«Ich bin daran, mich in eine Kollegin zu verlieben, und dies bedrückt mich. Als ich mich nämlich vor zwei Jahren verliebte, bekam ich einen Korb. Ich brauchte drei Monate, um dies zu überwinden. Ich bin nicht bereit, nochmals so viel Energie für nichts zu verpuffen. Ich bitte Sie um Rat, weil ich mürrisch und traurig bin, weil mich alles «anscheisst», ich mich geschwächt und gelähmt fühle und keinen Appetit mehr habe.» Carlo S.

Ich kann mich recht gut in Ihre Situation einfühlen. Aber ich halte Ihre Schlussfolgerung, sich von dieser Frau und der möglichen schmerzlichen Erfahrung zu distanzieren, für grundfalsch. Ihre unproduktive Laune, Ihre Appetitlosigkeit und der «Anschiss» sind Zeichen für eine Gefühlsblockade. Für Sie geht es jetzt nicht darum, zu fliehen, sondern darum, standzuhalten – und wieder Fluss und Bewegung in Ihr Gefühlsleben zu bringen.

Ich empfehle Ihnen deshalb, dass Sie sich – ohne allzu viel zu denken – auf Ihre Verliebtheit einlassen: Drücken Sie Ihre Gefühle aus – und versuchen Sie, der anziehenden Kollegin näher zu kommen. Wenn es Ihnen dazu an Mut und Flexibilität fehlt, kann Ihnen die Begleitung eines Psychotherapeuten oder einer Psychotherapeutin helfen. Man wird Ihnen bei der Reflexion der laufend auftauchenden Gefühle und Ängste behilflich sein. Ziemlich sicher werden alte, unfruchtbare Erfahrungen auftauchen, die Sie behindern, deren hemmende Wirkung sich aber heute auflösen lässt.

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Ein solches Vorgehen würde ich nicht als «Verpuffen von Energie» bezeichnen, sondern als eine Investition in Ihre Persönlichkeitsentwicklung – auch wenn es sich bei Ihrer Kollegin nicht um die Frau Ihres Lebens handeln sollte. Man kann schliesslich nur schwimmen lernen, wenn man ins Wasser springt.

Leider kommt es immer wieder vor, dass sich Menschen nach einer grossen Liebesenttäuschung zurückziehen und sich aus Angst vor neuen Wunden nicht mehr engagieren. Mir kommt diese Haltung ebenso unsinnig vor, wie wenn jemand bereits heute mit dem Leben aufhören wollte, weil an seinem Ende mit tödlicher Sicherheit der Tod kommt. Die Erkenntnis, dass alles irgendwann zu Ende geht, sollte uns allen vielmehr Anlass sein, auf das Leben zuzugehen und zu versuchen, alle seine Facetten, Höhen und Tiefen zu spüren. Liebeskummer, «Körbe» und Misserfolge gehören dazu. Wieso sich also von etwas Natürlichem entmutigen lassen?

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