Junges, wildes Mädel sucht stilvollen Mann. Wir fliegen mit dem Privatjet ­gemeinsam an exotische Orte, lassen uns verwöhnen und essen in den besten Restaurants. Ich bringe dir in verschiedenen Bereichen deines Lebens viel Freude. Dafür erhalte ich hie und da teure Geschenke und kleine Sackgelder.»

Das junge, wilde Mädel, das in einem elektronischen Inserat für sich wirbt, gibt es seit zwei Jahren. Erschaffen wurde es von einer Frau, die ihren richtigen Namen nicht preisgeben will: Linda Lehmann* ist eine Kunstfigur mit kurzem, schwarzem Kleid, grauen Riemchensan­dalen, camelfarbenem Trenchcoat und gros­ser Gucci-Tasche am Arm. «In mir ­stecken zwei Personen. Eine davon ist Linda. Nur um sie soll es hier gehen», sagt die 24-Jährige.

«Beidseitig profitable Beziehungen»

Es ist kurz vor neun Uhr abends, der letzte noch freie Termin im Kalender der Flight-Attendant. Morgen wird sie in die Ver­einigten Arabischen Emirate fliegen. Yasir*, der Cousin eines Scheichs, Ingenieur, schwerreich und verheiratet, hat Linda ein First-Class-Ticket spendiert, das sie in sein Strandhaus in Dubai befördern soll. Für vier Tage wird sie in eine Märchenwelt von 1001 Nacht entführt. Eine Welt, die der ­St. Galler Flugbegleiterin mit kaufmännischer Grund­bildung und durchschnittlichem Einkommen sonst verwehrt bliebe.

Kennengelernt hat sie Yasir über die Website Seeking Arrangement. Ein Marktplatz, auf dem Vermögen, Jugend und Schönheit gehandelt werden. Ein Treffpunkt, wo Männer mit dicken Bäuchen und noch dickeren Brieftaschen «Sugardaddy» heissen und Frauen sich zu «Sugarbabes» aufpolieren. Eine Tauschbörse, in der sich der Marktwert der User knallhart beziffern lässt. Die Währung wird mit dem unschuldigen Wort «Erwartungen» umschrieben. Den Preis verschleiern nebu­löse Begriffe wie «minimal», «praktisch», «moderat», «substanziell» oder «hoch»; nur wer auf den Fragezeichen-Button klickt, entdeckt, dass sich hinter diesen Code­wörtern Summen von 1000 bis 10'000 US-­Dollar pro Monat verbergen.

Ein Schelm, wer Böses denkt und das Ganze einfach als virtuelles Bordell abtut. Seeking-Arrangement-Gründer Brandon Wade verwahrt sich gegen diesen Verdacht und spricht konsequent von «beidseitig pro­fitablen Beziehungen». Die Betreiber der amerikanischen Plattform sind sichtlich bemüht, sich von dem anrüchigen – und ­in den USA illegalen – Treiben in ­Rotlichtmilieus abzugrenzen. So erklären sie ­ausführlich, dass es sich bei einem ­Sugardaddy um ­einen erfolgreichen und ­grosszügigen Mann handle, der bereit sei, einer jungen, attraktiven Person einen ­bestimmten ­Lifestyle ­zu ermöglichen. Alles für ein wenig Freundschaft als Gegen-leistung.

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Sugarbabes könnten im Gegensatz zu Prostituierten bei der Wahl ihrer Daddys wählerisch sein, heisst es weiter. Der ­«Sugar-Lifestyle» sei im Übrigen kein Beruf. Denn während Prostituierte für einen bestimmten Service bezahlt würden, sei das Geld bei Sugar-Beziehungen lediglich ein weiteres Plus. Offenbar aber ein so ­relevantes, dass sich im Ratgeber-Blog der Plattform zahlreiche Posts mit der Frage beschäftigen, wie sich mehr süsses Geld aus den Daddys quetschen lasse.

