Gepflegte Hecken, zwei Autos auf dem Vorplatz in einem Wohnquartier in Langenthal: Das Haus würde gut auf das Werbeplakat einer Versicherung passen. Ob es die Bewohner - keine traditionelle Mittelstandsfamilie, sondern zwei temperamentvolle Mütter und fünf Teenager - auch auf eine solche Reklame schaffen würden, ist fraglich.

Evelyne Kummer und Gabriele Nadler haben das konventionelle Familienleben hinter sich. Ihre Ehen zerbrachen. Die 44-jährige Evelyne Kummer und ihre 13, 17 und 19 Jahre alten Kinder leben seit 1997 allein, die 43-jährige Gabriele Nadler und die 13- und 15-jährigen Söhne seit anderthalb Jahren. Die Mütter zählen zu 161'000 Alleinerziehenden in der Schweiz. Bloss dass sie eben nicht allein erziehen - und auch sonst so einiges teilen: den Haushalt, die Miete, die Sorgen und viele Freuden. Sie sind eine Wohngemeinschaft, eine richtige WG.

Die Langenthalerinnen haben so eine ungewöhnliche Lösung für eine schwierige Situation gefunden. Aufgrund der steigenden Scheidungsrate müssen immer mehr Männer und Frauen ihre Kinder allein grossziehen - wobei Frauen mit 85 Prozent die Mehrheit ausmachen. Und gemäss Sozialhilfestatistik sind gerade sie besonders von Armut betroffen.

Strukturen benachteiligen die Mütter
Das hat mehrere Ursachen. Die finanzielle Situation des Alimentenzahlers, also in der Regel des Vaters, bestimmt die Höhe der Alimente. Sein Existenzminimum bleibt unangetastet. Reichen Alimente und eigene Mittel nicht aus, muss die Mutter Sozialhilfe beantragen und diese später eventuell auch zurückerstatten. Bleiben Alimente ganz aus, kann Bevorschussung beantragt werden, doch ist dies aufwendig und oft langwierig. Kommt dazu, dass Frauen für dieselbe Arbeit oft weniger verdienen als Männer. Und wer mehr arbeitet, muss auch mehr Krippengelder bezahlen - und mehr Steuern. Der betreuende Elternteil hat Alimente als Einkommen zu versteuern, während sie der Zahlende abziehen kann. Der Uno-Ausschuss für die Beseitigung der Frauendiskriminierung hielt 2003 fest, dass alleinerziehende Frauen hierzulande strukturell benachteiligt werden, und forderte sofortige Massnahmen. Geschehen ist nichts.

Auch Gabriele Nadler wohnte mit ihren Kindern vor anderthalb Jahren noch allein und konnte ihr 40-Prozent-Pensum nicht aufstocken. Wer sollte die Kinder in den Randstunden betreuen, und wie sollte sie das bezahlen? Als sie sich mit einer anderen Mutter, die sie nur flüchtig kannte, über Wohnmöglichkeiten in Langenthal unterhielt, nahm ihr Leben eine überraschende Wende. Diese Mutter war Evelyne Kummer, und die erzählte ihr vom tollen Leben, das sie führe, seit sie mit anderen Alleinerziehenden zusammenwohne. Der Zufall wollte es, dass in ihrem Haus gerade zwei Zimmer frei waren.

Gabriele Nadler zog mit ihren Kindern Mischa und Yannic bei Evelyne Kummer und deren Kindern Andrea, Marco und Dario ein - für Gabriele einer der besten Entscheide ihres Lebens. «Heute lebe ich in einem Haus mit Garten, zahle weniger Miete und arbeite 50 Prozent.» Den neuen Job konnte sie nur annehmen, weil Evelyne über Mittag für die Kinder kocht. Diese ist zu 70 Prozent in einem Treuhandbüro angestellt und kann zu Hause arbeiten. Dafür übernimmt Gabriele das Ruder, wenn Evelyne abends ausgeht. Erziehungsfragen - und davon gibt es bei fünf Teenagern viele - diskutieren die zwei bei einem Glas Rotwein am Küchentisch. «Wenn mich etwas ärgert, können wir das diskutieren, ohne damit eine Flut an Vorwürfen auszulösen, wie es bei vielen Paaren geschieht.»

