Ich brauche die Beruhigungspille nicht», sagt der krebskranke Emil A. leise zu seiner Frau. Er liegt mit geschlossenen Augen auf einem Spezialbett in seinem Wohnzimmer. Sein Atem geht schwer, in immer grösseren Abständen ringt er um Luft. Plötzlich öffnet er mit einem überraschten Gesichtsausdruck die Augen, der Atem stockt – und steht still. Emil A. durfte zu Hause sterben. Seine Frau Irma war damit einverstanden, ihn in den letzten Wochen seines Lebens daheim zu pflegen.

Rund 80 Prozent der Menschen wünschen, zu Hause sterben zu können. Damit dieser Wunsch für alle Beteiligten auf gute Weise in Erfüllung gehen kann, braucht es eine gute Vorbereitung sowie viel Kraft, sich auf einen Prozess einzulassen, dessen Ende nicht absehbar ist.

Teamwork ist entscheidend
«Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass jemand zu Hause sterben kann, ist der Wille», sagt Caritas-Fachmann Beat Vogel, verantwortlich für das Programm «Begleitung in der letzten Lebensphase». «Der Wille des Patienten, nach Hause zu kommen, der Wille der nächsten Angehörigen, ihn zu betreuen – und der Wille der Nachbarn, Bekannten und Freunde, tatkräftig mitzuhelfen.»

Steht der Entscheid fest, einen Sterbenden zu Hause zu begleiten, ist eine funktionierende fachliche Betreuung sicherzustellen. Zentral ist dabei das Engagement des Hausarztes. Ihn gilt es als Erstes zu kontaktieren. Er übernimmt die medizinische Verantwortung und leistet oft auch menschlichen Beistand. Bei der Betreuung von Sterbenden steht die so genannte palliative, die schmerzlindernde Medizin im Vordergrund. Dank den heutigen Medikamenten ist es bei richtiger Dosierung möglich, Schmerzfreiheit zu erreichen, ohne dass dabei das Bewusstsein des Betroffenen beeinträchtigt wird.

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Tatkräftige Unterstützung bei der oft aufwändigen Pflege bietet die Spitex an. Ein Anruf bei der lokalen Spitexstelle bringt Klarheit über Dienstleistungen und Kosten. Hier erfährt man auch, ob es in der näheren Umgebung mobile Palliativteams gibt, die bei der Pflege von Schwerstkranken zu Hause ihre Unterstützung anbieten. Die Spitex gibt zudem Tipps, worauf beim Einrichten des Krankenzimmers zu achten ist und welche besonderen Hilfsmittel benötigt werden.

Ist die todkranke Person nach Hause zurückgekehrt, ist gute Teamarbeit aller Beteiligten angesagt. Regelmässige Zusammenkünfte dienen dazu, medizinische und pflegerische Details zu koordinieren. Sie sind auch in Krisensituationen hilfreich – zum Beispiel wenn es zwischen Familienangehörigen und Fachpersonen zu Konflikten kommt.

Respekt vor Sterbenden wahren Die einwandfreie Versorgung der körperlichen Bedürfnisse der Sterbenden ist eine Grundvoraussetzung dafür, dass das letzte gemeinsame Wegstück zu einer bereichernden Erfahrung für beide Seiten wird. Doch wie steht es mit Geist und Seele? Wie begegnet man einem geliebten Menschen, der mit seiner Endlichkeit konfrontiert ist und von allem, was ihm lieb ist, Abschied nehmen muss? Für Emil A. waren Gefühle nie ein grosses Thema. Das blieb auch so, als er den Tod vor Augen hatte. «Er war naturverbunden und konnte den Tod als etwas Natürliches annehmen», sagt Irma A. «Das half ihm, wenn er Angst hatte.»

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Oberstes Gebot bei der Sterbebegleitung ist der Respekt vor der Autonomie der Betroffenen. Sterbende sollten selber bestimmen, wann sie über ihre Gefühle, über den Tod, über das Loslassen sprechen wollen. Frank Lehmann, Gemeindepfarrer in Wädenswil ZH: «Man darf aber dem Sterbenden das Gespräch erleichtern – mit offenen Fragen, auf die er je nach Verfassung eingehen kann oder nicht.» Kommt ein Gespräch in Gang, ist es wichtig, einem Todkranken mit offenem Herzen zuzuhören und ihn keinesfalls mit vorschnellem Trost abzuspeisen, wenn er von seinen Ängsten und seinem Schmerz spricht.

