Der Fall«Vertrau mir, Sweetheart»

Sie hält es für die grosse Liebe – er hat es nur auf ihr Geld abgesehen. Bild: Andreas Gefe

Eine Frau sehnt sich nach Liebe. Im Internet lernt sie einen Mann kennen, verliebt sich. Er bringt sie um ihre gesamten Ersparnisse.

von Nicole Krättli

Sie sehnt sich nach Zuneigung und Zärtlichkeit. Sie wünscht sich seit Jahren eine liebevolle Beziehung mit einem Mann. Da erzählt ihr eine Kollegin, sie habe sich in eine Online-Bekanntschaft verliebt. Und so meldet sich die 60-jährige Marianne Müller* bei einer Partnervermittlungsplattform an. «Ich machte mir keine grossen Hoffnungen. Aber der Wunsch, geliebt zu werden, war zu stark.»

Und dann schreibt ihr Allen Paul, 58, Architekt aus Ohio. Die Frau des schweizerisch-amerikanischen Doppelbürgers starb vor fünf Jahren; «dennoch glaube ich noch an die wahre Liebe und wünsche mir eine Frau, der ich mein Herz schenken und mit der ich gemeinsam alt werden kann.»

«Seine Offenheit gefiel mir»

Noch bevor Marianne Müller am Morgen zur Arbeit fährt, antwortet sie: «Auch ich möchte mich neu verlieben, weiss aber, dass das nicht so einfach ist, weil doch vieles stimmen muss.» Wenige Stunden später schreibt Allen zurück, schickt ihr drei Bilder, die ihn in seiner Stube zeigen, während Ferien in Kalifornien und mit Tochter Kimberly. Marianne Müller gefällt, was sie sieht: «Er hatte eine warmherzige und vertrauenerweckende Ausstrahlung.»

Durch den Austausch von drei bis vier E-Mails täglich lernen sie sich kennen. Sie erzählt von ihrem Job als Sozialarbeiterin, dass sie nur noch Teilzeit arbeitet, um mehr Zeit für die wichtigen Dinge zu haben. Er berichtet von seiner Kaderstelle bei der Baufirma McFred, dem Angebot, Europa-Verantwortlicher zu werden – und davon, dass er künftig im Elternhaus in der Schweiz leben wolle. «Allen erzählte gerne von sich, seinem Leben, seinen Wünschen und Hoffnungen. Er sandte mir Bilder von sich, den Link zur Website seiner Firma, und sogar die Todestage seiner Eltern erwähnte er. Diese Offenheit gefiel mir.»

«Noch nie hat ein Mann so schöne Dinge zu mir gesagt. Er hat mein Herz berührt.»

Marianne Müller, Betrugsopfer

Sieben Tage nach der ersten Nachricht erreicht Marianne Müller spätabends diese Mail: «Meine Liebe. Jeden Tag wünschte ich, du wärst hier bei mir. Jede Nacht liege ich im Bett, träume von dir. Mit dir möchte ich den Rest meines Lebens verbringen. Dir gehört mein Herz.» Von da an überschüttet er sie täglich mit Liebesbekenntnissen. Die alleinstehende Frau kann ihr Glück kaum fassen: «Noch nie hat ein Mann so schöne Dinge zu mir gesagt. Er hat mein Herz berührt. Ich habe jahrzehntelang auf jemanden gewartet, der eine Seelenverbindung eingehen will. Nun hatte ich ihn endlich gefunden.»

Sie planen gemeinsame Ferien in der Schweiz, um sich auch persönlich kennenzulernen. Bevor es so weit ist, muss der Architekt aber noch ein Bauprojekt in Istanbul zu Ende bringen. Um diese einsame Zeit zu überstehen, wollen sie telefonieren. «Er hatte eine sehr schöne, warme Stimme. Alles war plötzlich so real», erinnert sich Marianne Müller.

Vier Tage nach der ersten Liebeserklärung meldet sich Allen aus Istanbul. Er werde heute die Baustelle überprüfen und die Arbeiter bezahlen. Das Projekt laufe gut, bald werde er zu ihr in die Schweiz fliegen können.