RTEmagicC_fde4df196c.jpg.jpg

Anzeige

Lebhafte Hausgemeinschaft: Yannic, Mischa, Dario, Gabriele Nadler, Evelyne Kummer, Andrea und Marco (von links)


Emotional und finanziell entlastet
Karin Flückiger aus Reinach hängt ebenfalls nicht dem gängigen Familienideal nach. Die Kindergärtnerin und ihre dreijährige Tochter Katharina wohnen seit Dezember 2006 mit Corina Frei und deren zwölfjähriger Tochter Selina in einer WG. Die 38-Jährige sagt: «Durch die Wohngemeinschaft haben Selina und Katharina nun zwei erwachsene Ansprechpersonen, die sich gut vertragen und häufig da sind.» Zudem entwickelten sie jetzt eine Art Geschwisterbeziehung und lernten, dass ihre Mütter nicht für sie allein da sind. Die zwölfjährige Selina gerät ins Schwärmen, wenn sie über ihre WG spricht. «Ich geniesse es, so zu wohnen - mit zwei Mamas und einer kleinen Schwester.» Auch wenn die «kleine Schwester» manchmal nerve.

Anzeige

Mit einer anderen Mutter die Erziehungsverantwortung zu tragen fand Karin Flückiger nicht immer einfach. Etwa wenn Corinas Tochter Selina von der Schule heimkam und nach den Aufgaben gleich im Zimmer verschwand. «Ich wusste nicht immer, was ich ihr noch an Mithilfe im Haushalt zumuten konnte. Schliesslich kenne ich dieses Alter nicht, meine Tochter ist ja noch klein», sagt sie. Ein «Ämtliplan» löste das Problem. Wenn sie sich während des Mittagsschlafs ihrer Tochter auf ein paar ruhige Minuten gefreut hatte, die ältere WG-Tochter aber just über Mittag spontan Freunde mit nach Hause brachte, war das auch nicht einfach, aber: Ohne Toleranz könne eine Alleinerziehenden-WG eben nicht funktionieren.

Karin Flückiger ist von ihrer Wohnform überzeugt. «Wir wollten eine finanzielle und emotionale Entlastung, und das haben wir erreicht.» Karin arbeitet 50 Prozent als Kindergärtnerin, Corina 60 Prozent als Sekretärin in einer Galerie. Die Pensen sind nicht aufeinander abgestimmt, doch die Frauen betreuen die Kinder abwechselnd, sooft es geht. Abendliches Ausgehen, Abendkurse oder Sport lassen sich ohne wochenlanges Vorausplanen und schmerzliche Babysitterhonorare organisieren - für die meisten Alleinerziehenden Wunschdenken.

Anzeige

Ein seltenes Phänomen
Die WG-Mütter aus Langenthal und Reinach finden ihr Wohnmodell ideal. Da stellt sich die Frage, warum es nicht mehr Einelterngemeinschaften gibt. Der Schweizerische Verband alleinerziehender Mütter und Väter weiss auch von keinem Projekt, welches das Zusammenwohnen von Einelternfamilien fördert. Selber kommt der Verband kaum mit dem Thema in Berührung. Zwar gehen ab und zu Mails ein, die Suche nach einer Wohnpartnerin betreffend. Eine spezielle Plattform besteht jedoch nicht.

Evelyne Kummer aus Langenthal vermutet: «Die Schweizer wollen vielleicht lieber für sich leben. Es kann aber sehr hart sein, die eigenen vier Wände allein finanzieren zu müssen auf Kosten von Freizeit und Zeit mit den Kindern.» Eines steht jedenfalls fest: Andrea, die Tochter von Evelyne Kummer,findet das WG-Leben toll. Sie sagt: «Später möchte ich auch in dieser Wohnform eine Familie haben.»

Anzeige