Vanessa kommt nach der Schule völlig aufgelöst nach Hause. Als die Mutter fragt, was los sei, bricht die Zwölfjährige auf der Stelle in Tränen aus. Sie klagt über ihre ab sofort nicht mehr beste Freundin, doch vor lauter Heulen versteht die Mutter bloss ein paar zusammenhanglose Wortfetzen. Vanessa lässt sich nicht beruhigen und wird nun gar wütend über ihre Mutter, weil die ja «doof ist und eh nix kapiert». Die Mutter steht hilflos da, während Vanessa ins Zimmer stampft und die Tür hinter sich zuknallt.

Solche Szenen kommen in vielen Familien vor – bezeichnend für den Beginn der sogenannt zweiten Trotzphase: der Pubertät. Vanessas Gefühlsausbruch kann hormonell bedingt sein. Hat man diese Erklärung im Hinterkopf, fällt es Eltern leichter, ruhig damit umzugehen. Dennoch entschuldigt der Entwicklungsstand des eigenen Kindes nicht grundsätzlich jedes Verhalten. Verbale Attacken sind inakzeptabel, vor allem, wenn sie unter die Gürtellinie gehen.

Junge Teenager müssen erst mal mit all den körperlichen und psychischen Veränderungen klarkommen. Das fällt nicht immer leicht und braucht die geduldige Unterstützung der Eltern. Es hilft, ein Gespräch anzubieten: «Willst du mir erzählen, was genau passiert ist?» Man tut gut daran, dem Teenager volle Aufmerksamkeit zu schenken und das Gehörte in eigenen Worten zu wiederholen, um sicher zu sein, alles richtig verstanden zu haben.

Spiegeln Sie das Gefühl Ihres Kindes, indem Sie es fragen, ob es jetzt enttäuscht, traurig oder aber wütend sei. So lernt der junge Mensch, das eigene Gefühlschaos besser einzuordnen, und fühlt sich ausserdem von Ihnen verstanden. Ist ein Gespräch nicht möglich, weil der Teenager noch zu aufgebracht ist, sollten Sie ihm eine Pause verordnen. «Geh erst mal in dein Zimmer und beruhige dich. Wir werden später über dein Problem reden und gemeinsam nach einer Lösung suchen.»

Mit Grenzen klarkommen – eine Altersfrage

Wie verhält es sich aber bei jenen Kindern, die weder Kleinkind noch Teenager sind – aber dennoch oft mit Trotz reagieren? Der achtjährige Jens tickt regelmässig aus, wenn er nicht bekommt, was er haben möchte. Er wirft sich auf den Boden, schreit und schlägt um sich – der Entwicklungsstand eines Dreijährigen. Offenbar hat er noch nicht gelernt, mit Frustration umzugehen. Die geeignete Zeit, um seinem Kind beizubringen, mit Grenzen – ­eigenen und von aussen gesetzten – klarzukommen, ist nämlich im Alter zwischen 18 Monaten und fünf Jahren.

Die meisten Kinder trotzen, die einen früher, die andern später. In unseren ­Augen mag es ein kleiner Frust sein, wenn das Dreirad umfällt, der Teller die falsche Farbe hat oder es vor dem Zmittag keine Glace gibt. Aber aus kindlicher Sicht handelt es sich dabei durchaus um Probleme, die kurzzeitig das innere Gleichgewicht ins Schwanken bringen. Wer seinem Kind in dieser Situa­tion ruhig und geduldig Unterstützung anbietet, hilft ihm, sich weiterzuentwickeln.

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Wenn aber das Kind die Hilfe ablehnt und seinen Gefühlen noch weiter Luft verschaffen muss, indem es weiter tobt und quengelt, hilft ignorieren am besten. Ihr Kind wird schnell begreifen, dass es mit dieser Verhaltensweise keinen Erfolg hat – und die Glace eben doch erst nach dem Zmittag bekommt.