Ein Einfamilienhausquartier in der Gemeinde Wettingen AG, gepflegte Gärten und vorwiegend ältere Leute, die neugierig aus den Fenstern schauen, wenn sich eine fremde Person in ihre Strasse verirrt. Inmitten dieser Häuser eines mit verschlossenen Fensterläden – das Heim von Christian Liechti. Es wurde vor einiger Zeit von den Behörden zwangsgeräumt – wegen Vermüllung und Rattenplage.

Der 60-Jährige bat daraufhin um Asyl bei Pfarrer Sieber; er fürchtete die Abschiebung in eine psychiatrische Klinik. Kürzlich hat der Wettinger die Sieber-Stiftung wieder verlassen und ist zurückgekehrt.

«Wissen Sie, wo Herr Liechti ist?» – «Sie sehen ja, dass er wieder hier ist», schimpft eine Nachbarin. «Schauen Sie da, die Plastiksäcke, die bereits wieder um sein Haus herumliegen!»

Ordentlich gekleidet und frisch rasiert, sitzt der Gesuchte in seiner Stammbeiz, dem Migros-Restaurant, und studiert die Zeitung. Gegen ein Gespräch hat er nichts einzuwenden. «Für mich sind die Leute gut», erklärt er mit einem Schulterzucken. «So lange, bis sie mir das Gegenteil beweisen.» Ausserdem sei er eigentlich «en gsellige Chäib». Deshalb komme er auch täglich hierher. Er habe keine Lust, den ganzen Tag allein zu Hause herumzuhocken. Vor allem jetzt nicht mehr. «Was soll ich noch dort; die haben mir ja alles zerstört, was ich in den letzten zehn Jahren aufgebaut hatte.»

«Alles», das ist in Liechtis Fall ziemlich viel: 35 Tonnen waren aus seinem Haus in die Baumulde gefugt worden. Über den Wert der geräumten Ware ist man sich heute noch uneinig. Für Liechti handelte es sich bei den zimmerfüllenden Bergen von Zeitungen, Kleidern, Gartenwerkzeug, Schuhen, Elektronikgeräten und Sanitärartikeln um auserlesene Stücke, die er sich – meist in mehrfacher Menge – gekauft hatte, weil sie gerade besonders günstig zu haben waren.

Für die Behörden hingegen, die auf allen vieren über die Materialansammlung kriechen mussten, um durch den Türrahmen von einem Raum in den anderen zu gelangen, handelte es sich um eine stinkende Schutthalde. Liechtis Fall wanderte durch die Medien, und die Leute schüttelten den Kopf, konnten kaum glauben, dass es so etwas gibt.

Was vielen nicht bewusst ist: Es handelt sich bei Liechti nicht um einen Einzelfall – vom gleichen Leiden betroffen, wenn auch meistens in verminderter Ausprägung, sind nicht wenige. Die Fachleute sprechen gar von einem eigenständigen Krankheitsbild. Seit sich die US-Amerikanerin Sandra Felton vor ein paar Jahren öffentlich zu ihrem Laster bekannte und zahlreiche Ratgeberbücher für Betroffene schrieb, läuft ein weltweites Coming-out.

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Felton und Co. bezeichnen ihr Leiden liebevoll als Messie-Syndrom, abgeleitet vom englischen «mess» für Unordnung. Im deutschen Sprachgebrauch kursieren ausserdem die Bezeichnungen Vermüllungs- oder Diogenes-Syndrom.

Weltweit boomende Selbsthilfe
Mehr als 20'000 Homepage-Eintragungen gibt es in den USA unter dem Stichwort «messie», rund um den Erdball schiessen Selbsthilfegruppen für die Betroffenen aus dem Boden. Rund 60 Gruppierungen gibt es bereits in Deutschland – im September wurde auch in der Schweiz die erste Messie-Gruppe gegründet.

Bei den meisten der neun Personen, die sich kürzlich zum ersten Mal in der neuen Selbsthilfegruppe der Offenen Tür Zürich trafen, würde niemand vermuten, dass diese sich selber als Messies einstufen: ordentlich aussehende Frauen und Männer, meistens in guten sozialen Stellungen und Berufen. Darunter sind Informatiker, Sozialarbeiter, Lehrer, Journalisten; sogar ein Anwalt ist gekommen.

Heinz Lippuner, der als Sitzungsleiter wirkt, zeigt sich darüber wenig erstaunt: «Beim Messie-Syndrom handelt es sich um ein Verhalten, das sich vorwiegend zu Hause bemerkbar macht.» Die Betroffenen seien oftmals überdurchschnittlich intelligent, ihr Chaos habe weder mit Faulheit noch mit mangelndem Hygienebewusstsein zu tun, sondern vielmehr damit, «dass die Betroffenen sich für zu viele Dinge gleichzeitig interessieren, zu vieles sammeln und dann zu wenig Zeit haben, diese Dinge zu ordnen oder auszumisten».

Nun kennen wir alle Phasen, in denen zu Hause nicht alles so ausschaut, wie wir es gern hätten. Häufig findet man weder Zeit noch Energie, um immer alles aufzuräumen. Wann also werden «normale» Chaotinnen und Sammler zu Messies?