Die Rechnung geht auf. Zumindest für den Betreiber der Website. Eine Mitgliedschaft auf Seeking Arrangement kostet für Männer 70 Dollar monatlich. Wer sein ­Profil mit einer Diamond-Mitgliedschaft besonders prominent platziert haben möchte, bezahlt über 200 Dollar. Sugar­babes indes sind bereits mit 30 Dollar ­monatlich dabei. Und Studentinnen dürfen sich sogar kostenlos anbieten.

In der Schweiz zählt die Dating-Plattform mittlerweile über 8600 User, weltweit sind es rund 3,6 Millionen. Auf einen Mann kommen hierzulande vier Frauen. Die ­Sugardaddys sind im Durchschnitt 44 Jahre alt, verdienen jährlich 266'000 Franken und bezahlen rund 3400 Franken pro Monat für ihr Sugarbabe. Die Frauen sind durchschnittlich 23 Jahre alt, meist Studentinnen und – zumindest auf den Fotos – bildhübsch.

Es sind Frauen wie Natascha*, die aussieht wie eine Miss-Schweiz-Kandidatin, die sich Weltfrieden wünscht, und im kuschligen beigen Wollpullover ebenso ­sexy wirkt wie im kleinen Schwarzen. Die 23-Jährige hat laut eigenen Angaben einen Bachelorabschluss und ­arbeitet als Coiffeuse. Sie mag Gedichte, romantische Spaziergänge und sucht einen Mann, der sie gut behandelt und ihr mit ­einer substanziellen Summe den Lifestyle ermöglicht, den sie im Alltag vermisst. Oder Denise* aus Schlieren: blondiert, überschminkt, mit Schlauchbootlippen und rechteckigen Kunstnägeln. Sie «hinterlässt unvergess­liche Momente», hat dafür aber auch ­«hohe Erwartungen». Im Klartext: Wer ­Denise will, muss 10'000 Franken pro ­Monat hinblättern.

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Sugarbabe für «unvergessliche Momente»

Es gibt auch Frauen, die aus dem Raster fallen, die dem Bild «jung, sexy, willig» nicht entsprechen. Sie haben allerdings auch einen anderen Preis. Etwa die 42-­jährige Martina* aus Wetzikon, kaufmännische Angestellte mit haselnuss­braunen Augen. Sie will eine schöne Zeit mit einem Mann geniessen und begnügt sich mit 1000 bis 3000 Franken monatlich. Oder die 28-jährige Aargauerin Maria*, die ein paar Extrapfunde auf den Hüften hat und mit sich über ihren Preis verhandeln lässt. Oder die 62-jährige Emilia* aus Bern: blond, blaue Augen, schlank, geschieden, kinderlos. Sie sucht einen Gentleman. Preis verhandelbar.

«Natürlich spielt Sex eine Rolle, wie in jeder anderen Beziehung auch. Ich lasse mich aber nicht für Sex bezahlen», sagt Flight-Attendant Linda Lehmann. Die Konditionen bestimmt sie selbst. Sie sagt, wer, wo, wann. «Will ich an einem ­Wochenende zu Hause bleiben und in meinem Garten malen oder schreiben, bin ich niemandem Rechenschaft schuldig», sagt sie. «Ich bin zu jung, um mich zu binden. Ich bin nicht bereit, mich in einer Wohnung zu parkieren, mit einem Volvo in der Garage und ­einem Hund. Ich will mit 80 zurück­schauen und sagen können, dass ich ­immer genau das getan habe, wonach mir der Sinn stand.» Und das tut sie auch: ­Linda hat neben dem Scheichscousin Yasir noch zwei weitere Sugar­daddys, ­einen Schweizer Investment­banker und ­einen deutschen Zahnarzt.

