«Was darfs denn sein, Monsieur?», fragt der Barkeeper. Henry Hohmanns Herz macht einen kleinen Sprung. «Seit drei Jahren bin ich nun auf dem Stoff», sagt der grossgewachsene Kunsthistoriker und lacht. «Aber es löst immer noch Glücksgefühle aus, wenn ich als Mann wahrgenommen werde.» Mit «Stoff» meint Hohmann das männliche Geschlechtshormon Testosteron, das er regelmässig einnimmt. Und mit «Monsieur» angesprochen zu werden freut den 51-Jährigen, weil sein Mannsein noch nicht lange sichtbar ist. Henry Hohmann, passionierter Sänger und Velofahrer, ist ein Transmann, was bedeutet: Er wurde als Mädchen geboren und war doch nie eins.

Erst seit 2009 lebt Hohmann so, wie er sich seit langem fühlt: als Mann, der Männer liebt. Jahrzehnte brauchte er, um diesen Schritt zu wagen. 1962 in der Nähe von Frankfurt geboren, spürte er früh, dass er anders tickte. In Worte fassen liess sich das nicht. Seine Mutter führte für alle vier Geschwister ein Tagebuch. In seinem steht, dass er sich zu Weihnachten ein Flügelkleid wünschte. Damit wollte er zum lieben Gott fliegen und ihn bitten, einen Jungen aus ihm zu machen. Vier Jahre alt war er damals. Eigentlich erzählt er diese Geschichte gar nicht so gern. Weil sie sich für ihn mittlerweile anhört wie eine Rechtfertigung für etwas, wofür er sich nicht mehr rechtfertigen möchte.

Ist jeder 200. Mensch betroffen?

Transmenschen wie Henry Hohmann identifizieren sich nicht mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zu­geteilt wurde. Sie werden eindeutig weiblich oder männlich geboren, fühlen sich aber dem Gegengeschlecht zugehörig oder irgendwo dort zu Hause, wo in unserer ­bipolaren Geschlechterordnung kein Platz ist: zwischen den Geschlechtern.

Wie viele Transmenschen es in der Schweiz gibt, weiss niemand, weil bisher niemand danach gefragt hat. Greift man auf ausländische Studien zurück, etwa aus Holland oder England, erfährt man, dass sich jeder 200. Mensch nicht oder nicht nur jenem Geschlecht zugehörig fühlt, das in seinen Papieren steht. Umgerechnet auf die Schweiz, wären das rund 40 000 Menschen. Den ganzen Weg mit Gutachten, Hormontherapie, Namensänderung, Operation und Änderung des Personenstands gehen jedoch nur ein paar hundert.

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Henry Hohmann sieht sich als Glückskind

Die Lebenssituation von Transmenschen in der Schweiz ist kaum erforscht. Die einzige aktuelle Befragung, von Transgender Network Switzerland 2012 durchgeführt, zeigt Erschreckendes: Während der Transition, des Übergangs vom Leben als Mann zu ­jenem als Frau oder umgekehrt, verlieren viele ihre Arbeitsstelle, manche sogar mehrmals. Die Suizidrate bei Transfrauen und -männern ist 40-mal höher als im Durchschnitt der Gesamt­bevölkerung.

Für Hohmann sind solche Ergebnisse Ansporn, sich noch stärker zu engagieren. Er ist neben seiner Arbeit als Kunsthisto­riker und wissenschaftlicher Redaktor in ­einem Museum auch Kopräsident von Transgender Network Switzerland. Eines seiner gros­sen Ziele ist es, eine breit ab­gestützte Studie zur Lebenssitua­tion von Transmenschen in der Schweiz anzustos­sen. Nicht weniger wichtig wäre eine ­Broschüre, um Personalverantwortliche für das Thema zu sensibilisieren, aber auch mehr Menschen darin zu unterstützen, ­ihren eigenen Weg zu gehen. Denn das zeigen Studien aus dem Ausland: Die meisten Frauen und Männer, die eine Transition gewagt haben, sind danach mit ihrem Leben zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

Henry Hohmann ist mehr als sehr zufrieden. Er sagt von sich selber, er sei ein Glückskind. Er hat geschafft, was nur wenigen Transmenschen gelingt; er arbeitet am selben Ort wie vorher, sein Freundeskreis blieb ihm erhalten – und er ist nach wie vor mit seinem Mann verheiratet. Für Hohmann ist das neben einer Herzensangelegenheit auch ein kleiner Sieg über die ­Bürokratie. Denn eigentlich darf es so etwas nicht geben: ein Ehepaar, Mann und Mann. Aber das kümmert Hohmann nicht im Geringsten. Er und sein Mann waren bereits viele Jahre verheiratet, als Hohmann vor fast fünf Jahren sein Coming-out hatte. «Für meinen Mann kam alles ziemlich überraschend», sagt er rückblickend. Auch wenn er selber überzeugt gewesen sei, dass er schon länger entsprechende ­Signale ausgesandt habe. Einfach sei es für beide nicht gewesen. «Ich wusste, dass ich diesen Weg gehen wollte, aber ich wollte ihn zusammen mit meinem Mann gehen.»

