Aus psychologischer Sicht ist niemand zu anspruchsvoll oder zu heikel. Man darf allerdings auch nicht erwarten, dass andere Menschen unsere Erwartungen automatisch erfüllen und genau so sind, wie wir sie haben möchten. Vielmehr müssen wir unser Leben lang daran arbeiten, unsere Wünsche und Bedürfnisse mit den Angeboten und Anforderungen der Umwelt in ein Gleichgewicht zu bringen. Oft gilt es zu verzichten. Manchmal müssen wir uns durchsetzen und kreativ nach neuen Wegen und Konfliktlösungen suchen.

Das von Ihnen geschilderte Problem ist für Liebesbeziehungen typisch. In den ersten Wochen der Verliebtheit findet man alles am Partner oder an der Partnerin faszinierend. Nichts stört einen, es herrscht Harmonie und Begeisterung. Mit der Zeit wird man sich jedoch plötzlich der Macken und Eigenheiten des Gegenübers bewusst, und irgendwann beginnen uns bestimmte Verhaltensweisen des Partners zu stören und zu ärgern. Wer jetzt die Beziehung nicht mit der Illusion abbricht, es gäbe irgendwo einen anderen Menschen, der nahtlos zu einem passt, muss sich mit der Verschiedenheit auseinander setzen.

Es gibt keine «Kunst der Liebe», die Liebe ist vielmehr ein Geschenk. Aber es gibt die Kunst der Partnerschaftspflege. Es wäre langweilig, wenn der Partner immer genau unseren Wünschen entspräche. Ohne Dissonanzen gäbe es keine Herausforderung – weder die Beziehung noch die Partner würden sich entwickeln.

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Sie sollten also dem Konflikt nicht ausweichen, wenn Sie Ihre Lebendigkeit und Selbstachtung wieder finden wollen. Konflikt bedeutet jedoch nicht notwendig, dass daraus ein unfruchtbarer Streit entstehen muss. Konflikte lassen sich in der Regel lösen. Ich empfehle Ihnen, Ihrem Mann Ihre Gefühle möglichst offen mitzuteilen – ohne ihm Vorwürfe oder Vorschriften zu machen. Erstens fühlen Sie sich danach erleichtert, und zweitens ist es möglich, dass er sein Verhalten teilweise freiwillig ändert. Wahrscheinlich wird er Sie nicht einfach weniger begehren. Aber vielleicht kann er seine sexuelle Lust auf eine weniger bedrängende Weise ausdrücken.

Auch Negativgefühle mitteilen
Die meisten von uns haben Angst, einem uns nahe stehenden Menschen gegenüber negative Gefühle zu äussern. Oft schweigen wir lieber, weil wir befürchten, verstossen zu werden. Damit jedoch verursachen wir einen inneren Stau – und im Affekt brechen plötzlich alle Vorwürfe explosionsartig hervor, was zu einer verletzenden Gegenreaktion führen kann.

Wer kein Ventil hat, um seinen Enttäuschungen und seinem Frust Ausdruck zu geben, verliert die Lebenslust – und damit oft auch die Lust auf Sexualität. Wer sich hingegen traut, seine positiven und negativen Gefühle immer wieder sachlich mitzuteilen, wird die Erfahrung machen, dass er dadurch an Profil gewinnt.

Übrigens: Dass sich Auseinandersetzungen in der Partnerschaft lohnen, zeigt auch die Statistik – Verheiratete leben in der Regel nämlich länger als Singles. Vielleicht hält partnerschaftliches Engagement fit.