Ein Klick auf die grüne Telefontaste, ein schrilles Klingeln, ein saugendes Geräusch – innerhalb von Sekunden schrumpft ein ganzer Ozean, und auf dem Bildschirm erscheint das vertraute Gesicht. Für eine Fernbeziehung brauchts vor allem eins: eine Internetverbindung mit 300 Kilobit pro Sekunde. Die Zeit der glühenden Telefondrähte ist vorbei. Tägliche Begegnungen zwischen Zürich und New York, Basel und Hongkong, St. Gallen und Sydney sind dank Videotelefonie nichts Besonderes mehr.

Fernbeziehungen sind kein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Früher waren es vor allem Soldaten, Seefahrer oder Handelsleute, die ihre Frauen zu Hause zurück­lassen mussten. Heute kann es fast alle treffen. Jobbedingte Migration zwingt viele Paare, einen Spagat zwischen Beruf und Privatleben zu vollführen. In der Schweiz lebt beinahe jedes zehnte Paar nicht unter einem Dach. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung nennt gar 13,4 Prozent, die «entfernt zusammen leben».

Was diese Paare verbindet: Sie alle müssen Strategien entwickeln, um die einsame wie auch die gemeinsame Zeit möglichst bewusst zu gestalten. Der deutsche Paartherapeut Peter Wendl, ein Fachmann für Fernbeziehungen, warnt vor allem vor der Gefahr des Immergleichen: «Die Rou­tine kann sich auch bei einer Fernbeziehung einschleichen, wenn die regelmässigen Trennungen immer nach demselben Muster ablaufen.» Ebenfalls kritisch sei es, wenn Paare während ihrer Treffen versuchten, kritische Themen zu vermeiden, um die Harmonie nicht zu gefährden.

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Jetzt gibts sogar eine Knutschmaschine

Die neuen Technologien haben die Liebe auf Distanz erträglicher gemacht. Mit Whatsapp lässt sich schon tagsüber gratis chatten, mit Viber auf dem Nachhauseweg kostenfrei telefonieren und mit Skype neben der Kochplatte gemeinsam allein ein Abendessen zubereiten. Der Tablet-Com­puter auf dem Esstisch, auf dem Sofa, neben der Badewanne oder auf dem Bett kann aus 3000 Kilometern schnell 30 Zen­timeter machen. Ausgiebig können Paare sämtliche Details aus dem Alltag austauschen, ohne dafür wochenlang auf einen Brief warten oder sich über die schwindel­erregende Gebührenanzeige für ein Ferngespräch Gedanken machen zu müssen.

Dank einer Knutschmaschine ist sogar virtuelles Küssen möglich. Der eiförmige Apparat «Kissenger» tastet mittels Sensoren Druck und Vibration einer Lippenbewegung ab. Berühren die Lippen zweier Liebender gleichzeitig das Gerät, wird diese Bewegung durch elektrische Impulse in Echtzeit übertragen. Die Illusion der Anwesenheit lässt virtuelle und reale Welt fast verschmelzen. Aber eben nur fast.

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Macht Distanz die Liebe intensiver?

Am meisten spürbar ist die Distanz wohl bei der Blickrichtung. Da sich die Computerkamera meist am oberen Bildschirmrand befindet, fällt der Blick stets nach unten – auf den Bildschirm, auf das Gesicht des Gegenübers. Sich direkt in die Augen zu schauen ist mit Skype nicht möglich. Hinzu kommt das ständige «Hallo?», «Haaaaallo?», «Hörst du mich noch?», «Du bist völlig verpixelt!». Sobald das Gerät ausgeschaltet ist, klafft wieder das schwarze Bildschirmloch. Und so bleibt doch nur das ständige Warten auf das nächste Treffen. Das ewige Zählen von Tagen und Stunden, bis man ihn oder sie wieder in die Arme schliessen kann.

