So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben: Das ist der grösste Wunsch betagter Menschen, wenn es ums Wohnen geht. Für viele wird dieser Traum dank der Hilfe von Angehörigen und einem breiten Hilfsangebot auch Wirklichkeit. Doch den Gedanken ans Umziehen schieben viele jahrelang beiseite – um dann vielleicht eine böse Überraschung zu erleben: Wenn sich das familiäre Umfeld plötzlich verändert oder die Gesundheit einem einen Strich durch die Rechnung macht, liegt das Thema Heim mitunter ganz unvermittelt auf dem Tisch. Dann heisst es, unter Zeitdruck einen Platz mit der geeigneten Wohn- oder Pflegeform zu finden – ein schwieriges Unterfangen.

Vorteile hat, wer sich bereits mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Wie der heute 87-jährige Leonhard Rohrer aus Zürich. Schon kurz nachdem seine Frau 1996 gestorben war, begann er sich intensiv über die verschiedensten Altersheime in der Stadt zu informieren. Während mehrerer Tage verschaffte er sich erste Eindrücke von den einzelnen Institutionen. «Ich wusste, dass der Tag kommen würde, an dem ich die Hausarbeit nicht mehr allein bewältigen kann», erklärt er. Ausserdem lag seine Wohnung im vierten Stock, ohne Lift. Was, wenn ihm dort etwas passieren würde? Und prompt: Ein Jahr später erlitt Rohrer einen Herzinfarkt.

Eine Bekannte empfahl ihm nach vier Wochen Kur, das Seniorama Im Tiergarten zu besichtigen. Nach einem Rundgang mit Einblick in die Wohnungen liess sich Leonhard Rohrer auf die Warteliste setzen – die Wahl für den Bedarfsfall war getroffen.

Am besten mit der ganzen Familie sprechen

Der Notfall traf sechs Jahre später ein: Leonhard Rohrer musste wegen einer Arthrose an der Wirbelsäule ins Spital eingeliefert werden. Nach der Operation war er wegen Schmerzen und Gehbehinderung auf zusätzliche Hilfe angewiesen. Zufällig wurde das Gästezimmer im Seniorama frei, und er konnte dort für drei Wochen Probe wohnen. Es gefiel ihm so gut, dass er kurz darauf endgültig einzog.

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Heute hat der Rentner alles, was er braucht. Er wohnt mitten in der Stadt an ruhiger Wohnlage und ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut bedient. «Ins Altersheim zu gehen war eine meiner besten Lebensentscheidungen», bilanziert er zufrieden. Und vor allem hat es sich gelohnt, dass er sich frühzeitig und selbständig um den richtigen Platz gekümmert hat. Die Einzimmerwohnung im zweiten Stock ist ganz nach seinem Geschmack eingerichtet. Auch seine Leidenschaft, das Basteln, musste Rohrer nicht aufgeben: Im Heim steht dafür eigens ein Raum zur Verfügung, wo der rüstige Senior allerlei nützliche Gegenstände und Möbelstücke herstellt.

Dass der 87-Jährige eine so gute Lösung gefunden hat, ist auch für seine Nachkommen eine Erleichterung: Sie sind froh, zu wissen, dass ihr Vater nun rund um die Uhr umsorgt ist. In der Familie wurde offen über die geeignete Lösung gesprochen. Das gelingt längst nicht allen so gut. Diskussionen zum Thema enden oft im Konflikt, weiss Charlotte Peter von Pro Senectute. Sie rät zur Vorwärtsstrategie: «Wenn Wohnformen im Alter frühzeitig angesprochen und enttabuisiert werden, gibt es bei den Betroffenen weniger das Gefühl des Abgeschobenwerdens.» Am besten bespricht die Familie gemeinsam, wer was leisten kann und will. Pro Senectute bietet dabei Unterstützung mit ihrer kostenlosen Sozialberatung (siehe nachfolgende Box «Nützliche Anlaufstellen»).

Was heisst denn frühzeitig? «Bei der Pensionierung», sagt Matthias Müller vom Heimverband Curaviva. «Wer in Rente geht, sollte sich überlegen, wie er sein weiteres Leben gestalten möchte.» Dabei gehe es nicht nur darum, zu planen, was man alles erleben wolle. Mindestens ebenso wichtig sei, vorbeugend Massnahmen in die Wege zu leiten, bevor Unfälle, Krankheiten und Altersgebrechen das Leben verändern. «Wer etwa nach einem Unfall nicht mehr in den eigenen vier Wänden leben kann, kann das Alters- oder Pflegeheim nicht beliebig wählen, sondern muss sich danach richten, wo Plätze verfügbar sind.» Deshalb sei es von Vorteil, sich präventiv an einem Ort anzumelden, wo es einem gefalle.

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Quelle: Vera Hartmann

Probewohnen: 80 bis 120 Franken pro Tag

Um im vielfältigen Angebot die geeignete Einrichtung zu finden, empfiehlt Fachmann Müller, sich eingehend und offen mit den verschiedenen Modellen zu befassen. Auch mit solchen, die von den klassischen Alters- und Pflegeheimen abweichen, etwa Alterswohngemeinschaften oder Hausgemeinschaften. Man sollte sich dabei nicht scheuen auszuprobieren: «Fast alle Heime bieten Ferien- oder Schnupperplätze an.» Der Zeitraum für das Probewohnen könne ausgehandelt werden; die Kosten beliefen sich je nach Kanton auf 80 bis 120 Franken pro Tag. «Probebewohner» haben die Möglichkeit, eine Zeitlang am ganz normalen Heimleben teilzunehmen und herauszufinden, ob alles den Wünschen und Bedürfnissen entspricht.

In der Schweiz sind laut Müller rund 2000 Plätze in Alters- und Pflegeheimen für Kurzaufenthalte vorgesehen. Die freien Zimmer dienen auch für Ferienaufenthalte oder zur Entlastung Angehöriger. Schnuppertage seien auch in Heimen möglich, die das nicht explizit im Angebot führen, so Müller. Nachfragen kostet nichts.

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Nützliche Anlaufstellen

Pro Senectute: Broschüren, Bücher, DVDs, Info­veranstaltungen, kostenlose Beratungen mit neutralen Drittpersonen
www.pro-senectute.ch
Telefon 044 283 89 89

Heimverband Curaviva: Auskunft zu Institutionen im Bereich des Heimwesens
www.curaviva.ch
Telefon 031 385 33 33

Online-Plattform heiminfo.ch von Curaviva: für die selbständige Suche nach Alters- und Pflegeheimen in der ganzen Schweiz
www.heiminfo.ch

Beratungsstelle «Leben im Alter» der Universität Zürich: Familien-, Gruppen- oder Einzelberatungen
www.zfg.uzh.ch
Telefon 044 635 34 20

Architekt und Gerontologe Felix Bohn: Fach­beratung zu altersgerechtem Bauen und Wohnen
www.wohnenimalter.ch
Telefon 044 240 20 60