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Früher sang sie Sopran, heute ist er Bass

«Natürlich hat mein Mann Angst gehabt, plötzlich mit einem Fremden verheiratet zu sein.» Selbstverständlich habe auch er selber befürchtet, die Hormontherapie würde seine Persönlichkeit verändern. Zum Glück passierte nichts dergleichen. «Uns geht es gut», sagt Hohmann. Ausser dass sie jetzt nicht mehr als heterosexuelles, sondern als schwules Paar durchs ­Leben gehen, hat sich wenig verändert. Die beiden Kunsthistoriker leben nach wie vor im Berner Lorrainequartier und arbeiten zusammen im gleichen Museum. Noch immer begeistert sich der eine für das 11., der andere für das 12. Jahrhundert.

Käme bei den beiden Langeweile auf, genügte ein Gang aufs Amt, um für Auf­regung zu sorgen. Als Hohmann seinen Ausweis verlängern lassen wollte, bockte der Computer. Gab die Frau am Schalter «verheiratet» ein, sprang die Geschlechtsbezeichnung auf «Frau». Gab sie «Mann» ein, ging das mit dem «verheiratet» nicht mehr. «Das Leben hat die Technik doch längst überholt», sagt Hohmann und lacht. Verletzen oder entmutigen lässt er sich von solchen Erfahrungen längst nicht mehr.

Überhaupt hat sich Hohmanns Lebens­gefühl kolossal verändert, seit er als Mann durch die Welt geht. «Ich bin selbstsicherer geworden, mutiger. Und mein Bedürfnis, es allen recht zu machen, ist deutlich kleiner geworden», sagt er. Auch spüre er deutlich, dass er ernster genommen werde, wenn er etwas sage. So etwas erschreckt ihn. Manchmal fühlt sich Henry Hohmann in der Rolle als Mann wie ein «Undercover-Agent». Schliesslich sei er 46 Jahre lang als Frau sozialisiert und wahrgenommen worden. «Das prägt.» So irritiert es ihn, dass ihm Frauen auf der Strasse oft ausweichen, wenn er ihnen in die Quere kommt. Genauso selbstverständlich, wie er das früher getan hat. «Eigentlich verrückt.»

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Dann muss der Mann, der im Kirchenchor vom Sopran in den Bass wechselte und seither im Berner Schwulenchor Schwubs singt, nach Hause, wo Freunde warten. Sie wollen mit ihm und ­seinem Mann feiern – die beiden werden zusammen 101 Jahre alt. «Der Herr will zahlen?», fragt der Barkeeper. Und Henry Hohmanns Herz macht einen kleinen Sprung.

Was heisst «Transmensch»?


  • Transfrau: Frau, die mit dem Körper eines Knaben geboren wurde.

  • Transmann: Mann, der mit dem Körper eines Mädchens geboren wurde.

  • Transgender: Oberbegriff für alle Transmenschen. Er wird auch verwendet, wenn für die Geschlechtsidentität eines Menschen das Zwei-Geschlechter-Modell nicht ausreicht – wenn sich jemand also nicht nur als Mann und nicht nur als Frau fühlt. Zudem wird der Begriff verwendet, wenn jemand keine oder nicht alle medizi­nischen Massnahmen für eine Geschlechts­angleichung wünscht.

Die juristischen Voraussetzungen für einen amtlichen Geschlechtswechsel sind in der Schweiz nicht einheitlich geregelt. Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es kein spezielles Gesetz. Bis vor kurzem haben Gerichte für den sogenannten irreversiblen ­Geschlechtswechsel eine operativ ­erreichte Fortpflanzungsunfähigkeit verlangt; viele Gerichte tun das bis heute. Aber langsam setzt sich unter Juristinnen und Juristen die Haltung durch, dass das Recht auf körperliche Integrität, auf Bestimmung über den eigenen Körper ein Menschenrecht ist, das auch Transmenschen zusteht.

So entschied 2011 das Zürcher Ober­gericht, dass eine operative Sterilisa­tion nicht zwingend sei, Mitte 2012 folgte das Regionalgericht Bern-Mittelland mit einem noch weiter gehenden Urteil. Es entschied, es seien überhaupt keine körperlichen Eingriffe mehr erforderlich, wenn glaubhaft dargelegt werden kann, dass eine Person in ihrem Wunschgeschlecht angekommen ist. Weitere Infos: www.tgns.ch

Weitere Informationen

Henry Hohmann ist einer von elf Transmenschen, die sich im Buch «Das Geschlecht der Seele. ­Transmenschen erzählen» porträtieren liessen.

Der kürzlich erschienene Band von Tanja Polli (Text) und Ursula Markus (Fotos) dokumentiert, wie viel Kraft es braucht, ein Leben ausserhalb der gängigen ­Geschlechterrollen zu leben, zeigt aber auch, wie viel Freiheit das mit sich bringt. Elster-Verlag, 2013, 192 Seiten, Fr. 39.80