Doch trotz schwierigen Bedingungen können Paare in Fernbeziehungen häufig sogar eine intensivere Nähe aufbauen. Das haben chinesische und US-Forscher kürzlich in einer Studie gezeigt. «Fern­beziehungspaare versuchen stärker, ihre Zuneigung und Intimität zu kommunizieren», sagt Li Crystal Jiang von der City University in Hongkong. Die Forscher erklären das damit, dass Paare in einer Fernbeziehung sich stärker anstrengten, die Beschränkungen der elektronischen Medien zu überwinden.

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10 Tipps: So kann die Fernbeziehung klappen

  1. Kommunikation ist alles
    Tauschen Sie sich aus über Gedanken, Gefühle, Erwartungen und Befürchtungen. Nur so können Sie wissen, «wer» beim Wiedersehen vor Ihnen steht.
  2. Rituale pflegen
    Rituale schweissen zusammen und lassen einen Durststrecken besser über­stehen. Ein gemeinsamer Spaziergang beim Wiedersehen schafft Raum fürs Aneinandergewöhnen. Kultivieren Sie Ihre eigene Art des Abschieds. 
  3. Zeit für Spontaneität
    Überfrachten Sie die gemeinsame Zeit nicht mit Erwartungen und Plänen. Lassen Sie Raum für Erholung und Überraschendes.
  4. Getrennt ein Team sein
    Sie gehören zusammen – in der gemeinsamen wie in der getrennten Zeit. Zeigen Sie das der Partnerin/dem Partner mit kleinen Zeichen.
  5. Keine Angst vor Spannungen
    Streit ist normal, wenn er nicht ver­letzend ist. Und: Auch Nahbeziehungspaare streiten.
  6. Auf sich selbst achten
    Kultivieren Sie einen erfüllenden Alltag allein. Wer zu sehr auf den Partner/die Partnerin wartet, wird irgendwann erschöpft sein.
  7. Das Positive sehen
    Fernbeziehungen lassen mehr Raum für berufliche Verwirk­lichung, Hobby, Weiter­bildung, soziales Ehrenamt und so weiter.
  8. Den Partner nicht verschonen
    Konflikte, Befürchtungen, Ängste, Unerfreu­liches sollte man nicht verschweigen. Denn auf Dauer entfremdet das die Partner.
  9. Vertrauen ist unerlässlich
    Vertrauen ist unverzichtbar in der Fern­beziehung. Lassen Sie Ihren Partner/Ihre Partnerin spüren, dass auf Sie Verlass ist.
  10. Perspektiven schaffen
    Tauschen Sie sich immer wieder neu aus über Zukunftsvorstellungen, Hoff­nungen und Träume. Und klären Sie aufrichtig, warum und wie lange Sie die Fernbeziehung überhaupt führen wollen oder müssen.


Quelle: Peter Wendl: «Gelingende Fern-Beziehung. Entfernt – zusammen – wachsen»; Herder-Verlag, 2013, 144 Seiten, CHF 19.90

Giorgia Daskalopoulou und Patrick Wirz: «Wir haben uns mal für eine Woche getrennt»

Eigentlich wollten Giorgia Daskalopoulou und Patrick Wirz keine Fernbeziehung. Doch dann gab es diese Dating-Plattform, die netten E-Mails, die ersten Treffen, die langen Gespräche, und schon waren sie mittendrin. Es sind nur 120 Kilometer, die sie trennen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln dauert es allerdings 2,5 Stunden von Luzern ins thurgauische Berlingen. Ein gemein­samer Alltag ist kaum möglich.

Jedes Wochenende heisst es: einsteigen und losfahren nach Luzern, Berlingen oder auch mal Winterthur oder Kon­stanz. «Das war nicht immer einfach. Wir mussten auch schwierige Phasen überstehen, haben uns sogar mal für eine Woche getrennt, aber schnell gemerkt, dass wir das nicht wollen», sagt die 28-jährige Griechin, die in Berlin aufwuchs und in Luzern wohnt. Inzwischen sehen sie sich fast jeden zweiten Tag, zudem wird gemailt und gesimst.

