Rolf Hess hat die Schlüssel zu vielen Wohnungen. Im Spitex-Zentrum nimmt er sie aus dem Schrank, packt die nötigen Pflegeutensilien und Kundendossiers ein und fährt los. Um 22 Uhr fährt er mit dem Spitex-Auto bei der ersten Kundin vor. «Bis nach Mitternacht helfe ich vor allem beim Zubettgehen», erklärt der Pflegefachmann. Er unterstützt bei der Intimpflege, hilft aus dem Rollstuhl ins Bett, versorgt Wunden und gibt Spritzen. «Am Schluss vergewissere ich mich, dass die Betreuten gut liegen, denn viele von ihnen können sich nachts nicht mehr selber umdrehen.» Nach Mitternacht macht er ärztlich verordnete Kontrollbesuche und hilft verwirrten oder sturzgefährdeten Kunden ins Bad oder lagert sie um. Und er begleitet - manchmal über längere Zeit - schwerkranke und sterbende Menschen. «Oft weiss ich nicht, ob es der letzte Besuch ist.»

Die Nachtspitex in Zürich startete im April dieses Jahres. Vorher boten die städtischen Spitex-Dienste nur bis 22 Uhr Betreuung an. Wer nachts Hilfe brauchte, musste sich an private Organisationen wenden, oder ein Heimeintritt wurde unumgänglich. «Die Betreuung rund um die Uhr ist ein grosses Bedürfnis», stellt Einsatzleiterin Claudia Koch fest. Innerhalb weniger Monate stiegen die Einsätze auf rund 20 pro Nacht an. Sie rechnet damit, dass sich diese Zahl in den nächsten Jahren verdoppelt oder gar verdreifacht. «Für ältere Menschen ist es ein kostbares Stück Lebensqualität, möglichst lange zu Hause und im eigenen Tagesrhythmus leben zu können», betont sie.

Die Spitex ist gefragter denn je
Ein Fünftel der über 80-Jährigen in der Schweiz ist pflegebedürftig; zwei Drittel von ihnen werden von Angehörigen zu Hause gepflegt. Doch die Spitex-Dienste helfen nicht nur alten Menschen; sie übernehmen auch Nachbehandlungen nach einem Spitalaufenthalt, helfen Familien, wenn die Mutter erkrankt, und betreuen psychisch Kranke in Krisensituationen. Eine Kinder-Spitex sorgt für kranke Kinder, und die Onko-Spitex ist auf die Betreuung von Krebskranken spezialisiert. Allein in der Stadt Zürich leisteten die Spitex-Zentren im letzten Jahr 700'000 Stunden Pflege- und Haushaltshilfe. Seit 2003 stieg der Bedarf um einen Fünftel an.

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Die Nachtspitex Zürich betreut mit zwei Touren die ganze Stadt. Eingesetzt werden nur ausgebildete Pflegefachleute mit Erfahrung. Rolf Hess, der vorher in der Psychiatrie gearbeitet hat, ist zwei Nächte pro Woche im Einsatz. «Das kann bedeuten, dass ich nach einer längeren Zwischenzeit mehrere neue Kunden besuche.» Alle wichtigen Daten entnimmt er dem Kundendossier. Neben allen notwendigen Angaben zur Pflege sind das auch Informationen zum sozialen Umfeld, zur Wohnung und zur Erreichbarkeit von Bezugspersonen des Kunden. Nach jedem Besuch werden Veränderungen und auch Wünsche ins Dossier eingetragen. «Die Kunden sollen, so weit es möglich ist, ihr gewohntes Leben führen können.» Das wirke vor allem auf Menschen mit beginnender Demenz und in psychischen Krisen stabilisierend.

Der Pflegefachmann betont: «Ebenso wichtig wie die praktische Hilfe ist oft auch, dass jemand vorbeikommt, ein offenes Ohr hat und Sicherheit vermittelt.» Viele der Kunden leben allein, andere benötigen Hilfe, weil der Ehepartner die Pflege nicht mehr allein bewältigen kann. «Der grösste Wunsch ist bei allen derselbe: zu Hause bleiben zu können, möglichst bis zum Tod», bemerkt Hess. Und: «Ich begleite auch Kunden, die aus dem Spital nach Hause zurückkehren, um dort zu sterben.» Tritt der Tod während der Nacht ein, steht er den Angehörigen zur Seite und gibt ihnen ersten Trost. Dann wäscht und kleidet er die verstorbene Person.

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«Das macht die Arbeit spannend»
Neben geplanten Einsätzen übernimmt die Nachtspitex Notfälle, die über die Ärzte-Notfallnummer vermittelt werden: Stürze, Rückfälle nach einem Spitalaufenthalt, akute Krisen. «Zuerst kläre ich am Telefon ab, ob Hilfe vor Ort überhaupt möglich ist oder ob ich besser sofort den Notfallarzt aufbiete», sagt Hess. Weil er während der Nacht allein auf sich gestellt ist, muss er flexibel auf Unerwartetes reagieren und schnell Entscheidungen treffen können. «Das macht die Arbeit spannend, ist aber auch eine grosse Herausforderung.»

Sieben Uhr morgens. Rolf Hess kehrt ins Spitex-Zentrum zurück. Er deponiert die Kundendossiers mit seinen Einträgen und die Wohnungsschlüssel. Jetzt fährt die Kollegin des Tagdienstes los.

Was kostet die Spitex?
Neben Zürich bieten Bern, Basel und Luzern einen Nachtspitex-Dienst im Auftrag der Stadt an. Auch die Kinder-Spitex oder die Onko-Spitex für Krebskranke sind nachts im Einsatz. Ärztlich verordnete Leistungen werden mit Tarifen über die Krankenkassen abgerechnet: Abklärungen 70 Franken, pflegerische Leistungen 65 Franken und die Grundbetreuung Fr. 51.40. Private Spitex-Anbieter verlangen zusätzlich Nachtzuschläge: Bei «Visit», einem von sechs privaten Anbietern in der Stadt Zürich, sind es neun Franken pro Stunde plus Wegpauschale von 18 Franken; bei Onko-Plus Zürich betragen sie 50 Prozent der Grundleistung. Nichtärztliche Leistungen wie Haushalt, Einkaufen, Kochen, Begleitungen muss die Kundschaft über eine Zusatzversicherung der Krankenkasse versichern oder selber bezahlen. Bei der städtischen Spitex ist der Tarif dafür je nach Einkommen 25 bis 37 Franken, bei «Visit» 54 Franken pro Stunde. Informationen übers Spitexfon im Quartier oder in der Gemeinde. Alle Adressen unter www.spitexch.ch.

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