Die Sache mit dem Raubüberfall

Doch dann kommt alles anders: «Sweetheart, etwas Schreckliches ist passiert. Ich wurde von einer Gruppe Räuber attackiert. Sie haben alles geklaut. Die Identitätskarte, meine Bankkarten, den Rosenkranz, den mir meine verstorbene Frau auf den 50. Geburtstag geschenkt hat, dein Foto, das ich in der Brieftasche aufbewahrt habe. Und den Lohn der Arbeiter, den ich heute ausbezahlen wollte.» Marianne Müller ist schockiert: «Mein Herz. Es tut mir so weh, dass dir das passiert ist. Das hast du nicht verdient.»

Allen kann nicht schlafen, ihn beschäftigen die unbezahlten Löhne seiner Arbeiter. 20'000 Euro – einfach weg. Doch er sei nicht allein, schreibt er seiner Geliebten. Sein Freund Kevin werde mit 14'000 Euro aushelfen, und auch Tochter Kimberly unterstütze ihn. «Sweetheart, mir fehlen nur noch 3000 Euro. Ich hoffe, du kannst mir helfen. Ich muss dieses Problem lösen, damit ich endlich zu dir fliegen kann.»

Mitten in der Nacht antwortet die 60-Jährige: «Natürlich kann ich dir helfen. Am Montag werde ich das Geld überweisen. Ich bin bei dir, Darling. Du bist in dieser gefährlichen Welt nicht allein. Kuss, Marianne.»

«Danke, dass du mich rettest»

Weil Allen keine Bankkarten mehr hat, soll Müller das Geld aufs Konto eines türkischen Freundes überweisen. «Vielen Dank für deine Hilfe, Sweetheart. Sobald ich bei dir bin, werde ich dir das Geld sofort zurückgeben. Versprochen. Ich zähle die Tage, bis wir uns sehen. In Liebe, Allen.»

Vier Tage später: ein neues Problem. Für das Haus wurde falsche Farbe geliefert. 30'000 Euro fehlen. Allen fragt Marianne, ob sie aushelfen könne. Dann schreibt er: «Danke, dass du mich rettest. Danke, dass du mein Projekt rettest. Danke, dass du meine Karriere rettest.»

Zwei Tage später kündet Allen an, dass die Behörden heute sein Gebäude zertifizieren. Doch dann meldet er: «Sweetheart, die Zertifizierung kostet 45'000 Euro. Ich hoffe, das ist nicht zu viel für dich. Ich werde dir alles zurückzahlen. Ich kann es nicht erwarten, dich endlich zu treffen.»

«Ich hoffe, 45'000 Euro sind nicht zu viel für dich, Sweetheart.»

Allan Paul, Betrüger

Allmählich wird Marianne Müller nervös. Sie hat Allen mittlerweile über 30'000 Euro überwiesen, nun sollen 45'000 dazukommen? Was, wenn er das Geld nicht zurückzahlen kann? Doch just in diesem Moment gibt Allen ihr seine E-Banking-Zugangsdaten. «Das empfand ich als grossen Vertrauensbeweis, schliesslich hatte er mich noch nie gesehen.» Die quirlig-bunte E-Banking-Seite der Equity Bank zeigte Ersparnisse von beinahe 13 Millionen Pfund auf Allens Konto.

Marianne Müller überweist 45'000 Euro auf das Konto des türkischen Kollegen. Und schreibt an Allen: «Darling, meine Bank hat mich gewarnt, so viel Geld an ein Konto zu überweisen, das nicht mal unter deinem Namen läuft. Was denkst du darüber?» Er antwortet: «Sweetheart. Vertrau mir. Ich bin ehrlich zu dir. Das war ich immer. Aber nun schäme ich mich, weil ich so offen war, dir Dinge erzählt habe, die ich kaum jemandem anvertraue, und du mir nun so etwas unterstellt. Du solltest an mich glauben, nicht an mir zweifeln.»

Niemand darf davon erfahren

Zwei Wochen später ist das Haus noch immer nicht fertig. Es gibt noch weitere Probleme. Diesmal will Allen 50'000 Euro, um Mängel zu beheben. Marianne Müller kann nicht mehr. Sie ist ausgeschossen. Sie hat fast ihre gesamten Ersparnisse überwiesen.