Für die beiden ist es kein Hindernis, dass sie so unterschiedlich sind, keine Hobbys teilen und sich in verschiedenen Arbeitsumfeldern bewegen – das mache das Ganze eher spannend.

Nach zwei Jahren Hin und Her ist nun allerdings ein Ende der Fernbeziehung in Sicht. Im Sommer 2014 ziehen die beiden gemeinsam nach Emmenbrücke.

Quelle: Thinkstock Kollektion
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Carmela Schlegel und Matthew Harivel: «Wir wohnen mal hier, mal da»

«Bring mir ja keinen Aussie nach Hause», scherzte Carmela Schlegels Mutter, bevor die Studentin 2006 für ein Auslandssemester ans andere Ende der Welt reiste. Doch dann war da Matthew. Anfangs waren sie nur Freunde. Er versuchte, ihr Cricketregeln beizubringen, sie sahen sich Rugbyspiele und Pferderennen an, sonnten sich am Strand.

Kurz nach Carmela Schlegels Heimkehr wurde den beiden klar, dass da mehr war. Daran änderten auch die 16'000 Kilometer Distanz nichts. «Wir wussten nicht, wie, wir wussten nur, dass wir zusammen sein wollen», erklärt Matthew Harivel, 30. Drei Jahre lang versuchten sie, sich regelmässig auf dem einen oder anderen Kontinent zu treffen. Das erforderte nicht nur plane­rische Höchstleistungen, sondern ging auch mächtig ins Geld.

Dann entschloss sich der Australier, in die Schweiz zu kommen. Schon nach zwei Jahren musste er für sein Studium aber zurück nach Down Under. Schlegel, 30, folgte ihm. «Wir versuchen, beiden gerecht zu werden, wohnen mal hier und mal dort. Es braucht sehr viel Flexibilität und Toleranz», erklärt Harivel. Das Paar lebt auf zwei Kontinenten, hat zwei Freundeskreise, zwei Haushalte. Das klinge wie ein grosses Abenteuer, sei aber auch ziemlich anstrengend. «Zugleich finde ichs reizvoll, mein Leben immer wieder umzukrempeln und einfach zu leben», sagt Carmela Schlegel.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Alexandra Pfefferle und Thomas Irps: «Wir zählen die Tage rückwärts»

«Das Geheimnis besteht darin, den anderen an seinem Leben teilhaben zu lassen», da sind sich Alexandra Pfefferle und Thomas Irps sicher. Mit Schnappschüssen aus dem Alltag, Videobotschaften, SMS, langen Skype­gesprächen, kurzen E-Mails, einfach nur so, um Hallo zu sagen.

«Wenn wir Orte besuchen, an denen wir gern gemeinsam wären, schicken wir uns häufig ein Bild oder eine Nachricht. Das fühlt sich dann fast so an, als würden wir zu zweit etwas Neues entdecken», so der 27-Jährige. Seit über einem Jahr führen die beiden eine Fernbeziehung. Sie lebt in Bern, er in Brighton, im Süden Englands. Kennengelernt haben sie sich, als beide ihren Master in Brighton absolvierten. Thomas Irps war Mit­bewohner von Pfefferles Studien­kollegin. Seither trifft sich das Paar möglichst häufig in England, in der Schweiz oder irgendwo dazwischen.

«Gut ist es, vor dem Abschied ein Datum fürs Wiedersehen festzu­legen», sagt Alexandra Pfefferle. Das mache das Warten einfacher. «Und so können wir die Tage rückwärts zählen.» Endlich wieder zusammen, geniessen sie ihre Zeit doppelt in­tensiv. «Thomas plant immer wieder kleine Überraschungen für mich», freut sich die 25-Jährige.

Eine Fernbeziehung sei dennoch sehr schwierig. «Es sind die kleinen Dinge im Leben, die man gerne mit dem Partner teilen würde. Aufgaben, von denen man sich wünschte, man müsste sie nicht allein bestreiten.»

Quelle: Thinkstock Kollektion
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