Bei vielen Sterbenden taucht der Wunsch auf, letzte Dinge zu regeln – etwa ein Testament zu erstellen, von allen Kindern Abschied zu nehmen oder sich mit jemandem zu versöhnen. Es gibt den Sterbenden innere Ruhe, wenn solche Anliegen ernst genommen werden und sich verwirklichen lassen.

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Für einen todkranken Menschen ist es sehr schmerzhaft, wenn die Angehörigen die Realität des nahenden Todes verleugnen und ihn – bewusst oder unbewusst – nicht gehen lassen können. Ein offener, liebevoller Umgang mit der Wahrheit bringt oft eine gegenseitige Annäherung. Diese innere Verbundenheit gibt dem Sterbenden das Gefühl, aufgehoben zu sein, und verschafft ihm einige Momente gefasster Ruhe.

Auch die Helfer brauchen Hilfe
Dürfen Kranke in den eigenen vier Wänden ihrem Tod entgegensehen, ist dies meist eine bereichernde Erfahrung für alle Beteiligten. Bis dahin ist es aber oft ein harter Weg, der nicht selten in der totalen Uberforderung der Betreuenden endet. «Es kommt vor, dass Sterbende für die letzten paar Stunden ins Spital eingeliefert werden müssen, weil die Betreuenden unter der Belastung zusammenbrechen», sagt Heidi Dazzi, Oberärztin am Universitätsspital Zürich. «Dies verursacht bei den Angehörigen oft unnötige Schuldgefühle, obwohl sie alles in ihrer Macht Stehende getan haben.»

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Neben der rein physischen Anstrengung ist auch die psychische Belastung enorm. Es ist schwer, eine geliebte Person leiden zu sehen. Dass die Dauer der Betreuung nicht absehbar ist, zehrt ebenfalls an den Kräften. Die Betreuenden sind einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt: Angst, Trauer, Wut, Frustration und Aggressionen suchen fast jeden Angehörigen einmal heim. «In dieser Situation braucht es die Hilfe einer vertrauten Fachperson – eines Seelsorgers oder eines Psychologen», sagt Pfarrer Frank Lehmann. Denn wer einen Patienten bis zu seinem Tod pflegen will, muss zu sich selber Sorge tragen können. Quellen der Kraft sind etwa Erholungspausen, Gebete, Meditationen sowie Gespräche.

Würdiges Sterben als Ziel
Kranke, die nicht auf die Hilfe von Angehörigen zählen können, sollten sich beim Sterben im Spital nicht vor Anonymität und Fremdbestimmung fürchten müssen. «In den letzten Jahren hat sich die Einstellung der Ärzte deutlich gewandelt», sagt Frank Nager, bis vor wenigen Jahren Chefarzt am Kantonsspital Luzern und Professor an der Universität Zürich. «Sie sind heute viel eher bereit, im Gespräch mit dem Patienten und mit den Angehörigen sorgfältig abzuwägen, wann es Zeit ist, die Heilungsversuche einzustellen und sich auf ein menschenwürdiges Sterben vorzubereiten.»

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Das bestätigt auch Heidi Dazzi: «Wir sorgen dafür, dass die Privatsphäre von Sterbenden geschützt wird, und stellen Räumlichkeiten zur Verfügung, die es den Angehörigen erlauben, rund um die Uhr beim Patienten zu sein.» Auch für Beat Vogel von der Caritas ist das Sterben im Spital heute menschenwürdiger geworden: «Das Spital hat auch Vorteile. Der Patient möchte vielleicht nicht von Familienmitgliedern abhängig sein. Und die Angehörigen gewinnen zwischendurch Abstand.»

Die beste Lösung für einen sterbenden Menschen und seine Angehörigen muss im Einzelfall herausgefunden werden. Sicher ist: Die Pflege eines Sterbenden stellt höchste Ansprüche an die Angehörigen und die externen Fachleute – ob zu Hause oder im Spital.