Frage: «Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich bin sehr gern mit meinem neuen Freund zusammen, und wir erleben viel Schönes. Immer wieder aber liege ich nachts wach und denke an eine viel grössere Liebe, die leider einseitig ist. Trotzdem habe ich das Gefühl, der andere sei der Mann meines Lebens. Ich habe sogar schon geträumt, dass ich mich aus Kummer eines Tages umbringen werde. Am meisten beschäftigt mich zurzeit die Frage, ob ich diese grosse Liebe meinem Freund gestehen soll oder nicht. Ich möchte ihm nicht wehtun, ihn aber auch nicht belügen.»

Koni Rohner, Psychologe FSP:
So gut ich Ihr Problem verstehen kann: Es gibt keine Universallösung. Zunächst einmal müssen Sie einen Weg finden, um mit der unerfüllten Liebe klarzukommen. Entweder Sie teilen Ihre Gefühle dem «Mann Ihres Lebens» so lange und so deutlich mit, bis Sie Erfolg haben oder eine derart schmerzhafte Absage erhalten, dass sich die Fixierung auflöst. Oder Sie lernen, damit zu leben, dass die ganz grosse Liebe eben nicht realisierbar ist. Letzteres erfordert natürlich ein gewisses Mass an Demut. Ein Suizid dagegen wäre eine trotzige Auflehnung gegen dieses schmerzhafte Schicksal.

Wenn Sie mit der grossen Liebe erst einmal im Reinen sind, wird wahrscheinlich das Thema «Mitteilen oder nicht mitteilen?» an Bedeutung verloren haben. Es geht dann wohl eher um die Frage, ob Ihre Gefühle für den jetzigen Freund stark genug sind, um die Beziehung leben zu dürfen. Ich empfehle Ihnen hier eine lockere Einstellung: Solange Sie Ihrem Freund nichts Falsches vorspielen, finde ich es okay, dass Sie mit ihm zusammen sind. Wir alle haben nämlich ein Bedürfnis nach Kontakt, Liebe und sogar Sexualität, auch wenn uns Amors Pfeil nicht mitten ins Herz getroffen hat – so wie jedes Kind neben Nahrung auch Wärme, Geborgenheit und Zuwendung braucht.

Anzeige

Grundsätzlich halte ich wie Sie Ehrlichkeit und Echtheit für sehr wichtige Eigenschaften. Etwas pointiert formuliert: Nur Schwächlinge müssen lügen. Nur wenn wir grundsätzlich damit rechnen können, dass unser Partner die Wahrheit sagt, kann Vertrauen wachsen. Das bedeutet nicht, dass man sich wie in einem Glashaus benehmen muss. Man braucht dem anderen nicht alles zu sagen, was man erlebt oder fühlt. Aber was man mitteilt, sollte wahr und «kongruent» sein. Kongruent bedeutet, dass die Worte auch den wirklichen Gefühlen entsprechen.

Das ist gerade jetzt vor Weihnachten besonders aktuell. Oft sind wir nämlich durch die Festvorbereitungen gestresst, frustriert und deshalb auch leicht reizbar. Weil wir aber das Fest der Liebe feiern, würgen wir die negativen Gefühle herunter und versuchen lieb und friedfertig zu sein. Allzu oft geht das schief, und gerade unter dem Lichterbaum platzt die Bombe und verdirbt das ganze Fest.

Anzeige

Zur Ehrlichkeit gehört es also, rechtzeitig negative Gefühle zu äussern. Dabei ist es wichtig, den Auslöser der Gefühle nicht zu bekämpfen, ihm Vorwürfe oder gar Vorschriften zu machen. Vielmehr geht es darum, ihm zu zeigen, dass sein Verhalten Ärger, Wut, Schmerz oder Enttäuschung auslöst. Man überlasse es ihm, ob er weiterquälen oder sein Verhalten ändern will.

Geht man so vor, wählen die Konfliktpartner in der Regel das Zweite. Oder sie erläutern ihre eigenen Gefühle und finden sich in der Mitte. Wenn ich in der Psychotherapie mit zerstrittenen Parteien arbeite, ist es meine Hauptaufgabe, genau diese Spielregeln durchzusetzen. Doch wer sie einmal begriffen hat, kann mit ihnen auch ohne therapeutische Hilfe Konflikte lösen.

Achtung vor übertriebener Ehrlichkeit
Aufgepasst: Gerade in Partnerschaften kann übertriebene Ehrlichkeit auch dazu missbraucht werden, dem andern wehzutun oder, noch häufiger, ganz egoistisch seine eigenen Schuldgefühle loszuwerden. Wie ein kleines Kind beichtet man dem andern, damit sich das eigene schlechte Gewissen verflüchtigt. Auf diese Weise weicht man der Verantwortung für sein Handeln aus.

Anzeige

Noch wichtiger als die Ehrlichkeit gegenüber andern ist aber die Ehrlichkeit gegen sich selbst. Selbsttäuschung und Selbstbetrug sind für Seele und Gehirn äusserst ungesund. Wie sollen einem zudem andere vertrauen können, wenn man sich selbst nicht traut?

Manchmal braucht es Mut, sich ohne Scheuklappen mit der eigenen inneren Wirklichkeit zu konfrontieren. Wir sind eben – wie unsere Mitmenschen – alles andere als perfekt und haben Abgründe, Schwächen und Schattenseiten. Dennoch dürfen wir uns gern haben – Engel können wir ja dann im Himmel sein.