«Ich war lange genug angebunden mit vier Kindern. Nun geniesse ich meine Freiheit», sagt Martha Zanoni. Unabhängig zu sein in der eigenen, hellen Dreizimmerwohnung in Zürich-Oerlikon schätzt die 83-Jährige über alles: «Wer im Kopf noch zwäg ist, ist doch unglücklich im Krankenheim.» Die vife Frau weiss, wovon sie spricht: Seit 14 Jahren besucht sie als freiwillige Helferin alte, zumeist demente Menschen, geht mit ihnen spazieren oder offeriert ihnen auch mal einen Cervelat und ein Bier.

Wie Martha Zanoni wohnt die grosse Mehrheit der älteren Menschen nicht im Alters- oder im Pflegeheim, sondern in einem Privathaushalt. Selbst von den über 80-Jährigen lebt lediglich ein Fünftel in Kollektivhaushalten oder Heimen. «Die Zahl der Menschen, die ihr Alter weitgehend gesund, behinderungsfrei und selbstständig geniessen können, wächst stetig», weiss François Höpflinger, Soziologieprofessor an der Universität Zürich. Anderseits wird es immer mehr pflegebedürftige Alte mit hirnorganischen Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson geben. «Deshalb wird man nicht auf Alters- und Pflegeheime verzichten können.»

Höpflinger ist aber der Meinung, dass auch pflegebedürftige Seniorinnen und Senioren andere Wohnformen zur Auswahl haben müssten: «Wir benötigen mehr Mischformen, zum Beispiel Pflegewohngruppen von sechs bis acht Personen, Alterswohnungen mit angeschlossener Pflegestation oder Tagesheime.» Daneben sollten ambulante Hilfseinrichtungen und besonders die Haushalthilfe weiter ausgebaut und mit stationären Institutionen vernetzt werden: «Die kommenden Alten werden zur Hälfte Hauseigentümer sein, der Gang ins Heim dürfte ihnen noch schwerer fallen als den heutigen Betagten.»

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Auch Martha Zanoni lebte in einem Eigenheim. Nach dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren verbrachte sie noch einige Jahre darin. Doch dann war sie es leid, immer überlegen zu müssen, wer den Rasen mäht und die Blumen giesst, wenn sie zur Familie ihres Sohnes nach Kanada reiste. In ihre jetzige Wohnung hat sie sich auf den ersten Blick verliebt – obwohl sie keinen Lift hat und der nächste Lebensmittelladen ein ganzes Stück entfernt ist. «Aber laufen ist ja gesund», lacht sie.

Viele Häuser und Wohnungen entsprechen nicht den Bedürfnissen der älteren Generation. «Fast überall gibt es etwas zu optimieren, um mehr Sicherheit und Selbstständigkeit für die Bewohner zu erreichen», sagt der Architekt Felix Bohn, der auf altersgerechtes Wohnen spezialisiert ist. «Oft tun es schon einfache Mittel, zum Beispiel ein zweiter Handlauf im Treppenhaus.» Die grössten Problemzonen in einer Seniorenwohnung sind laut Bohn das Bad und die Küche: «Diese sind oft so klein, dass sie mit Gehwägelchen oder Stöcken kaum begangen werden können. Und Bad oder WC erweisen sich buchstäblich als Fallgruben: Die WC-Sitzfläche ist zu tief, die Badewanne nicht rutschfest, und es fehlen Haltegriffe.»

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Bei baulichen Anpassungen und Hilfsmitteln wie WC-Aufsätzen oder Haltegriffen lohnt es sich abzuklären, ob Pro Senectute oder andere Organisationen sich finanziell daran beteiligen. Das gilt besonders für Menschen, die Anspruch auf Ergänzungsleistungen haben. «Leider müssen viele Vermieter erst überzeugt werden, dass ein Haltegriff nicht installiert werden kann, ohne ein paar Löcher in die Badezimmerplättli zu bohren», moniert Felix Bohn. Dabei rechne sich altersgerechtes Bauen auch für Vermieter: «Wohnungen und Häuser, die von Anfang an altersgerecht konzipiert werden, sind auch für Familien mit Kindern und für Behinderte attraktiver.» Zudem würden sich solche Investitionen volkswirtschaftlich auszahlen: «Menschen, die selbstständig zu Hause wohnen, kommen länger ohne Spitex aus, und der Umzug ins Heim kann vermieden oder zumindest hinausgezögert werden.»

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Ist Hilfe im Alltag nötig, sind Spitex, Pro Senectute und das Schweizerische Rote Kreuz die wichtigsten Ansprechpartner. Zu ihren Dienstleistungen gehören kostenlose Sozialberatung, Haushalthilfe, Mahlzeiten-, Reinigungs- sowie Besuchsdienste. Da die Hilfeleistungen von Spitex und Pro Senectute aber auf wenige Stunden pro Woche begrenzt sind, verbleiben rund 80 Prozent der Pflegearbeit bei den Angehörigen. Besonders am Wochenende und abends sind viele Betagte auf sie angewiesen – oder ganz auf sich allein gestellt.

Da kommt Martha Zanoni ihre Vitalität zugute: Sie trifft sich mit Freundinnen oder unternimmt Wanderungen. Damit sie weniger «angebunden» ist, wie sie sagt, hat sie nur eine einzige Pflanze in der Wohnung: «Trockenblumen und Bilder mit Blumen tun es auch.» Bis auf weiteres will sie alles, vom Einkaufen bis zum Fensterputzen, selber erledigen. Allerdings weiss sie, dass der Tag kommen wird, an dem sie den Frühlingsputz nicht mehr schafft. Aber so weit denken mag sie nicht: «Es kommt dann sowieso, wie es will», lacht sie. Nur eines will sie nicht: ins Altersheim.

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