Alles schien perfekt. Wir hatten uns zum Grillieren im Garten getroffen. Das Wetter war ideal, die Kinder spielten vergnügt. Doch plötzlich veränderte sich die Stimmung. «So eine Sauerei!», hörte ich meinen Freund Jürgen rufen. Mit hochrotem Kopf zerrte er seinen fünfjährigen Sohn Lukas hinter sich her. Marie, ebenfalls fünf, rannte weinend zu ihrer Mutter. «Die beiden haben halbnackt aneinander rumgemacht. So was ist doch nicht normal», wetterte Jürgen.

«Aber es sind doch Kinder, die machen das halt», entgegnete Maries Mutter. Eine heisse Diskussion entbrannte. Wann sind es Doktorspiele, wann sexuelle Übergriffe? Wann sollen Erwachsene eingreifen? Meine Freundin Karin, eine Psychologin, beruhigte die aufgebrachten Gemüter.

«Doktorspiele sind entwicklungspsychologisch gesehen etwas Normales», erklärte sie. Kinder sind von Anfang an sexuelle Wesen. Das Saugen an der Brust oder das Herumspielen an den eigenen Geschlechtsteilen bringt schon Babys Spass und Lust. Zwischen dem dritten und dem sechsten Lebensjahr wird am meisten «gedökterlet».

Kinder ziehen sich aus, untersuchen sich spielerisch gegenseitig und zeigen sich die Geschlechtsteile. Vielen wird erstmalig der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen bewusst. Sie spüren, was Spass macht und was unangenehm ist. Und das sei auch gut so, sagte Karin. Haben Kinder alles entdeckt, wird das Spiel langweilig und hört in der Regel von alleine wieder auf.

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So wie bei Erwachsenen darfs nicht sein

Das verstehe er schon, meinte Jürgen. «Aber es gibt doch sicher Situationen, die mit Spielen nichts mehr zu tun haben – oder?» «Ja, sicher gibt es das», entgegnete die Psychologin. Gefährlich und inakzeptabel werde es immer dann, wenn ein Machtgefälle zwischen den Heranwachsenden entsteht. Gehen die Handlungen über das kindliche Erkunden hinaus, entsprechen sie etwa mit oraler Stimulation der Erwachsenensexualität, oder werden einzelne Kinder wiederholt verletzt, dann habe das mit Spielen nichts mehr zu tun. Erwachsene müssen dieses sexuell übergriffige Verhalten unbedingt unterbinden und mit den Kindern besprechen. Am besten ist es, Eltern geben ihren Kindern zur Orientierung und Sicherheit Regeln an die Hand:

  • Doktorspiele unter Gleichaltrigen sind erlaubt, wenn alle Spielpartner einverstanden sind, sie freiwillig spielen wollen und die Spiele wirklich Spass machen.

  • Niemand darf dem anderen wehtun, jeder kann Nein sagen und das Spiel verlassen. Jeder hat das Nein des anderen zu akzeptieren. Sonst darf Hilfe bei den Erwachsenen geholt werden.

  • Es ist verboten zu drohen, zu erpressen oder zum Mitspielen zu zwingen.

  • Spitze oder harte Gegenstände sind tabu.

Die sachlichen Ausführungen der Freundin überzeugten, und die Grillparty nahm wieder ihren fröhlichen Gang. Später erzählte mir Jürgen, er habe zu Hause noch einmal mit Lukas gesprochen und ihm die Regeln erklärt. Daraufhin habe Lukas erwidert: «Aber Papa, das ist doch klar, dass wir nichts machen, was der andere nicht auch will. Da brauchst du keine Angst zu haben.»

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Ursula Enders: «Wir können was, was ihr nicht könnt! Ein Bilderbuch über Zärtlichkeit und Doktorspiele»; empfohlen für Kinder ab 4 Jahren; Verlag Mebes + Noack, 2009, 32 Seiten, Fr. 23.90