Mein Freund kritisiert mich ständig: Ich sei zu muskulös und könne nicht einmal richtig Geschirr waschen. Am Anfang folgte er mir in der Wohnung auf Schritt und Tritt, um zu kontrollieren, was ich tue. Einmal riss er mir den Spiegel aus der Hand und sagte: «Ich bin dein Spiegel und sage dir, wenn etwas nicht gut ist.» Ich erwidere jeweils nichts, oft lache ich nur. Je länger, je mehr fühle ich mich aber unfrei, obwohl ich glaube, ihn zu lieben. Beim Sex stimmt es absolut zwischen uns – es ist spitze, was ich mit ihm erlebe. Aber ich werde aus diesem Mann nicht schlau. Tamara G.

Das Verhalten Ihres Freundes ist aussergewöhnlich. Er hat ein übermässiges Kontrollbedürfnis. In der Regel stecken hinter einem solchen Verhalten grosse Unsicherheit und Ängstlichkeit. Der Betroffene weiss das jedoch nicht, weil er die unangenehmen Gefühle vor langer Zeit verdrängt hat. Um sich sicher zu fühlen, muss Ihr Freund auf Sie herabschauen können und Macht über Sie ausüben.

Dem russischen Revolutionär Lenin wird der Ausspruch zugeschrieben: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.» Ich bin gegenteiliger Meinung: «Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser!» Dass in der modernen Konkurrenzgesellschaft Misstrauen angebracht ist, weil sich viele Menschen nur noch um ihre eigenen Vorteile kümmern, ist bedauerlich. Mir schwebt eine Welt vor, in der man Vertrauen haben kann, in der Solidarität und Mitgefühl wichtigere Werte sind als Sieg und Gewinn. Gegenseitiges Vertrauen ist aber vor allem ein entscheidender Baustein einer Partnerschaft oder Liebesbeziehung. Auch gegenseitige Akzeptanz gehört dazu: dass sich zwei Menschen grundsätzlich gegenseitig annehmen und schätzen können.

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Selbstverständlich gibt es immer wieder Konflikte und Meinungsverschiedenheiten, über die man reden muss, und natürlich hat jeder Partner Eigenschaften und Verhaltensaspekte, die man nicht besonders mag oder die einen gar ärgern. Die wenigsten Leute würden es indes ertragen, so sehr kritisiert und kontrolliert zu werden, wie es Ihnen offenbar geschieht. Vielleicht haben Sie intuitiv erkannt, dass das Verhalten Ihres Freundes nicht Bosheit ist, sondern Ausdruck einer Schwäche. Deshalb können Sie lachen, wenn Sie angegriffen werden. Oder Sie schweigen, weil Sie den Konflikt scheuen. Das ist gefährlich, denn wenn Sie sich zu lange unterdrücken lassen, kann das die Beziehung zerstören.

Ich müsste in einer solchen Situation zumindest deutlich meine Gefühle mitteilen, die ich bei so viel Kritik und Kontrolle empfinde. Das empfehle ich auch Ihnen. Wenn Sie dies in Form von «Ich-Botschaften» tun, ohne Vorwürfe zu machen, werden Sie sich dabei auch nicht in einen unfruchtbaren Machtkampf verstricken. Sagen Sie es also offen und sofort, wenn Sie sich unfrei oder eingeengt fühlen. Erstens ist das gut für Ihre Psychohygiene. Zweitens ist die Chance gross, dass Ihr Partner dann beginnt, selber ein wenig über sein Verhalten nachzudenken und dieses möglicherweise sogar ohne therapeutische Hilfe allmählich ändert. Da Sexualität und Liebe bei Ihnen stimmen, lohnt es sich bestimmt, an dieser Beziehung zu arbeiten.

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