Neulich auf dem Spielplatz: Mütter mit kleinen Kindern haben sich zum nachmittäglichen Plausch versammelt. Die Kinder spielen, die Mütter widmen sich ihrem Lieblingsthema: der Bewertung der Kinder. «Max kann das schon, deine Mia aber noch nicht» – es werden Vergleiche gezogen und Erziehungstipps ausgetauscht.

«Also an deiner Stelle würde ich den Luca mal abklären lassen. Der kann sich ja gar nicht an Regeln halten», sagt eine Mutter zur Nachbarin. Wumm, das sitzt. Mancher Ratschlag wirkt wie ein Faustschlag, der auch noch Tage später das Gemüt trübt. Wie soll die Kritisierte reagieren?

Der angekratzte Selbstwert

Verunsicherung ist typisch im erzieherischen Alltag. Einmischungen von aussen kommen meistens ungefragt und unerwünscht und stellen das eigene Erziehungskonzept oft in Frage. Sie werden als Angriff gedeutet – schliesslich gehört es zum Selbstverständnis der Eltern, die Erziehung im Griff zu haben.

Und: Meist ziehen Mütter aus ihrer Rolle einen grossen Teil ihres Selbstwertgefühls. So bildet sich um Kind und Mutter eine Art unsichtbare Schutzhülle. Wer da hineinsticht, trifft den Beschützerinstinkt: «Wie bitte, da findet jemand mein Kind unmöglich?» Sofort richten sich alle Stacheln gegen die eingreifende Person. Kann man in solchen Situationen überhaupt souverän reagieren? Ja, das kann man.

Ignorieren und sich seinen Teil dazu denken ist eine Möglichkeit. Vom Thema ablenken und etwa über den letzten gemeinsamen Ausflug mit den Kindern plaudern eine andere. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: sich für die Anregung bedanken und erklären, man werde darüber nachdenken. Kleiner Nebeneffekt: Das Thema ist abgehakt, längere Belehrungen werden vermieden.

Allerdings: Eine Aussensicht kann auch bereichernd sein und zu Diskussion und Refle­xion anregen. Nicht selten haben Erziehende einen Tunnelblick, und da kann eine andere Wahrnehmung helfen, wieder mehr nach rechts und links zu schauen.

Grosseltern möchten gerne helfen

Delikater wirds, wenn sich die Grosseltern in die Erziehung einmischen. Mit wohlmeinenden Aufforderungen wie «Du musst deinem Sohn helfen, die Leiter hochzusteigen, er ist doch noch so klein» untergraben sie wieder einmal die laufende Erziehung zur Selbständigkeit. Hier schaffen Gelassenheit und Humor etwas Distanz. «Ich weiss, was ich ihm zutrauen kann, er ist gross genug» – wer so reagiert, setzt ein wichtiges Signal, das die erzieherische Kompetenz unterstreicht und von Selbstwert­gefühl zeugt.

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Eltern wollen nur das Beste für das Kind. Dabei orientiert sich «das Beste» manchmal mehr an den eigenen Bedürfnissen als an jenen der Kinder. Doch jedes Kind ist einmalig. Wenn es gelingt, es in seiner Einmaligkeit zu akzeptieren, kann das immun machen gegen jede Besserwisserei.

«Schoggi hat nie geschadet»

Die Betonung der Individualität hilft auch gegenüber jenen netten Menschen, die an der Supermarktkasse verkünden, ein Stück Schoggi habe noch niemandem geschadet, wenn das brüllende Kind genau danach verlangt. Sie können ja nicht wissen, dass der Schokoladenverzicht abgesprochen ist und der Schreihals nur mal wieder seinen Willen durch­setzen will. Wenn Eltern dann unmissverständlich sagen: «Wir haben abgemacht, dass es heute keine Schoggi gibt», signalisieren sie, dass sie wissen, was sie tun, und dass sie konsequent bleiben. Das macht Eindruck, gibt Selbstvertrauen und Sicherheit.

Der Ton macht die Musik

Aber ist Erziehung tatsächlich unantastbar? Ist es nicht auch legitim oder gar eine Pflicht, einen erzieherischen Missstand zu benennen oder das Verhalten fremder Kinder zu hinterfragen?

In gewissen Situationen ist es wichtig und richtig, sich zu Wort zu melden. Etwa wenn man den Eindruck hat, Eltern seien überfordert und Kinder würden darunter leiden.

Allerdings sind Kritik und Belehrungen immer fehl am Platz. Der Ton macht die Musik – oder, wie Max Frisch es ausdrückte: «Man sollte dem anderen die Wahrheit wie einen Mantel hinhalten, dass er in sie hineinschlüpfen kann, und sie ihm nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen.»

Wie sich ein fremdes Kind gegenüber Vater oder Mutter verhält, gehört in die Rubrik «anderer Leute Kinder». Wenn allerdings ein Kind zu Besuch ist, das die häuslichen Regeln der Gastfamilie missachtet, ist es wichtig klarzumachen, wie der Hase läuft. Ebenso, wenn ein fremdes Kind beleidigend oder handgreiflich wird. Hier ist es ein Muss, die Grenzen aufzuzeigen. «Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf», besagt ein afrikanisches Sprichwort. Im Idealfall bekommen die Kinder nicht nur Grenzen gesetzt, sondern gewinnen auch Sicherheit.

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Kritik auf sanfte Art: So gehts

  • Von eigenen Erfahrungen berichten. Zum Beispiel: «Ich hatte auch Probleme, konsequent zu sein. Aber die Informationen aus Büchern und Zeitschriften haben mir weitergeholfen.»
  • Eigene Befindlichkeiten aus der Situation heraus formulieren. Beispiel: «Oje! Ich bin vor Schreck richtig aufgesprungen, als du grad so losgebrüllt hast.»
  • Einen besseren Zeitpunkt für ein Gespräch mit den Eltern suchen, statt in der Krisensituation direkt zu intervenieren.
  • Direkte Hilfe und Unter­stützung anbieten. Mitleid oder Kritik vermeiden und ganz sachlich formulieren. Beispiel: «Ich leihe dir meine Erziehungsbücher gern mal aus.» Oder: «Wir können zusammen einen Erziehungskurs besuchen, davon kann ich auch profitieren.»
  • Wenn das Wohl des Kindes stark gefährdet erscheint und fremde Hilfe abgelehnt wird, kann auch eine Meldung an die Kindesschutzbehörde angezeigt sein.

Buchtipps

  • Veronika Immler, Antje Steinhäuser: «Die Monster anderer Eltern. Von Sandkastenterroristen, Schulhofmonstern und anderen Nervensägen aus der erziehungsfreien Zone»; Verlag Redline Wirtschaft, 2012, 200 Seiten, CHF 16.90

  • Matthias Kalle, Tanja Stelzer: «Der Elternknigge. Ein etwas anderer Erziehungsratgeber»; Verlag Berlin, 2011, 192 Seiten, CHF 14.90
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