«Ich will dich nicht mit meinen Problemen belästigen. Deshalb schlage ich vor, dass du mir 30'000 Euro schickst. Ich werde mir überlegen, wie ich den Rest auftreibe.» Müller überweist ihr letztes Geld. Nun sind CHF 120'000, über viele Jahre mühsam zusammengespart, einfach weg. Und Allen begreift allmählich, dass bei seinem Sweetheart nichts mehr zu holen ist. Er verspricht, morgen, übermorgen, am Wochenende, in zwei Wochen zu ihr nach Zürich zu fliegen.

Marianne Müller wird erstmals misstrauisch. Sie fragt eine Bekannte, ob sie schon mal etwas von Internetbetrug gehört habe. «Marianne, bitte sag mir, dass du nicht einem Mann Geld überwiesen hast?», fragt die Kollegin energisch. Müller antwortet: «Natürlich nicht. Das würde ich nie tun.» In diesem Moment realisiert sie, dass sie nie jemandem erzählen darf, was sie getan hat. «Niemand würde es verstehen. Jeder würde mich verurteilen. Das ist das Letzte, was ich jetzt brauche.»

Die Liebesbezeugungen sind kopiert

Die Bekannte gibt ihr trotzdem einen Link zu einer Informationsseite über Internet-Scamming. «Als ich las, was da stand, fuhr ein Blitz durch mich. ‹Häufig geben sich die Männer als Ärzte, Manager oder Architekten aus, sie sprechen von wahrer Liebe, fordern aber schon nach kurzer Zeit Geld.› Da wusste ich: Ich wurde in jeder Beziehung betrogen und ausgenutzt.»

Allen Paul gibt es nicht. Wenn man sein Porträtbild googelt, findet man unzählige Profile mit demselben Bild. Auf einer Online-Dating-Site nennt sich der Mann mit graumeliertem Haar, schwarzem Anzug und adretter Krawatte Jake B. Auf Linkedin ist er entweder David aus London oder Jim aus Texas. Auf einer Betrugspräventionsseite wird er als Michael W. oder Pedro H. angeprangert. Allens Liebeserklärungen sind grösstenteils aus Online-Foren kopiert, in denen Betroffene Texte von Betrügern veröffentlicht haben. Einige stammen zudem aus dem Buch «Love, Sex and the Internet», in dem Autorin Romy Forest erzählt, wie sie von einem Internetbetrüger um jeden Cent gebracht wurde.

Allen Pauls E-Banking-Website mit 13 Millionen Pfund: gefälscht. Das Logo wurde einer kenianischen Bank gestohlen, die Website ist in Nigeria registriert. Die Website von Allens Baufirma McFred ist eigentlich die einer Firma in London. Die Betrüger haben die ganze Site kopiert und lediglich Firmenname und Logo ersetzt. Und sicher nicht zufällig heisst Allen Paul fast gleich wie der millionenschwere Microsoft-Mitbegründer Paul Allen.

«Ich will nicht bitter werden. Ich will kämpfen.»

Marianne Müller, Betrugsopfer

Marianne Müller schickt eine letzte Nachricht an Allen: «Wie konntest du mich so betrügen? Jahrzehntelang habe ich mir einen liebevollen, intelligenten, zärtlichen Lebensbegleiter gewünscht. Ich habe alle Zweifel und Bedenken verworfen, weil ich dir vertraut habe, weil ich in dich verliebt war, weil ich mir jahrelang nichts sehnlicher gewünscht habe, als die Person zu finden, die du zu sein vorgabst. Trotz allem, was du mir angetan hast, werde ich weiterhin an die Liebe glauben. Ich will nicht bitter werden. Ich will kämpfen. Für mich, meine Würde, meine Seele, mein Herz, meinen Verstand. Marianne.»

Die Nachricht kommt nie an. Die E-Mail-Adresse allenp365@gmail.com existiert nicht mehr.

*Name geändert

Veröffentlicht am 2015 M09 15