Das ist verständlich. Denn es geht in Ihren Beispielen nicht um die (belanglose) Sache, sondern um die Macht. Wer ist oben und wer unten? Verlieren Sie jeden Machtkampf, sind Sie natürlich frustriert und werden wütend. Das ginge wohl jedem so. Sprechen Sie also Ihrem Mann gegenüber das Kernthema an und beharren Sie darauf, dass Lösungen gefunden werden, in denen sich keiner von Ihnen beiden als Verlierer fühlen muss. Aus psychologischer Sicht strebt nach Macht, wer sich nicht verstanden, nicht respektiert oder nicht geliebt fühlt. So liegt die Lösung von Machtproblemen also in gegenseitigem Verständnis und Respekt. Auf dieser Grundlage lassen sich fast alle Meinungsverschiedenheiten und Interessengegensätze konstruktiv bewältigen.

Der Mensch ist sich Selbst der Nächste
Die Konfliktforschung hat anderseits entdeckt, dass sich mit zunehmender Eskalation die Wahrnehmung rapide verschlechtert. Das heisst, es wird nur noch die eigene Seite – und zwar sehr eng – gesehen, und die Unfähigkeit, die andere Partei zu verstehen, wird immer grösser. Es ist also äusserst schwierig, in einer akuten Krise noch Verständnis aufzubringen und die Wirklichkeit klar wahrzunehmen. In Partnerschaften müssen deshalb zuerst alte Kränkungen und Verletzungen benannt und gegenseitig verziehen werden. Wer nämlich jahrelang Machtkämpfe verloren hat, ist oft voller Rachegefühle und will dem anderen nur noch wehtun.

Grundsätzlich sucht niemand Streit. Eigentlich wünschen sich alle Menschen Frieden und Harmonie. Trotzdem müssen wir als normal akzeptieren, dass zu allen zwischenmenschlichen Beziehungen Konflikte gehören. Der Mensch ist eben gleichzeitig sozial und asozial: Er besitzt wie alle Lebewesen einen starken Selbsterhaltungstrieb, das heisst, er ist vorerst einmal sich selbst der Nächste. Und so, wie er – um sich zu ernähren – Pflanzen zerstören oder Tiere töten muss, verdrängt er auch andere, um seinen Lebensraum zu sichern, und nimmt anderen unter Umständen etwas weg, um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

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Verstärkt auf die Friedensfähigkeit setzen
Der Selbsterhaltungstrieb gibt unserem Wesen eine rücksichtslose Komponente. Logisch, dass sich dabei andere Menschen gestört, verletzt oder ausgenützt fühlen können. Wenn sie dagegen protestieren, ist der Konflikt da. Zum Glück ist der Mensch aber auch von Grund auf ein soziales Wesen. Unsere Sexualität im weitesten Sinn, also auch unser Bedürfnis nach Liebe, steht im Gegensatz zum rücksichtslosen Egoismus. Ausserdem haben wir alle als hilflose Säuglinge erfahren, wie lebenswichtig andere Menschen sind.

Dieser soziale Wesenszug ist Grundlage für unsere Fähigkeit, Konflikte zu lösen und Frieden zu machen. Statt in einer Zeit zunehmender Gewalt, in der wir heute leben, nur mit Gegengewalt, Repression und verschärften Kontrollen zu reagieren, sollten wir deshalb vermehrt auf unsere Friedensfähigkeit setzen. Dabei ist nicht nur jeder Einzelne in seinem Lebensumfeld gefordert, wir brauchen auch mehr wissenschaftliche Konflikt- oder Friedensforschung.

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