Mit dem Tod erlischt nicht nur das Leben des Partners, auch der Puls der eigenen Zeit scheint stillzustehen. Es fehlen der Austausch von Alltäglichkeiten, die Schulter zum Anlehnen, selbst das Zanken um Marotten. Ob unerwartet oder nach langer Krankheit, den Moment des Verlusts begleitet stets der Schmerz. Meist sind es Witwen, die trauern, denn laut Statistik überleben Männer ihre Ehefrauen nur selten. Gemäss Schätzungen werden 60 Prozent aller Frauen in ihrem Leben zu Witwen. In der Schweiz liegt ihr Durchschnittsalter bei 70 Jahren.

Was die Zeit des Trauerns mit sich bringt und wie lange sie dauert, ist so verschieden wie die Menschen selber. «Trauer sollte nicht verdrängt werden, denn unverarbeitet kann sie krank machen», sagt die Sozialdiakonin Silvia Longoni aus Stäfa ZH. Experten unterteilen diesen Weg in Trauerphasen. Zuerst kommt der Schock, man zwingt sich zu funktionieren. So viel Kontrolle provoziert meist einen Zusammenbruch. Dabei schaffen sich Gefühle Luft: Wut, Ruhelosigkeit, unerklärliche Hochs, aber auch Schuldgefühle.

Was folgt, ist die Auseinandersetzung mit einer Welt, in der der Verstorbene fehlt. Treten Verbitterung und Klagen nur noch gelegentlich auf, steigt dagegen die Motivation, Probleme zu lösen und Entscheidungen zu fällen – die Phase der Annahme des Geschehenen ist nah. Erst wenn die Lust zurückkehrt, Menschen kennen zu lernen, ist man bereit, sich selbst in seiner Umwelt neu zu finden.

In schwarze Kleider gezwängt
Doch was sind Witwen und Witwer? Singles? Wieder Alleinstehende? Und sind speziell Witwen lediglich «Frauen ohne Mann»? Die «soziale Unsichtbarkeit der Witwen» nennt François Höpflinger, Professor für Soziologie an der Universität Zürich, diese ungeklärte Positionierung. Wirtschaftlich unabhängiger seien die Witwen von heute, freier und fern der gesellschaftlichen Stigmatisierung, die sie einst in schwarze Kleider, Trauerjahre und Wiederverheiratungen gezwungen hatte. Gleichzeitig aber erwarte die Umwelt von ihnen, schneller mit dem Verlust zurechtzukommen. «Geh doch einmal in einen Verein, gönn dir was Schönes» – Witwen kennen die gut gemeinten Ratschläge, die selten so einfach funktionieren.

«Die Trauer von Witwen wird zunehmend ins Private verdrängt. Man lässt sie mit der Verarbeitung allein», so Höpflinger. «Heute müssen sich Witwen selber schützen», sagt auch Erika Elmer, Sozialdiakonin in Wädenswil ZH. Der jüngeren Witwengeneration gelänge das immer besser. «Diese Frauen definieren sich selbst, indem sie sich erlauben, ihre Trauer, aber auch ihre Bedürfnisse zu formulieren.»

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