerdings mit einer belasteten Vorgeschichte: Bei vielen Älteren weckt das Wort Pflegefamilie noch immer schlechte Erinnerungen an misshandelte Verdingkinder.

Die Gründe für eine Plazierung von Pflegekindern haben sich inzwischen markant verändert. Nicht mehr nur der ökonomische Zwang zur Erwerbstätigkeit beider Eltern oder der alleinerziehenden Mutter macht es notwendig, Kinder bei Pflegeeltern unterzubringen. Dafür gibt es zunehmend Angebote wie Krippen, Horte und Tagesmütter. Heute sind es meist Kinder aus Familien in ausweglosen Krisensituationen, die an Wochen- oder Dauerpflegeplätze vermittelt werden. Die leiblichen Eltern sind oft mit gesundheitlichen oder persönlichen Problemen belastet, sozial wenig integriert und mit der Erziehung überfordert.

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Was bedeutet das für die Pflegeeltern? Welche Anforderungen werden an sie gestellt? «Pflegeeltern müssen fähig sein, ein Kind zu erziehen, das sich möglicherweise anders entwickelt als die eignen Kinder, sich zurückzieht und die Erwartungen nicht erfüllt», sagt der Jugend- und Familienberater Stefan Blülle.

Wichtig sei zudem die Bereitschaft zur Kooperation mit den leiblichen Eltern. «Unbedingt zu vermeiden ist eine beschuldigende Haltung gegenüber den "wirklichen" Eltern, denn der Kontakt zu ihnen ist für die Entwicklung des Kindes wichtig», sagt Stefan Blülle: «Nicht zuletzt müssen sich Pflegeeltern bewusst sein, dass in der Dynamik der eigenen Familie vieles anders wird, wenn ein Pflegekind dazukommt.»

Ärger gehört dazu
«Wir waren uns nicht bewusst, was da alles auf uns zukommt», sagen Renata und Kurt Hess heute. Spannend sei es am Anfang gewesen: Interessant, zu beobachten, wie Ibri und Kujti reagierten, wie sie Kontakt zur neuen Umgebung aufnahmen.

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Aber auch belastend. Lang sei ungewiss gewesen, ob die Kinder bei der Pflegefamilie bleiben könnten. Oder ob sie mit den leiblichen Eltern wieder ins Heimatland zurückkehren müssten. Zudem gab es mehr Arbeit mit fünf statt drei Kindern. Kräftemässig kam Renata Hess oft an ihre Grenzen.

Nicht ganz einfach war es auch, mit den anfänglichen Konkurrenz- und Eifersuchtsgefühlen der eigenen Kinder umzugehen. «Wir haben uns immer bemüht, keine Unterschiede zu machen zwischen den eigenen und den "fremden" Kindern», sagen die Pflegeeltern.

«Die Pflegefamilie bietet viel emotionale Nähe und somit auch die Chance einer dauerhaften Bindung», sagt Stefan Blülle. Das sei einer der Hauptvorteile der Pflegefamilie gegenüber dem Kinderheim.

Natürlich gibt es auch Nachteile. Etwa die geringere Belastbarkeit bei massiven Erziehungsschwierigkeiten. «Doch gerade weil Eltern die Möglichkeit haben, sich an den konkreten Bedürfnissen des Kindes zu orientieren und individuell darauf einzugehen, ist die Pflegefamilie auch heute noch von grosser Bedeutung», sagt Stefan Blülle: «Sie ermöglicht dem Kind eine Situation, die dem Aufwachsen bei den leiblichen Eltern so nahe wie möglich kommt.»

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Fachliche Hilfe nötig
Damit Pflegefamilien ihre Vorzüge entfalten können, brauchen sie fachliche Unterstützung und rasche Hilfe in Krisensituationen. Wie wichtig das ist, betont auch das Elternpaar Hess. Sie fühlen sich von der Beiständin der Pflegekinder gut betreut, in ihren Anliegen und Sorgen ernst genommen und im Alltag unterstützt.

Was aber bewegt Menschen wie Renata und Kurt Hess dazu, eine so anspruchsvolle Aufgabe auf sich zu nehmen?

Das Pflegegeld, das sie dafür bekommen, kann es nicht sein. Es deckt zwar die Selbstkosten, der eigentliche Betreuerlohn ist aber mehr als bescheiden. Anerkennung aus der näheren und weiteren Umgebung? Kaum, denn die Umwelt reagiert eher zurückhaltend. Mitleid? «Ja, in einem gewissen Sinn schon», sagt Kurt Hess: «Es sind halt Kinder. Und sie brauchen uns.»

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Es kommt viel zurück
Dazu kommt das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Und: Wenn alles gutgeht, kommt auch etwas von den Kindern zurück, von dem die ganze Familie profitiert. Renata und Kurt Hess beschreiben das so: «Das Zusammenleben mit Kindern aus anderen familiären Verhältnissen oder einer anderen Kultur fördert innerhalb unserer Familie Toleranz und Rücksichtnahme. Die Pflegekinder erweitern unseren Horizont.»

Beratungsstelle

Wer Kinder in Wochen- oder Dauerpflege aufnimmt, braucht eine behördliche Bewilligung – so will es das Schweizerische Zivilgesetzbuch (Artikel 316f). Bevor diese Bewilligung erteilt werden kann, klärt die Behörde ab, ob die Pflegeeltern für diese Aufgabe geeignet sind. Kommt ein Pflegeverhältnis zustande, wird es von der Behörde regelmässig kontrolliert. Pflegeeltern müssen aber nicht nur Auflagen einhalten – sie haben auch Ansprüche auf fachliche Beratung und Unterstützung.

Weitere Informationen
Pflegekinder-Aktion Schweiz, 8002 Zürich: www.pflegekinder.ch

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