Ein Sugardaddy fürs Dolce Vita

Die Sugardaddys spendieren luxuriöse Hotels, gutes Essen, Champagner im Überfluss und Reisen nach New York, London, Brüssel, Paris, Abu Dhabi – manchmal in Privatjets, selten in der Holzklasse. Obwohl Linda nicht gern einkaufen geht, statten die Männer sie mit teuren Schuhen, kurzen Röcken und provokativer Unterwäsche aus. «Sie schenken einem etwas, was man dann anziehen muss. Ihnen gefällt die Vorstellung, mich zu beherrschen; die Idee, dass sie alles mit mir machen dürfen, weil sie mich bezahlen. Darin liegt der Reiz. Mir gefällt das. Ich mag es, in diese Rolle zu schlüpfen», sagt Linda. One-Night-Stands sind keine Alternative: «Viel zu unpersönlich. Ich will respektiert werden. Ich will Beziehungen ohne Verpflichtungen und ohne Monogamie. Wenn ich dann noch ein paar Goodies bekomme, warum nicht?»

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Dass es sich bei Sugardaddys meist um ältere Männer handelt, schreckt Linda nicht ab. Im Gegenteil: «Ich mag ­ältere Männer, sie sind charmant, nehmen einem im Restaurant den Mantel ab, ­wissen sich zu artikulieren. Mir gefallen ­ihre grau­melierten Haare, ihre Falten, ihre ­lampigen Hodensäcke. Und sie können viel besser mit der weiblichen Anatomie um­gehen. Sie akzeptieren, dass eine Frau ­Cellulite, Schambehaarung und ihre Tage hat. Junge Männer hingegen sind in dieser merk­würdigen Pornoblase gefangen, haben ein völlig verzerrtes Bild von uns ­Frauen.»

Skrupel hatte Linda nur anfänglich: «Noch heute redet man jungen Frauen ein, sie dürften ihre Sexualität nicht so leben, wie sie das gern möchten.» Doch nach ­einigen Wochen des Zweifelns sprang sie über ihren Schatten und schaltete ein Inserat online. «Ich bin die, die ich bin. Was soll daran falsch sein, wenn sich zwei Menschen über diesen Kanal finden, ehrlich sagen, was sie erwarten, und ihre gemeinsame Zeit geniessen?», fragt Linda.

Beziehung oder Prostitution?

«Nichts», sagt die «Blick»-Sexberaterin und Beobachter-Autorin Caroline Fux. «Es ist keine besonders ­schöne, aber eine ehrliche Art des Datings. Beide Parteien legen die Karten offen auf den Tisch.» Letztlich ­basiere jede Beziehung auf einem gemeinsamen Deal. Das Pro­blem: Die Vorstellungen davon, was dabei ein akzeptabler Deal ist, gehen weit aus­einander. «Sucht jemand ­einen Partner, um eine Familie zu gründen, finden wir das ­romantisch. Will jemand ­einen vermögenden Partner, um sich einen bestimmten Lebensstandard zu ermög­lichen, empfinden das die meisten als oberflächlich und abstossend», sagt die Psychologin.

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Und so gibt es auch keine klare Antwort auf die Frage, ob der Begriff Sugardaddy-Beziehung ­eine euphemistische Bezeichnung für Pros­titution ist. Denn was würde dieses Urteil für all die Beziehungen bedeuten, die nicht über eine einschlägige Plattform zustande gekommen sind, aber ebenfalls auf oberflächlichen Werten zu basieren scheinen? Sind Hugh Hefners «Playboy»-Häschen ­allesamt Huren? Sind die 14 Ehejahre des Schweizer Promipaars Irina und Walter Beller weniger wert, weil sie 20 Jahre jünger und er um viele Millionen reicher ist? Und was ist mit all den Ehepaaren, bei denen der eine mehr ­verdient als der andere? Was macht eine Beziehung zu einer Beziehung, was Pros­titution zu Prostitution?

