Beobachter: Schweizer gelten generell als sehr höflich und zurückhaltend. Braucht es da wirklich einen Schweizer Knigge?
Christoph Stokar
: Es stimmt, Schweizer sind grundsätzlich sehr höflich. Und es ist auch ein gutes Zeichen, dass es bis heute kein entsprechendes Buch für die Schweiz gab. Es gibt allerdings einige Bereiche, wo noch Aufholbedarf besteht, etwa bei den Tischmanieren. Oder bei der Garde­robe: Immer wieder sehe ich Männer, die bei der Jackett­anprobe Turnübungen machen. Und wenn es irgendwo nur ein wenig spannt, nehmen sie eins grösser – sprich zu gross.

Beobachter: Was machen wir häufig und völlig ungestraft, was gemäss Benimmregeln eigentlich verpönt ist?
Stokar
: Schweizer sind sicherlich überhöflich beim Zuprosten – was gerade in grösseren Runden zu äusserst ungeschickten Situa­tionen führen kann: Ellenbogen vor Nachbars Nase oder Jackettzipfel in der Crème brûlée. Aber es liegt mir absolut fern, ein Knigge-Polizist zu sein.

Beobachter: Haben Benimmregeln Sie immer fasziniert?
Stokar
: Ich habe die Hotelfachschule in Lausanne besucht, da sind Äusserlichkeiten immer wichtig gewesen. Ich hatte diesbezüglich also nie Berührungsängste. Aber seit ich den Knigge geschrieben habe, beobachte ich Menschen viel genauer als früher.

Beobachter: Und was beobachten Sie so auf Schweizer Strassen, in Restaurants und Cafés?
Stokar
: Mode ist eine starke Sprache. Und es ist sehr interessant, wie Menschen damit kommunizieren. Alleine ob Sie einen Büstenhalter tragen oder nicht, kann ein Statement sein. Aber auch wenn man sich auf den ersten Blick einen Eindruck von jemandem macht, darf man einen Menschen selbstverständlich nicht nur nach dem Äusseren beurteilen.

Beobachter: Während Ihrer Zeit an der Hotelfachschule: Was war das Krasseste, was Sie je erlebt haben?
Stokar
: Ich absolvierte in Tokio im besten Hotel ­Japans ein Praktikum. Der damalige Thronfolger, also der heutige Kaiser, hatte rund 40 Gäste geladen. Dummerweise war das Besteck nicht chronologisch aufgelegt, sondern der Grösse nach. Mit dem Effekt, dass alle, auch der Thronfolger, zu den ­Gerichten teilweise das falsche Besteck in Händen hielten. Sagen konnte man ihm das selbstverständlich nicht, der Gesichtsverlust wäre zu gross gewesen. So wurde das restliche Besteck einfach wieder eingesammelt und dann in der richtigen Reihen­folge aufgelegt. Das tönt für unsere Ohren relativ harmlos, war aber tatsächlich hoch dramatisch. Die japanische Kultur verzeiht da wenig.

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Beobachter: Was ist denn der krasseste Fauxpas, der Ihnen selber je passiert ist?
Stokar
: Selbstverständlich habe ich mich auch schon nicht situationsgerecht benommen. Ich habe beispielsweise Dresscodes jahrelang ignoriert. So habe ich mich etwa geweigert, privat einen Anzug zu tragen. Und einmal war ich sogar in Jeans an einer Beerdigung.

Beobachter: Kann man mit dem Befolgen einer Benimmregel auch total danebenliegen?
Stokar
: Ja, nämlich dann, wenn Sie das Gegenüber mit übertriebener Etikette blossstellen. Wichtig an solchen Benimmbüchern ist ja eigentlich nicht, dass sie mich über meine Mitmenschen erheben, sondern dass sie mir zu mehr Sicherheit im Umgang mit ­anderen verhelfen. Ich muss nicht mehr damit beschäftigt sein, Angst zu haben, ob ich alles richtig mache, sondern kann mich auf das Gegenüber konzentrieren und den Moment geniessen. Kurz: Man wird entspannter und natürlicher.

Beobachter: In Ihrem Buch halten Sie trotz Gleichberech­tigung dem Kavalier alter Schule die Stange. Welche althergebrachten Galanterien sind aber definitiv out?
Stokar
: Dass der Mann im Restaurant automatisch bezahlt. Oder womöglich für die Frau bestellt. Das ist nun wirklich überholt. Plumpe Komplimente sind ebenfalls out – ein Zuviel an Aufmerksamkeit hat schnell die Wirkung, dass sich die Frau bevormundet fühlt. Die Hauptsache bei Komplimenten ist, dass Humor und Glaubwürdigkeit dabei sind.

Beobachter: Gemahl, Gatte oder Mann? Wie stelle ich meinen Angetrauten Dritten vor?
Stokar: Wichtig ist vor allem der Name meiner Begleitung, schliesslich sind wir alle selbständige Individuen.

Beobachter: Für Männer halten Sie den Tipp parat, sie sollen sich im Haushalt engagieren, sollen auch mal den Tisch decken, staubsaugen oder alle Schuhe putzen. Wie halten Sie es selber mit dem Mithelfen im Haushalt?
Stokar
: Ich mache natürlich nicht genug – Mann macht grundsätzlich nie genug. Aber ich bin immerhin für den Garten verantwortlich. Und als unsere Töchter noch kleiner waren, habe ich ihnen abends vorgelesen und jeden Sonntag etwas mit ihnen unternommen, damit meine Frau auch mal drei, vier Stunden Zeit für sich hatte.

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Beobachter: Immer wieder trifft man im Zug Menschen an, die ihre Körperpflege ins Zugabteil verlegen. Was kann ich tun, wenn ich das Geräusch eines Nagelknipsers in Aktion nicht mehr ertrage?
Stokar
: Gar nichts. Ein vorwurfsvoller Blick zum «Täter», so dass er es merkt, und dann aufstehen und gehen wäre meine Lösung. Ihn verbal konfrontieren hat für meinen Geschmack etwas Besserwisserisches. Stichwort Knigge-Polizei.

Beobachter: Und wie lange muss ich es ertragen, wenn der Mensch im Sitz hinter mir konstant mit den Füssen an meine Rückenlehne stösst?
Stokar
: Auch hier würde ich auf Blickkontakt setzen, Kategorie «freundlich-vorwurfsvoll».

Beobachter: Für den grossen Anlass empfehlen Sie für Männer einen Smoking. Was tun, wenn ich keinen besitze?
Stokar
: Dann gehen Sie zu H&M. Im Ernst, es muss kein massgeschneiderter Smoking sein. Notfalls können Sie auch einen mieten.

Beobachter: Ich bin eingeladen und habe mir grosse Mühe mit meiner Kleidung gegeben und selbstverständlich auch auf passende Schuhe geachtet. Was soll ich tun, wenn mein Gastgeber darauf besteht, dass ich die Schuhe vor der Tür ausziehe?
Stokar
: Eine grauenhafte Vorstellung! Der Mega-GAU! Das ist, soweit ich weiss, eine typisch schweizerische Unsitte. Das sind Momente, in denen ich mir wünschte, meine Socken hätten riesige Löcher, einfach aus Protest.

Christoph Stokar

Christoph Stokar war nach der Hotelfachschule und diversen Praktika Sales Representative für Hilton Basel. Heute ist er selbständiger Texter und Konzepter. Er ist (Co-)Autor verschiedener Bücher. Stokar ist 53, verheiratet und Vater zweier Töchter im Teenageralter.

Quelle: Thinkstock Kollektion
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