Erziehungskurs, erster Abend: Die teilnehmenden Eltern staunen, wie ähnlich sich die Probleme anderer Väter und Mütter anhören. Und wie normal sie plötzlich scheinen, die täglichen Aufräumaktionen, die schlafraubenden Nächte mit grippekranken Kindern, die ewigen Streitereien unter Geschwistern.

Trotz oder gerade wegen ihres Engagements empfinden viele Eltern den Alltag mit Kindern als aufreibend. Gewiss, es ist zuweilen anstrengend, Kinder zu erziehen und sinnvoll zu beschäftigen. Und daneben noch dem Haushalt oder Beruf gerecht zu werden. Und die eigenen Bedürfnisse – ein Entspannungsbad oder mit dem Partner essen gehen – nicht völlig zu missachten.

Herumjammern bringt aber nichts. Eine Überforderung zu verdrängen genauso wenig. Dennoch neigen wir als Eltern dazu, uns stets von unserer perfekten Seite zu zeigen. Folglich nehmen wir all die Arbeiten weiterhin auf uns und ignorieren Ermüdungserscheinungen konsequent.

Doch Vorsicht: Der Glaube, man habe immer alles im Griff, kann die ansonsten wertvolle Erziehungsarbeit negativ beeinflussen. Gestresste Mütter oder Väter können oft kaum mehr auf Sorgen und Wünsche ihrer Kinder eingehen, was diese zutiefst frustriert. Sie fühlen sich unverstanden und abgelehnt, ihr Selbstvertrauen kann sich dann nur mangelhaft entwickeln. Kinder reagieren auf einen stressreichen Familienalltag vermehrt mit Quengeln, Ungehorsam und Verweigerung – was ein Alarmsignal ist. Doch viele Eltern sehen darin ein Problemverhalten und reagieren unverhältnismässig. Statt sofort und nachhaltig etwas an der aktuellen Lebenssituation zu ändern, heisst es womöglich: Die Hand ist mir halt ausgerutscht.

Die Kinder durchschauen die Eltern

Damit es gar nicht so weit kommt, sollten Sie eine ehrliche Bilanz Ihrer persönlichen Belastbarkeit ziehen. Wie sind Hausarbeit, Kinderbetreuung und Berufsarbeit zwi-schen Ihnen und Ihrem Partner aufgeteilt? Wo könnten Sie öfter mal fünf gerade sein lassen? Wann und wie können Sie sich erholen? Wie möchten Sie die gemeinsame Zeit mit Ihrem Kind gestalten?

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Das Motto heisst: Weniger ist mehr. Wichtiger als jedes straffe Wochenprogramm sind nämlich die vielen kleinen Momente, in denen Ihr Kind etwas von Ihnen möchte. Diese wertvolle Zeit fördert die Beziehung zwischen Eltern und Kind. Es kann so sein Urvertrauen stärken, denn es weiss: Meine Eltern sind immer für mich da, wenn ich sie brauche. Und es braucht Sie offenbar gerade jetzt, weil es Ihnen den schön gezeichneten Dinosaurier zeigen will. Oder Ihre Meinung zu den Hausaufgaben hören möchte. Oder sich mit dem Bruder um eine CD zankt.

Ärgern Sie sich also nicht, wenn Sie bei der Hausarbeit unterbrochen werden. Freuen Sie sich darüber, dass Sie Ihrem Kind so wichtig sind. Auch wenn beim spontanen Besuch der Grosseltern nicht alles tipptopp glänzt. Kinder sollen ruhig mitbekommen, dass das Leben Ungereimtheiten enthält. Das ist besser, als ihnen Perfektheit vorzugaukeln. Durchschauen würden sie es ohnehin. Lassen Sie Ihre Kin-der lieber erfahren, wie sich die täglichen Herausforderungen meistern lassen. Das macht sie flexibel im Denken und Handeln.

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Alle Eltern stossen irgendwann einmal an ihre Grenzen. Muten Sie sich deshalb nur so viel zu, wie Sie auch bewältigen können. Wer sich einmal dazu durchgerungen hat, nicht in jedem Bereich perfekt sein zu müssen, fühlt sich besser.