Vielleicht ist er gar kein Opfer, sondern es macht ihm Spass. Obwohl ich Ihre Sorgen verstehen kann, muss ich es Ihnen deutlich sagen: Sowohl Ihr Sohn als auch seine Freundin sind erwachsen, und ihre Sexualität geht weder Sie noch mich etwas an. Ich bin mir sicher, dass Sie Ihr Bestes getan haben, Ihren Sohn zu einem mündigen, selbstständigen und lebenstüchtigen Menschen zu erziehen. Deshalb dürfen Sie jetzt darauf vertrauen, dass er seinen Weg finden wird und selbst entscheiden kann, was gut für ihn ist. Das gilt ganz besonders für das Thema Liebe.

Betreuung und Erziehung von Kindern bedeutet, sich allmählich selbst überflüssig zu machen. Schritt für Schritt werden sich die Kinder von einem entfernen, und gute Eltern können sie auch immer mehr loslassen. Es beginnt im Alter von vier Jahren im Trotzalter, die Pubertät bildet oft einen Höhepunkt. Die Wahl eines Liebes-, Sexual- und Lebenspartners ist ein weiteres einschneidendes Erlebnis.

Heute haben die Jungen meist schon als Teenager einen intimen Freund, und viele Eltern haben Mühe damit. Denn oft finden sie, ihre Kinder hätten jemand «Besseren» verdient. Wenn sie Druck ausüben, versuchen, Einfluss zu nehmen oder den Partner oder die Partnerin zu entwerten, wecken sie nur Trotz und Gegendruck und erreichen das Gegenteil des Gewünschten.

Es ist fruchtbarer, zu vertrauen, und oft sinnvoll, sich auch räumlich von dem Kind, das eben keines mehr ist, zu trennen. Vielleicht ist jetzt Ausziehen angesagt. Unabhängig vom Eltern-Kind-Konflikt bleibt aber noch die Frage, ob es in Partnerschaften so etwas wie Hörigkeit gibt. Selbstverständlich fühlt man sich von einer geliebten Person angezogen – und sie fehlt einem, wenn man länger auf Kontakt verzichten muss. Dies ist normal.

Wer seine Bedürfnisse kennt, ist nicht mehr ihr Opfer
Offenbar gibt es aber eine Abhängigkeit, in der sich der Betroffene als Opfer fühlt und unter einem Mangel an Freiheit leidet. Die Rettung besteht darin, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Auch im wörtlichen Sinn: Wer sich und seine Bedürfnisse kennt und zu ihnen stehen und sie ausdrücken kann, ist nicht mehr ihr Opfer, sondern hat seine Handlungen unter Kontrolle. Er kann Sehnsucht ertragen, Triebe aufschieben und weiss, dass er auch auf eigenen Beinen stehen kann. Er geniesst das Zusammensein mit der geliebten Person, ist aber sicher, dass es ihn nicht umbringen würde, wenn er sie verlieren müsste. «Ich brauche dich, weil ich dich liebe», sei das richtige Gefühl, hat der Psychologe Erich Fromm einmal geschrieben – und nicht: «Ich liebe dich, weil ich dich brauche.»

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