«Ich habe mich schon zum dritten Mal in einen verheirateten Mann verliebt – und das führt jedes Mal zu einem Riesendrama. Meine beste Freundin sagt mir, ich hätte eben einen Vaterkomplex. Ich kann mir aber nicht genau erklären, was sie damit meint. Ist es wirklich kein Zufall? Bin ich gestört?»

Gestört tönt etwas gar abfällig. Man kann aber tatsächlich von einer Störung Ihres Liebeslebens reden, wenn eine erfüllende Beziehung zu einem freien gleichaltrigen Partner nicht möglich ist. Das Neurotische daran liesse sich so deuten: Wenn Sie versuchen, immer wieder die Liebe eines Mannes zu gewinnen, der bereits eine Frau hat, so könnte das die unbewusste Wiederholung einer Konstellation aus Ihrer Kinderzeit sein. Auch Ihr Vater hatte in Ihrer Mutter bereits eine Frau, und vielleicht kämpften Sie als Mädchen um seine Liebe. Natürlich ging es damals nicht um sexuelle Erfüllung, sondern um Emotionales: Beachtung, Zuwendung, Interesse, Anerkennung – oder einfach ums «Gernhaben». Wenn Ihnen diese Erklärung nicht nur intellektuell einleuchtet, sondern Sie die tiefe Empfindung entwickeln, dies sei die Wahrheit, wird sich der Wiederholungszwang auflösen.

Vater- oder Mutterkomplex bedeutet, dass man sich nicht altersgemäss von seinen Eltern gelöst hat. Obwohl die Ablösung in der Pubertät ein Hauptthema ist, müssen oft bis über die Lebensmitte hinaus weitere Schritte gemacht werden. Dabei gilt es zu betrauern, was einem gefehlt hat, und zu akzeptieren, dass das heute nicht mehr gutzumachen ist. Ein reifer Mensch kann über seine Eltern zum Beispiel Folgendes sagen: «Ich bin dankbar, dass ich meine Kinderzeit und Jugend mit ihnen verbringen durfte. Sie haben getan, was sie konnten, aber sie waren nicht perfekt. Ich liebe meine Eltern, aber ich weiss, dass wir verschieden sind und in verschiedenen Umwelten leben.»

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Weil der Mensch so hilflos auf die Welt kommt, wird sein Seelenleben durch die ersten Bezugspersonen ganz entscheidend geprägt. Beide Elternteile sind für das Kind äusserst wichtig, und es ist bedauerlich, dass wir in einer beinahe vaterlosen Gesellschaft leben. Die meisten Kinder werden hauptsächlich von der Mutter aufgezogen, weil die Väter berufsbedingt den ganzen Tag abwesend sind.

Der Beziehung zur Mutter verdanken wir in erster Linie unser Urvertrauen – das Gefühl, dass wir uns in Sicherheit befinden. Laut Verena Kast vermittelt die Mutter auch eine positive Einstellung zu den leiblichen Bedürfnissen: eine selbstverständliche Freude am Körper, an der Vitalität, am Essen, an der Sexualität und an Gefühlen. Wie wichtig aber vor allem für die Entwicklung eines starken Selbstvertrauens die Zuwendung des Vaters zur Tochter wäre, hat Julia Onken im Buch «Vatermänner» eindrücklich beschrieben.

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Selbstverständlich leiden auch viele Männer daran, dass sie den Vater nie richtig spüren konnten. Sie arbeiten sich dann als Erwachsene fast zu Tode auf der Suche nach der Anerkennung, die ihnen versagt blieb, als sie noch klein waren. Wer also an einem Elternkomplex leidet, muss Trauerarbeit leisten.

Und wir alle sollten darauf achten, dass wir die Liebe kleiner Kinder nicht nur erkennen und geniessen, sondern auch beantworten.