Das Problem:
Ich bin neidisch auf Leute, die einen Freund oder eine Freundin haben. Irgendwie werde ich gehemmt und schüchtern, wenn ich mit jemandem zusammen bin, der mich interessiert. Dabei geht es nicht um Liebe, eher um Kameradschaft. Ich war als Kind ziemlich mollig und wurde ausgelacht. Rührt meine Unsicherheit daher, dass ich oft ausgeschlossen und auf dem Schulweg gequält wurde?

Koni Rohner, Psychologe FSP:
Eine gute Freundschaft, in der man gegenseitig Vertrauen haben kann, ist etwas ganz Wichtiges im Leben, da haben Sie Recht. Sie ist vielleicht sogar wichtiger als aufregende Liebesbeziehungen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Aussenseiterrolle, die Sie im Schulalter innehatten, Sie bis heute unsicher macht. Aber auch wenn Ihre Reaktion verständlich ist, ist sie doch nicht mehr angemessen, denn die Zeit hat sich geändert. Leider hat Ihre innere Einstellung einen grossen Einfluss darauf, was Ihnen im äusseren Leben begegnet. Um sich zu befreien, müssen Sie deshalb die schmerzhaften Gefühle der Kinderzeit nochmals durchgehen.

Die Anfrage von Susie G. verweist auf das Thema Mobbing und Gewalt unter Kindern. Leider kommt dieses Phänomen viel häufiger vor, als Lehrer und Eltern glauben. Gerade weil uns derzeit Terrorismus, Krieg, Amoklauf und tödliche Familiendramen von Erwachsenen erschüttern, sollten wir der Friedenserziehung grosse Aufmerksamkeit schenken. Der erste Schritt besteht darin, dass Eltern wie Lehrer ihre Sensibilität für Gewalt unter Kindern verbessern. Aus meiner Praxis weiss ich, dass Grausamkeiten unter Kindern vorkommen, ohne dass die Erziehungspersonen davon eine Ahnung haben. Die Opfer schämen sich, darüber zu sprechen, und Täter schweigen aus Angst vor Bestrafung. Wenn ein Kind ungern zur Schule geht, nicht auf den Pausenplatz will oder körperliche Verletzungen zeigt, sollte man liebevoll, aber hartnäckig nachfragen, ob das Kind von anderen geplagt wird.

Anzeige

Opfer sind dick, dünn – oder normal
Der zweite Schritt besteht darin, die Situation nicht zu beschönigen und dem Opfer keine Ratschläge zu erteilen. Beides führt nur zu einer noch grösseren Entmutigung. Richtig ist es dagegen, die Gefühle des Opfers ernst zu nehmen und es zu ermuntern, darüber zu sprechen. Aussenseiter oder Kinder, die gequält werden, sind nicht selbst daran schuld. Es handelt sich offenbar um einen gruppendynamischen Prozess. Menschen neigen dazu, Sündenböcke zu finden, an denen sie ihre Aggressionen abreagieren können. Jeder kann Opfer werden – weil er zu dick, zu dünn oder zu normal ist.

Wenn Eltern erkennen, dass ihr Kind geplagt wird, sollten sie sich sofort an den Lehrer wenden. Dieser hat entweder gelernt zu intervenieren, oder er kennt Fachleute, die er beiziehen kann. Es geht nämlich darum, mit dem Quälgeist, den Opfern und den Mitläufern zu arbeiten. Repressionen, Strafen und Anschuldigungen haben keine bleibende Wirkung. Wenn es dagegen gelingt, bei den Tätern Mitgefühl zu wecken, kann sich die Situation nachhaltig verbessern.

Mathematik und soziales Verhalten
Besser als jede Intervention ist die Prävention, also der Gewalt vorzubeugen. Hier hat die Schule eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Sie sollte die Erziehung zu gewaltfreiem Sozialverhalten ebenso ernst nehmen wie Mathematik oder Englisch. Selbstverständlich sollten auch die Eltern am gleichen Strick ziehen.

Es gibt drei Dinge, die Kinder unbedingt lernen müssen. Sie sollten den Mut und die Fähigkeit erwerben, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und diese auch auszudrücken. Parallel dazu sollten sie ihre soziale Fantasie entwickeln. Wer sich in andere einfühlen kann, wird ihnen seltener wehtun. Drittens müssen sie lernen, wie man unvermeidliche Konflikte lösen kann, ohne Gewalt anzuwenden. Frieden schliessen kann man üben; und man kann auch lernen, einen Streit so zu schlichten, dass keine Partei zur Verliererin wird. Das ist ausserordentlich wichtig, denn Verlierer sind gekränkt und wollen sich früher oder später rächen.

Sigmund Freud hat vor fast 100 Jahren einen modernen Aufsatz über Sexualaufklärung geschrieben. Darin fragt er: «Was nützt es, einem zerlumpten Rock einen goldenen Flicken aufzunähen?» Leider gilt dies auch für die Friedenserziehung. Terrorismus und Krieg zeigen uns im Moment überdeutlich, dass der Mensch das gefährlichste Lebewesen auf der Erde ist. Er kann töten und zerstören – aber er kann auch lieben. In der Liebesfähigkeit liegt unsere grosse Chance. Ich bin überzeugt, dass wir dringend lernen müssen, im sozialen Nahbereich, aber auch weltweit friedlich zusammenzuleben. Ich hoffe nicht, dass sich diese Erkenntnis erst nach einem jahrelangen Blutvergiessen durchsetzen wird.