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Möglicher Grund: Verlusterfahrung
Es ist weniger die Höhe des gesammelten Bergs, die die Krankheit ausmacht, als vielmehr die Tatsache, dass es sich nicht um vorübergehendes, sondern um chronisches Chaos handelt. Menschen mit dem Messie-Syndrom zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Zeit nicht einteilen können, sich zu leicht ablenken lassen und kaum fähig sind, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Beispiele: Ein junger Computerfreak hat schon x-mal angefangen, seine Ansammlung von Computerzubehör in ein sinnvolles System zu bringen, gerät bei der Auslegeordnung aber immer wieder in Zeitnot und muss dann alles auf einen neuen Haufen legen – und weiss das nächste Mal nicht mehr, wo er wieder anfangen soll.

Frau R. wird in ihrem Beruf als Buchhalterin geschätzt für ihre Genauigkeit und Ordnung, zu Hause aber herrscht bei ihr das nackte Chaos. Obwohl sie eigentlich von einer schönen Designerwohnung träumt, verfügt sie nur über zwei Quadratmeter freien Raum: ihr Bett.

Was bringt «normale» Menschen dazu, daheim fast im Chaos zu ersticken, während sie ausserhalb ihrer Wohnung häufig ein unauffälliges und korrektes Leben führen? Die Krankheit kann bereits in der Persönlichkeitsstruktur verankert sein. Ein Auslöser ist auch in einschneidenden, traumatischen Lebenserfahrungen zu suchen. Besonders oft betroffen sind deshalb Menschen, die in Erinnerung an Kriegs- und Notzeiten unter Verarmungsängsten leiden und deshalb wahllos alle möglichen Gegenstände horten.

Aber auch mangelnde soziale Kontakte, der Verlust von Partner oder Arbeitsplatz können Auslöser für das Sammelsyndrom sein. So gibt es nicht wenige jugendliche Messies, die meist als Ersatz für fehlende Liebe und Zuneigung den glückverheissenden Werbeversprechen erliegen.

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Christian Liechti glaubt, dass auch bei ihm die «mangelnde Liebe schuld daran war, dass ich mein Herz an das Falsche hängte». Er erzählt, wie er sich Zeit seines Lebens als Aussenseiter fühlte. Liechti entpuppt sich als begabter Referent. Er verfügt nicht nur über ein messerscharfes Gedächtnis und vielseitiges Wissen, sondern auch über dramaturgisches Geschick und Humor. Nur dass es ihm beim Reden wie beim Aufräumen ergeht: Er findet nie zu einem Ende, kommt vom Hundertsten ins Tausendste und vergisst dabei, was er eigentlich sagen wollte; typisch Messie.

Wobei sich Liechti nicht im Geringsten dafür interessiert, wie andere sein Verhalten bezeichnen. Das Einzige, was er möchte, ist, in Freiheit sein Leben und sein Daheim geniessen zu können. «Ich tue ja niemandem etwas zuleid», meint er, und seine graugrünen Augen schauen nachdenklich in die Weite.

Mit böser Absicht handelt kein Sammelwütiger. Und doch fühlen sich Nachbarinnen und Nachbarn, Vermieterinnen und Vermieter von einem Messie oft massiv gestört. Dann zum Beispiel, wenn der Gestank aus der Wohnung das ganze Wohnhaus verpestet, das Ungeziefer über das Treppenhaus auch in andere Wohnungen eindringt, der Holzboden durchfault oder der gemeinsame Garten zu einer Müllhalde verkommt. Fälle, in denen verständlicherweise interveniert werden muss.

Hauruck-Entsorgung hilft nicht
Die Frage ist nur wie. Einfach zu entrümpeln, wie das bei Liechti gemacht wurde, ist für die Betroffenen das Schlimmste überhaupt und kann ihnen komplett den Boden unter den Füssen wegziehen. «Aufgrund der tiefer liegenden psychosozialen Problematik bei den Messies ist es nicht mit einer einmaligen Aufräumaktion im Hauruckverfahren getan», heisst es auf der Homepage der Selbsthilfegruppe Messies Hannover. Notwendig sei viel Fingerspitzengefühl beim Sortieren – möglichst gemeinsam mit den Betroffenen. Das ist wichtig, um das Problem dauerhaft zu entschärfen; zudem ist meist auch therapeutische Unterstützung nötig.

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Der Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein kümmert sich seit Jahren besonders um Messies. Sein Ziel ist es, Obdachlosigkeit sowie Heim- und Psychiatrieaufenthalte zu verhindern. Wettstein verhandelt deshalb immer auch mit Nachbarn oder Vermietern und sucht Lösungen, wie die Betroffenen in ihrer Wohnung und ihrem vertrauten Umfeld bleiben können.

Christian Liechti hat eingesehen, dass er sein Verhalten ändern muss, wenn es nicht wieder zu Problemen kommen soll. Einfach ist es nicht, denn schliesslich war das Kaufen und Horten jahrelang das Einzige, was ihm ein inneres Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit schenkte.