«Vielleicht machen solche Dating-Plattformen eine verborgene Grundstruktur von Beziehungen sichtbar», sagt Paartherapeut Klaus Heer. Unentwegt sei von der grossen Liebe die Rede. Tatsächlich aber trieben uns viel profanere Interessen an, wenn wir uns paaren wollten. «Kein Mensch hat Einblick in eine andere Beziehung; niemand weiss, was sie zusammenhält.» Jede ­Beziehung sei letztlich zweck­orientiert, sagt Psychologin Caroline Fux. Selbst wenn dieser Zweck nur darin be­stehe, nicht allein zu sein, geliebt zu ­werden oder eine Familie zu gründen.

Zweckdenken als Triebfeder

«Ich bezahle nicht für Sex», sagt User Rich1, ein Mann Mitte 40, dichtes Haar und tiefblaue Augen. Anfang Jahr hat ­sich der Schwyzer auf der Dating-Plattform ­Mysugardaddy.eu angemeldet, wie 15'000 andere Schweizer auch. «Suche eine junge Dame zum Verwöhnen.» Bei einem Blick auf die übrigen Informationen in seinem Profil wird klar, was für interessierte Sugar­babes relevant ist: Auf Geburtsdatum, Wohnort und Beruf ­folgen Angaben zu Einkommen und Vermögen. Wer das mit Gehaltsnachweis oder Steuererklärung belegt, landet ganz oben in den Suchergebnissen und wird häufiger angeklickt.

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Quelle: Mirko Noser

Zu heiraten und Kinder zu haben, das ist für den Mittvierziger derzeit kein ­Thema, für ­Frauen über 30 dafür umso mehr. «Deshalb sind mir die Jüngeren lieber; mit ihnen ist alles unverbindlicher», findet ­Richard*. Schon bald stiess er auf die 22-jährige ­Sandy aus Köln: «Sie hat mir ­sofort gefallen.» Nach einigen Chat-Unterhaltungen tauschten die beiden ihre Skype-Profil­namen aus. Schliesslich trafen sie sich beim Nobelitaliener in Köln. «Sie war genauso hübsch wie auf den Bildern», schwärmt Rich1. Vier Stunden lang unterhielten sie sich, auch über Geld. Ein kostspieliger Umzug stehe an, berichtete ­Sandy. «Sie will keinen fixen Betrag, nur ­regelmässige finanzielle Zuwendungen. Das war mir sympathisch. Es zeigt mir, dass es ihr nicht nur ums Geld geht.»

Nach dem ersten Treffen gingen beide getrennt nach Hause. Erst beim zweiten Date wurde es intimer. Tags darauf gingen die beiden shoppen, sie bekam eine ­Flasche Chanel No. 5. Bevor Richard alias Rich1 zurück nach Zürich flog, steckte er Sandy ­500 Euro für den anstehenden Umzug zu. Doch die sporadischen Treffen ­allein ­reichen ­Rich1 nicht. Er will mehr von ­seinem Sugarbabe, plant gemeinsame ­Ferien. «Wir kennen uns noch nicht gut, trotzdem ist ­etwas Dauerhaftes nicht ausgeschlossen.»

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Er habe sich kurz überlegt, eine ­nor­male Partnerbörse auszuprobieren, schliesslich hätte er auch da junge Frauen finden können. «Aber auf einer regulären Partnerbörse suchen sich 20-Jährige wohl eher ­jemanden in ihrem Alter, keinen 46-Jährigen», sagt Richard. «Und so kaufe ich mir mit meinem Gehalt zwar keinen Sex, aber das Eintrittsticket, um jüngere Frauen kennenzulernen.» Obwohl Rich1 vom Konzept der Sugardaddy-Dating-Plattform überzeugt ist, kann er sich nicht vorstellen, ­seinen Freunden zu erzählen, wo er seine neue Flamme kennengelernt hat. «Der ­Begriff Sugardaddy suggeriert, dass das Monetäre im Vordergrund steht, dass ­junge Frauen sich von alten Männern aushalten lassen», erklärt Richard. «Aber so ist es nicht. Ich glaube wirklich, dass Sandy ein ehrliches Interesse an mir hat.» Man möchte ihm glauben.

*Name geändert